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Rottenburg Ohne Musik geht es für ihn gar nicht

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40 Jahre lang war Eugen Schnell Musiklehrer an der Kreuzerfeld Realschule Rottenburg. Jetzt geht er in den Ruhestand. Seine Bilanz ist nicht nur positiv.

Rottenburg. Seinen Abschied hat er sich anders vorgestellt - ganz anders. 40 Jahre lang war Eugen Schnell Musiklehrer an der Realschule Rottenburg. Er hat einen Chor gegründet, eine Blaskapelle, eine Big Band. Unzählige Auftritte, Konzerte, Musikabende hat er geleitet, Hunderte Kinder an die Musik herangeführt. Und nun, nach 40 Jahren einen sang- und klanglosen Abschied?

"Keine Musik, kein Abschiedskonzert", sagt der 65-Jährige, der zum Ende des Schuljahres in den Ruhestand geht. "Wegen Corona droht alles ins Wasser zu fallen." Schon seit zwei Monaten könne er mit seinem Chor und seinen Bläsern nicht mehr proben. "Traurig, traurig. Corona hat alles auf null gefahren", meint er sichtlich bedrückt. "Aber was will man machen?"

Schnell, der Noch-Lehrer, ist ein eher schmächtiger Mann in Jeans und mit wachen Augen. Sein Alter sieht man ihm nicht an. Wenn er über die Gänge des Schulgebäudes eilt trägt er eine Mund- und Nasenmasken – mit Musiknoten als Design. Noch bevor man ein Wort mit Schnell geredet hat, weiß man also, um was sich sein Leben dreht. "Mein Leben ist Musik", sagt er ganz ohne Pathos. Und das ist keine Übertreibung, es ist ganz einfach die Wahrheit.

"Ich war Chorknabe in Kiebingen", beschreibt er seine allerersten musikalischen Anfänge. Es sei der Pfarrer gewesen, der ihn zur Musik brachte. Mit zehn Jahren habe er mit dem Akkordeon angefangen, dann mit dem Klavier, mit 14 sei die Orgel dazugekommen. Im zarten Alter von 15 Jahren habe er bereits eine Musikgruppe im Kirchenverein aufgebaut – "noch ziemlich jung also", kommentiert er im Rückblick. Das klingt, als sei er selbst ein wenig erstaunt über den jugendlichen Elan und Wagemut. Während die Kameraden Fußball spielten, habe er in der Kirche an der Orgel gesessen, mitunter den Chor dirigiert. Damit seien auch die Würfel in Sachen Berufswahl so gut wie gefallen.

"Mir war klar, dass ich Lehrer werden und was mit Musik machen wollte." An der Pädagogischen Hochschule Reutlingen studierte er daraufhin Musik und Katholische Religion, in Reutlingen erlernte er auch Klarinette, auch das war zukunftsweisend: "So bin ich zu den Blasinstrumenten gekommen." 1980 habe er dann an der Realschule Rottenburg angefangen.

Eher beiläufig lässt der Musiklehrer, der nur noch Wochen seines Berufsweges vor sich hat, einen Satz fallen, den man als sein Lebensmotto bezeichnen könnte: "Meine größte Freude ist es, wenn ich Kinder an die Musik heranführen kann." An der Schule habe, musikalisch gesehen, 1980 eher Ebbe geherrscht, doch bereits im ersten Jahr ging Schnell daran, einen Chor zu gründen, er rief freiwillige Musikgruppen ins Leben, die zeitweise 20 Prozent der Schüler besuchten. Ein Jahr später folgte die Bläserkapelle. Das Wichtigste war ihm dabei aber nicht musikalische Virtuosität oder besondere Leistungen Einzelner. "Es ist das Gemeinschaftserlebnis, das zählt. Ein Fünftklässler ist im Chor eben genauso wichtig, wie ein Zehntklässler, der schon seit Jahren dabei ist." Dieses Gemeinschaftserlebnis "sollte man jedem Kind ermöglichen", formuliert er sein musikpädagogisches Motto.

Bei so viel Engagement blieben Erfolge nicht aus. "Die Blaskapelle hatte so eingeschlagen, dass wir bald viele A uftritte hatten." Als Highlight bezeichnet er die Begegnungskonzerte, zwei Mal seien seine Bläser auf Begegnungskonzerten auf Bundesebene eingeladen worden – "als einzige Musikgruppe aus Baden-Württemberg" – Schnell nennt das "den Höhepunkt meiner Musikkarriere an der Schule".

Besondere Freude habe ihm die Big Band der Ehemaligen gemacht. "Die Blaskapelle war so toll, können wir nicht noch etwas weitermachen?", hätten Ex-Schüler gefragt. 1990 habe man dann eine vollwertige Big Band beieinander gehabt, "so wie man sie aus den großen Jazztagen in den USA kennt". Die Band sei heute noch aktiv, einige der Schüler mittlerweile weit über 50 Jahre alt.

Allerdings: Der künftige Ruheständler blickt durchaus auch kritisch zurück. Die Situation an der Schule sei schwieriger geworden. "Das Problem: Es darf jeder auf die Realschule", eben auch Schülerinnen und Schüler, die dem Leistungsniveau nicht gewachsen seien. Um nicht missverstanden zu werden, fügt Schnell hinzu: "Das hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun."

Auch in Sachen Musik habe sich manches nicht gerade zum Besseren verändert. Früher seien in den fünften Klassen in aller Regel einige Schüler gewesen, die ein Instrument lernten. "Heute spielt niemand mehr ein Instrument." Ein weiteres Beispiel: 40 junge Musikerinnen und Musiker habe die Blaskapelle zu ihren Hochzeiten gezählt – heute seien es noch 25. Dabei sage er den Kindern immer: "Selber Musik machen, das könnt Ihr ein Leben lang, das kann Euch niemand nehmen... Stellt Euch doch mal vor, es gebe keine Musik! Das ginge doch gar nicht... Musik gehört doch dazu: Vom Anfang bis zum Ende."

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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