Der Mercedes "überfährt" richtigerweise den Schutzstreifen für Fahrräder, Ortsvorsteherin Diana Arnold schaut sich die Situation vom Gehweg aus an. Auf Höhe der Ortsdurchfahrt ist die Fahrbahn zusätzlich rot bemalt. Foto: Straub Foto: Schwarzwälder Bote

Verkehr: Schutzstreifen verwirrt Rad- und Autofahrer auf dem Weg von Wendelsheim nach Oberndorf

In Oberndorf läuft ein Landesversuch für einen Fahrradschutzstreifen außerorts – die Erfahrungen sind bisher durchwachsen

Rottenburg-Oberndorf (stb). Ein Schutzstreifen verwirrt Rad- wie Autofahrer auf dem Weg von Wendelsheim nach Oberndorf gleichermaßen. Da kann es vorkommen, dass einem Autofahrer plötzlich Radfahrer und Jogger auf ihrer Fahrbahnseite entgegen kommen. Oder dass Autofahrer, wenn keine Radfahrer da sind, trotzdem nicht über die gestrichelte Linie fahren und weit auf die Gegenseite kommen. Nur, war es vorher besser? Jedenfalls fahren Autos, obwohl höchstens 70 Stundenkilometer erlaubt sind, auf der Strecke oft deutlich schneller.

Bei dem Schutzstreifen handelt es sich um Test, den einzigen dieser Art im Landkreis Tübingen. "An sich gibt es außerorts keine Fahrradschutzstreifen", erklärt Ortsvorsteherin Diana Arnold. Im Hauptberuf ist sie Polizistin. Seit Sommer des vergangenen Jahres läuft der Modellversuch des Landes Baden-Württemberg auf der K 6938, der an Oberndorf vorbeiführenden Hauptstraße in Richtung Reusten. Anfangs habe sie viele Beschwerden erhalten, berichtet Arnold. Inzwischen haben sich die meisten Ortskundigen daran gewöhnt. Nach einem halben Jahr fällt ihre Bilanz durchwachsen aus. "Es kommt trotzdem immer wieder zu gefährlichen Situationen", sagt Arnold. Ihr Vorschlag ist deshalb, die Höchstgeschwindigkeit auf 50 statt auf 70 Stundenkilometer zu begrenzen. Das käme auch den Anwohnern entgegen, die über lauten Verkehr klagen.

Ursprünglich war an der Stelle ein Randstreifen als Radweg geplant. Dazu hätten teils nur zehn, fünfzehn Zentimeter gefehlt und die Anwohner seien verkaufsbereit gewesen, so Arnold. Weil aber laut einem Gutachten dort Zauneidechsen leben, ging das nicht. Theoretisch gibt es einen ausgeschilderten Radweg durch den Ort, doch der ist kompliziert zu fahren. Nach Arnolds Beobachtung nutzen diesen vor allem Familien mit Kindern. "Ein Radweg muss geschickt sein", sagt Arnold. Deshalb fuhren bisher schon viele Radfahrer den direkten Weg auf der Hauptstraße. Insofern ist der Randstreifen eine Verbesserung. "Bremsen müssen Autofahrer bei einem Radfahrer auf der Straße auch ohne Schutzstreifen und beim Überholen zwei Meter Abstand halten."

Der Ortschaftsrat diskutierte das Thema in mehreren Sitzungen schon kontrovers. An sich, so der Tenor, sei die Idee gut. Doch viele Autofahrer sind sich zum Beispiel auch unsicher, inwieweit sie den Streifen benutzen dürfen. "Überfahren der gestrichelten Linie ist erlaubt", erklärt Arnold. Sonst komme man zu weit auf die Gegenseite. "Das sagt eigentlich schon der gesunde Menschenverstand." Die größte Gefahr sieht sie für die Jogger. Sie joggen nicht nur in Fahrtrichtung, sondern auch dagegen, teils bei Dunkelheit: "Das ist extrem gefährlich."

Den Radweg auf die andere Seite zu verlagern, wäre ebenfalls schwierig. Das zuständige Landratsamt Tübingen hat diese Alternative geprüft. Dort verläuft bereits ein Schotterweg. Allerdings müsste von Wendelsheim her die Hauptstraße für ein kurzes Stück überquert werden. Wenn der Radweg nach Reusten gebaut ist, verläuft dieser ebenfalls wieder auf der anderen Seite, so dass eine zweite Überquerung notwendig wäre. Nach Reusten soll ein "asphaltierter Beiweg" entstehen, also ein "richtiger" Radweg. Die Fahrbahn für Autos wird sich nur um 50 Zentimeter vergrößern und künftig weniger Kuppen und Gefahrenstellen haben.

Der Teststreifen entlang der K 6938 ist seit dem vergangenen Frühjahr als Pilotprojekt vom Landesverkehrsministerium zugelassen, wie Jens Kehrer berichtet. Der Sachgebietsleiter Straßenbau beim zuständigen Landratsamt Tübingen sagt: "Wir haben bislang keine positiven und keine negativen Rückmeldungen." Zugelassen ist die Strecke nur für Fahrräder in Fahrtrichtung. Dass manche Radler auch entgegengesetzt fahren und auch vereinzelt Jogger die Strecke benutzen, ist Kehrer noch nicht zu Ohren gekommen. "Für die Autofahrer müsste die Situation klar sein", sagt Kehrer. Bislang habe es keine Unfälle gegeben.

Der Test sei zunächst bis Ende 2021 angelegt und soll gutachterlich begleitet werden. Dann werde sich entscheiden, ob der Streifen bleibt oder zurückgenommen werde.

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