Die 20. Jubiläumsausgabe der renommierten Auszeichnung zeigt die ganze Spannweite der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Martina Hefter gewinnt mit einem wunderbaren Tanz gegen die Schwerkraft: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“
Wann hat man schon einmal eine Lektorin, die mit einem ins Tattoo-Studio geht, um sich gemeinsam eine Wildbiene in die Haut brennen zu lassen? Das fragt Martina Hefter in ihrer Dankesüberwältigung für den Deutschen Buchpreis, der ihr gerade im Kaisersaal des Frankfurter Römer verliehen worden ist. Aber das erklärt den Zauber ihres Romans „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“, dem auch die Buchpreis-Jury verfallen ist, wohl nur unzureichend. Eher schon ihr Dank an die verstorbene Mutter, die ihre Verrücktheiten immer freundlich ausgehalten habe.
Dieser Roman ist ein einziger schöner Tanz gegen die Schwerkraft. Dabei handelt er von durchaus ernsten Dingen, trügerischen Internetphänomenen, von Alter, Depression, Krankheit, er hat einen kolonialen Horizont und über eine Wildbiene kommt dann auch noch die Ökologie ins Spiel. Aber all diese Themen treten in eine glückliche Konstellation wie ein Sternbild. Die im Allgäu geborene und in Leipzig ein ähnliches Leben wie ihre Hauptfigur führende Autorin und Performancekünstlerin entfaltet ein Geschehen zwischen Himmel und Erde, die Figuren heißen Juno und Jupiter, wohnen aber in einer Leipziger Mietwohnung in Verhältnissen, die etwas von der existenziellen Bedeutung von Literaturpreisen ahnen lassen.
Im Licht der Auszeichnung kann sich auch der Stuttgarter Klett-Cotta sonnen, der mit Iris Wolffs „Lichtungen“ gleich noch eine zweite Kandidatin im Rennen hatte. Überhaupt hat die Jury mit den sechs Shortlist-Nominierungen ein besonders glückliches Händchen bewiesen, als gelte es in dieser 20. Jubiläumsausgabe des Preises, noch einmal die ganze Spannbreite der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Revue passieren zu lassen.
Die wendige „Hasenprosa“ von Maren Kames schlägt vor jeder Sinnfestlegung reizvolle Haken ins Unentdeckte. Clemens Meyers Romanexpedition „Die Projektoren“ durch das jugoslawische Velebitgebirge lief, wie man bei Filmfestivals gerne sagt, schon vom Umfang her außer Konkurrenz.
Ronya Othmann zeigt in „Vierundsiebzig“ über den Genozid an den Jesiden, wie Ereignisse, die sich jeder Darstellung entziehen, zum Gegenstand der Sprache werden können. In „Von Norden rollt ein Donner“ legt Markus Thielmann unter touristischen Heideprospekten völkische Abgründe offen. Und Iris Wolff reist in „Lichtungen“ gegen den Strom der Zeit und demonstriert, was es bedeutet, dass man Ereignisse nur im Licht des Gewesenen verstehen kann.
Auf jeden Fall hat sich die Jury in diesem Jahr einen Sonderpreis für eine Auswahl verdient, die zwar eine Siegerin, aber keine Verlierer kennt.