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Rottenburg Sprint durch vier Jahrzehnte Musik

Von
Günter Dzikowski, Wolfgang Ambros und Roland Vogel hasteten musikalisch durch vier Jahrzehnte. Foto: Morlok Foto: Schwarzwälder Bote

Zum "ersten Konzert im heurigen Johr" bat Austrias Liedermacher-Legende Wolfgang Ambros seine Fangemeinde in die Rottenburger Festhalle.

R ottenburg. Und die Fans folgten dem Guru, der seine komplizierten Geschichten mit seiner ureigenen Poesie, die er nicht nur mit dem Wiener Schmäh, sondern auch mit einer ordentlichen Lackschicht zwecks Langzeitgarantie unter die Leute bringt.

Es war wie ein Wiedersehen mit einem alten Freund, der viele der Besucher schon den Großteil ihres Lebens begleitet. Jedes der Lieder, und waren sie auch noch so alt, wurde begeistert empfangen. Ambros live ist – trotz des sehr angegriffenen Zustandes des nicht ganz 66-jährigen Künstlers – einfach ein Erlebnis.

Ambros prägte mit seinem knarzigen Gesangsstil, seiner großartigen Blues-Harp und seinem soliden Gitarrenspiel den Austria-Pop der letzten 40 Jahre. Es war, als würde ein Musikgigant hinterm Watzmann hervorkraxeln oder kurz die Kruft auf dem "Zentralfriedhof" verlassen, um nochmals die Huldigung seiner Jünger entgegen zu nehmen.

Apropos Jünger. Irgendein pfiffiger Programmgestalter hatte ihm für diesen Auftritt in der Bischofsstadt auch den Song "Mir geht es wie dem Jesus" aus seinem riesigen Repertoire ausgesucht. "Mir geht es wie dem Jesus, doch hab ich nicht die Klassen. Denn ich verwandle nur den Wein, in Wasser, das ich lasse" sang er und weiter: "Und wie der Jesus sage ich, heiteren Gesichts, das Leben ist ein Heidenspaß, für Christen ist das nichts". Für das Publikum und den Künstler selbst war`s ebenfalls ein Heidenspaß und nur ein Schelm kann Böses dabei denken und irgendwelche Absicht unterstellen. Keine Absicht waren sicher auch die trockenen Brezeln und die Discounter-Getränke, die zu exorbitant hohen Luxus-Preisen unter die Leute gebracht wurden.

Begleitet wurde Ambros an diesem Abend vom Tastenkünstler Günter Dzikowski, mit dem er bereits in den 1970er-Jahren die Band "Die No. 1 vom Wienerwald" gründete. Die zwei Musiker kennen sich also schon eine gefühlte Ewigkeit und entsprechend sicher war auch ihr Zusammenspiel. Am Anfang fühlten sie sich vielleicht etwas zu sicher, da sie den Schlussakkord des Tom Waits Klassikers "Ol’ ’55" etwas versemmelten.

Hörte man genau hin, entdeckte man auch die Botschaft zwischen den Zeilen

Aber Ambros wäre kein echter Profi, hätte er dafür nicht auch eine prima Ausrede parat gehabt. Er erzählte allen Ernstes, dass sein viel zu früh verstorbener Freund Georg Danzer ab und zu bei einem Lied vor dem vorletzten Akkord aufgehört habe, um den Spannungsbogen beim Publikum aufrecht zu halten. "Die wissen so nie, ob du fertig spielst oder nicht", soll ihm Danzer, sein langjähriger Partner bei "Austria 3", erklärt haben. Immer auf den Punkt fertig war der dritte Mann auf der Bühne, der Saitenkünstler Roland Vogel, der für jeden Sound die richtige Klampfe dabei hatte.

Zu Dritt malten sie Klangbilder voll wunderbarer Harmonien. Ob Blues, Country, Folk oder Rock, der Mix in den Arrangements stimmte. Doch was man vermisste, das war die Kraft früherer Tage in der Stimme von Wolfgang Ambros. Krankheiten haben ihm in den vergangenen Jahren extrem zugesetzt und selbst als Hardcore-Fan war man bei so manchem Lied immer mal wieder am überlegen, warum sich der Künstler die Strapazen einer solchen Tournee überhaupt noch antut.

Extrem wackelig kommt er auf die Bühne, hält sich an allem fest, was ihm auf dem Weg zu seinem Stuhl in der Mitte der Bühne in den Weg kommt. Sein Freund Dzikowski hilft ihm auf den Hocker, auf dem er das ganze Konzert über geradezu zusammengekauert sitzt. Er muss sich auf sein Instrument konzentrieren und auf den Text, der aber auf einem bereitstehenden Laptop angezeigt wird.

Hörte man genau hin, entdeckte man auch die Botschaft zwischen den Zeilen, so scheint es, dass Ambros auf Abschiedstournee ist. Er hat scheinbar genug. Genug vom "Schifoan", vom Glauben daran "Langsam wochs’ ma z’amm" oder von der "Blume aus dem Gemeindebau." Heute setzt er seine Schwerpunkte auf eine Art von Traurigkeit, die sich wie der stetig wabernde Bühnennebel über den Saal legte. "Hier macht sich die "Tendenz zur Demenz" ebenso bemerkbar wie sein Wunsch: "A Mensch möchte i bleibn – kei Nummer will i sei."

Als der Altmeister mit der Trambahn Richtung Favoriten fährt und fordert "Zwickt‘s mi" kommt zum ersten Mal nach 90 Minuten so etwas wie Stimmung im Saal auf, doch bereits beim Uralt-Song "Die Kinettn wo i schlof" holt ihn seine Traurigkeit wieder ein. "Eine Kinettn ist eine Baugrube", erklärt er und nimmt sein Publikum mit zum Ursprung dieses Liedes. Im blauen Bühnennebel macht er sich dann zum selben Liedtext Gedanken über den Tod. Grauselig schön.

Es war ein Konzert, dessen Mitschnitt sich nun wirklich nicht für den Deutschunterricht eignet und das irgendwie an einen Sprint durch vier Jahrzehnte Wolfgang Ambros erinnerte. Seinen mühsamen Ansagen, die mehr genuschelt und nur sehr schwer verständlich übers Mikro kamen, fehlte oft der Bezug zum Lied und doch verzieh ihm seine große Anhängerschar jeden Patzer. Sie waren froh, dass "ihr Wolferl", der längst zum unnahbaren Herrn Ambros wurde, für zweieinhalb Stunden bei ihnen war und dankten es ihnen mit frenetischem Schlussapplaus.

Ihre Redaktion vor Ort Horb

Florian Ganswind

Fax: 07451 9003-29

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