Gegen muffige Klischees von gestern zeigt Lena Gorelik in ihrem neuen Roman, was Mutterschaft heute bedeuten kann.
Welche Bedeutung Mütter im eigenen Leben und überhaupt haben? Uferloser könnte man nicht fragen. Ein Tsunami von Abrechnungen, Annäherungen, alten, neuen und wieder aufgewärmten Ideologien, Rollenbildern, Zärtlichkeits-, Verhärtungs-, Liebes- und Leidensgeschichten würde über einen hereinbrechen. Doch wollte man die Bedeutung von Lena Goreliks hybridem Roman „Alle meine Mütter“ kurz und knapp umreißen, würde der Hinweis genügen: so war darüber noch nicht zu lesen.
Denn hybrid kann man dieses Buch nicht wegen der Anmaßung seiner Aufgabe nennen, sondern wegen der Mittel, ihr gerecht zu werden. Intimste Notate, distanzierte Reflexionen, imaginierte Erzählungen und dokumentarische Recherche fügen sich zu einem Text, der individuelle, unverfügbare Erfahrungen objektiviert, ohne sie dem Diktat eines Allgemeinen zu unterwerfen.
Wo Leben und Tod aneinanderstoßen
Und um zu beschreiben, wie Lena Gorelik dieses Kunststück gelingt, überlässt man sich am besten einer in diesem Zusammenhang naheliegenden Metaphorik. Der Ursprung der Welt ist hier an die Sprache geknüpft, sie ist die Mutter des Textes, dessen Genese man beiwohnt. Am Anfang steht der vage Wunsch, etwas zu schreiben, das „Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben“.
So wie Lena Gorelik, die mit elf Jahren aus Petersburg nach Deutschland kam, über den Horizont ihrer russischen Muttersprache hinausblicken kann, reicht auch das Panorama ihres gerade mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichneten Buches weit über die eigene Erfahrung hinaus, die den Ausgangspunkt bildet: die Kollision von dem, was Leben spendet, und dem, was es bedroht, in dem Wort Mammakarzinom. Die Mutter der Autorin hat die Diagnose Brustkrebs erhalten.
Mit „ich“ überschriebene Abschnitte wechseln mit Erzählungen aus dem Leben anderer, in die sich die diskrete Einbildungskraft der Autorin hineintastet. Sie folgt einer frisch von ihrem Mann verlassenen Frau durch das noch sozialistische Moskau in eine Klinik, in der man nur mit kleinen Gefälligkeiten wie Pralinenschachteln oder Kaviardöschen hoffen kann, ein „Löchlein Zeit“ des viel beschäftigten Arztes zu ergattern. Niemand weiß, wegen welcher „Frauendinge“, über die man nicht spricht, sie ihn aufsucht, außer der Erzählerin. Was sie auch weiß: „Dass die Sowjetunion einmal den Weltrekord an Schwangerschaftsabbrüchen gehalten hat. Dass viele Frauen bis zu zehn Mal abtrieben, und manche auch zwanzig Mal.“
Gewolltes und Ungewolltes durchdringen sich in der Mutterschaft, wie sie hier entfaltet wird. Die einen verteidigen die Liebe zu ihren Kindern gegen Rollstühle, Diagnosen, Bürokratie und das sanft diskriminierende Mitleid, das aus Äußerungen wie „Du machst das so tapfer, ich könnte das nicht“ spricht. Oder gegen die brutale Exklusion, die auf Wahlplakaten der AfD von den Straßenlaternen feixt: „Deutschland. Aber normal“. Man begegnet Müttern, die schlafen, solchen, die wachen, und Müttern, die Trauer tragen, weil sie ihre Söhne im Krieg verloren haben. Irgendwann blickt man in das Gesicht einer Frau aus Gaza, die ein in ein weißes Tuch gehülltes Kind hält, einen Knoten über seinem Kopf. Es wird nie wieder atmen.
Die leibliche Mutter muss nicht die einzig wahre sein
Bilder des Schmerzes kontrastieren solchen leiser Innigkeit, vielleicht am innigsten, wo beides aufeinandertrifft. „Bloß keinen Kitsch, denke ich, wenn man von Müttern und Kindern erzählt, bloß nicht zu viel Gefühl.“ Was aus dem Brustkrebsbefund resultiert, ist der Faden, der die einzelnen Teile zusammenhält. Es ist kein Zufall, dass der Text wie eine Patchworkdecke gearbeitet ist, sondern eine Möglichkeit, die die Erzählerin selbst schützend über ihre beiden Söhne gelegt hat. Über die Freundin ihres Mannes schreibt sie: „Für wenig bin ich im Leben so dankbar wie für den Menschen, der für meine Kinder auch eine Mutter ist. Alle Bezeichnungen, die unsere Sprache parat hält, passen nicht, behaupten eine Hierarchie: dass die leibliche Mutter die wichtigere, die wahre sei.“
Wer sind die Frauen hinter den Müttern? „Du weißt gar nicht, wer ich bin“, sagt die der Autorin einmal, „wer ich bin als Mensch.“ Auf behutsame Weise lernt man sie kennen: als schöne Frau, an deren Hals die Tochter wie ein kleines Äffchen hängt; eine Mutige, die einst die Ausreise aus Russland gewagt und allen damit verbundenen Unsicherheiten und Entbehrungen getrotzt hat wie jetzt dem bösartigen Tumor; eine gute Menschenkennerin, ein besonderer, differenziert denkender Mensch, wie die Freundinnen der Erzählerin schwärmen, wo sie selbst immer „nur“ die Mutter gesehen hat.
Aber was heißt schon „nur“, wenn darin außer den Beziehungen zwischen Müttern, Töchtern und Söhnen auch die Platz finden, die für sich zu dem Schluss gekommen sind, niemals Kinder haben zu wollen. Oder die, die in Lena Goreliks Muttersprache wörtlich übersetzt „Mutter-Einzelgängerinnen“ heißen, Alleinerziehende. Sie alle finden in einem Text zusammen, dessen Herz so weit und bergend ist, wie das einer Mutter nur sein kann.
Lena Gorelik: Alle meine Mütter. Roman. Rowohlt. 24 Euro, 272 Seiten.
Info
Autorin
Lena Gorelik wurde 1981 in eine russisch-jüdische Familie in St. Petersburg geboren. Als sie elf Jahre alt war, reisten ihre Eltern nach Deutschland aus. Sie wuchs in Ludwigsburg auf. Ihr Roman „Hochzeit in Jerusalem“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert, „Mehr Schwarz als Lila“ (2017) für den Deutschen Jugendbuchpreis. 2021 erschien ihr Roman „Wer wir sind“. Darin erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. 2023 kuratierte sie das 1. Stuttgarter Literaturfestival. „Alle meine Mütter“ wurde im März in Leipzig mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet.
Essayistin
Regelmäßig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen. 2024 gab sie zusammen mit Miryam Schellbach und Mirjam Zadoff den Sammelband „Trotzdem sprechen“ heraus, als Reaktion auf den Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023, Israels militärische Antwort und die explosive Polarisierung in Deutschland.
Termin
Am 14. April stellt Lena Gorelik „Alle meine Mütter“ im Literaturhaus Stuttgart vor.