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Rottenburg Sie galten als Schwerverbrecher

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Helmut Kurz sammelte 27 Jahre das Material für sein Buch (rechts) über religiöse Kriegsdienstverweigerer. Links hält er ein Buch des Soziologen Gordon C. Zahn, über den er in den 70er-Jahren erstmals mit dem Thema in Berührung kam. Foto: Diözese Foto: Schwarzwälder Bote

Rottenburg. Helmut Kurz hat das Buch "In Gottes Wahrheit leben" veröffentlicht, in dem der Rottenburger die Lebensläufe von 22 religiösen Kriegsdienstverweigerern im Zweiten Weltkrieg vorstellt. Darunter befindet sich auch Josef Ruf aus Hochberg bei Bad Saulgau. So wie die meisten Kriegsdienstverweigerer kam auch Ruf vor ein Kriegsgericht, das ihn zum Tode verurteilte und hinrichten ließ.

Herr Kurz, was hat Sie dazu bewogen, sich mit den Lebensläufen der religiösen Kriegsdienstverweigerer zu beschäftigen?

Erstmals kam ich in den 70er-Jahren durch ein Buch des amerikanischen Soziologen Gordon C. Zahn mit dem Thema in Kontakt. Ich fragte daraufhin bei Historikern nach und erhielt die Antwort, dass das ein so abseitiges Thema ist, dass es dazu nichts gibt und schon gar keine Namen. So bin ich auf die Spur gekommen. Mit der Stoffsammlung habe ich dann 1993 begonnen.

Wie kam es dazu?

Während eines Kurses hatte ich zufällig davon erfahren, dass Franziska Jägerstätter, die Witwe des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter, der im Zweiten Weltkrieg hingerichtet worden war, in der Nähe lebt und mich mit ihr getroffen. Das gab mir den Anstoß. Das intensive Schreiben hat dann drei bis fünf Jahre gedauert.

Warum ist das Schicksal der von Ihnen recherchierten Kriegsdienstverweigerer so wenig bekannt?

Das hat viele Ursachen. Zunächst gab es nach dem Krieg wenig Interesse an dem Thema. Die Angehörigen waren oft traumatisiert. Kriegsdienstverweigerer galten im Dritten Reich ja als Schwerverbrecher. Nach Vollstreckung der Todesurteile durfte keine Traueranzeige erscheinen. Es gab höchstens eine stille Messe ohne Namensnennung. Kriegsdienstverweigerer galten als Feiglinge und Drückeberger. Da gab es viel Scham und Zurückhaltung auf Seiten von Angehörigen. Hinzu kommt, dass die Rolle der Kriegsgerichte während der NS-Diktatur eigentlich erst im Zuge der Filbinger-Affäre Ende der 70er-Jahre Eingang in die öffentliche Debatte fand.

Mit Josef Ruf greifen Sie das Schicksal eines Mannes aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf. War er der einzige katholische Kriegsdienstverweigerer in Württemberg, der aus seinem Glauben heraus handelte?

Der einzige katholische Verweigerer, der namentlich bekannt ist. Wahrscheinlich gab es mehrere, doch wir wissen von ihnen nichts. Von evangelischer Seite habe ich Theodor Roller aufgenommen, von Jehovas Zeugen Bernhard Grimm.

Welche Überlegungen spielten bei Josef Ruf eine Rolle?

Josef Ruf war tiefgläubig und mit 19 Jahren in den Franziskanerorden in Sigmaringen-Gorheim eingetreten. Später schloss er sich der Christkönigsgesellschaft in Meitingen bei Augsburg an, deren Gründer der Priester Max Josef Metzger war, ein Pazifist, der ebenfalls von den Nazis zum Tode verurteilt wurde. Metzger war zudem Mitglied des Friedensbundes Deutscher Katholiken. Für Josef Ruf war der Kriegsdienst mit der Lehre Christi nicht zu vereinbaren. Seinen letzten Weg wollte er mit einer großen Liebe im Herzen zu Christus gehen, so schrieb er im letzten Brief in der Nacht vor seiner Hinrichtung. Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" und die Bergpredigt gaben weitere Impulse für seine Gewissensentscheidung.

Ist sein Beispiel typisch für das Schicksal der anderen Lebensläufe, die Sie in Ihrem Buch beschreiben?

Nein, die Lebensläufe sind sehr unterschiedlich. Es finden sich auch Beispiele darunter, in denen der Griff zur Waffe nicht generell abgelehnt wird, doch aber der Schwur auf Hitler.

Wussten die Männer, welche ernsten Konsequenzen ihre Verweigerung nach sich zog?

Ja, das war ganz klar.

Wir leben heute in einer Zeit, in der wieder mehr Platz für Nationalismen ist. Wie bewerten Sie diese Entwicklung vor dem Hintergrund Ihres Buchthemas?

S eit der Aussetzung der Wehrpflicht ist das Thema Kriegsdienstverweigerung in den Hintergrund gerückt. Gleichzeitig scheint es mir in unserer Zeit doch so zu sein, dass sehr viel Geld für die Rüstung ausgegeben wird und Krieg wieder in den Bereich des Denkbaren kommt. Da ist es wichtig, sich auch in der Gegenwart an diese Menschen zu erinnern.

Heute protestieren die jungen Menschen eher für den Klimaschutz als für eine Welt ohne Krieg. Stimmt Sie das nachdenklich?

Nein. Dieser Protest ist wichtig und richtig. Die Kriegsdienstverweigerer, von denen ich in meinem Buch berichte, haben zu ihrer Zeit Alternativen aufgezeigt und dem Mainstream ein klares Nein entgegengesetzt. Das, so finde ich, ist eine zeitlose Haltung und wann immer es in unserer Welt um Militäreinsätze geht, kommt die Frage der Verweigerung ja auch sofort wieder auf.

Helmut Kurz (82) war Religionslehrer am Tübinger Kepler-Gymnasium und arbeitete als Fachleiter für katholische Religionslehre am pädagogischen Seminar in der Lehrerausbildung. 1983 war er Gründungsmitglied der Rottenburger Pax-Christi-Ortsgruppe und ist der katholischen Friedensbewegung seitdem verbunden. Das Buch "In Gottes Wahrheit leben" ist im Donat-Verlag erschienen und kostet 18 Euro. Es hat rund 320 Seiten und enthält neben den Biografien von 22 religiösen Kriegsdienstverweigerern eine historische Einordnung über Kriegsdienstverweigerung in der NS-Zeit und über den Verlauf der Debatte nach dem Krieg.

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