Kino-Erlebnis auf Roms Monte Ciocci: „Die Reise des jungen Che“ von Regisseur Walter Salles. Junge Leute stoßen eine kulturelle Bewegung an. Foto: Almut Siefert

Eine Gruppe junger Leute besetzt in Rom aus Protest ein verlassenes Cinema. Daraus entwickelt sich eine kulturelle Bewegung - und haucht der Filmkunst neues Leben ein.

Die Szenerie ist unscheinbar. Auf einer kleinen Bühne auf dem selbst bei Römern wenig bekannten Hügel Monte Ciocci sitzen drei Menschen und plaudern über Film und Kino. Unter ihnen Walter Salles. Der ist von der Szenerie ganz begeistert. „Ich fühle mich geehrt, dass ich eingeladen bin, um an dieser Idee teilzuhaben: der Idee des Kinos als einer Utopie, als ein gemeinsames Erleben.“ Der brasilianische Regisseur spricht zu ein paar Dutzend Menschen, die an diesem Sommerabend auf mitgebrachten Decken auf der Wiese vor der Bühne sitzen. Ein Freiluftkino, eigentlich nichts Besonderes. Dass der Film „Die Reise des jungen Che“ vom Regisseur höchstpersönlich eingeleitet wird, ist es hingegen schon.

 

Wobei auch das in Rom bereits völlig normal ist. Die „Cinema in Piazza“, wie dieses besondere Open-Air-Kino heißt, fand in diesem Jahr bereits in der zehnten Edition statt. Von Anfang Juni bis Mitte Juli gab es auf drei Plätzen der italienischen Hauptstadt jeden Abend Filme zu sehen. Kostenlos. 120 000 Besucherinnen und Besucher nutzten in diesem Sommer nach Angaben der Veranstalter das Angebot. Und ab und zu kommt auch einmal einer der Granden der Szene vorbei, um über sein Werk oder das seiner Kollegen zu sprechen: Ari Aster, Carlo Verdone, Edward Norton. Ende Juni diskutierten Paolo Sorrentino und Damien Chazelle über dessen Film La La Land. Insgesamt wurden in den vergangenen sechs Wochen 85 Filme gezeigt, 45 nationale und internationale Stars kamen zu Gesprächen über die Kinowelt auf die Bühnen.

Ins Leben gerufen wurde das Sommer-Filmfestival von einer Kulturinitiative, dem „Piccolo Cinema America“. Angefangen hat alles mit einer Handvoll junger Leute, damals, 2012, waren sie zwischen 16 und 25 Jahre alt. Mit Kino und Film hatten sie zunächst nur wenig am Hut. Sie wollten nicht hinnehmen, dass „die einzige Form des Vergnügens für junge Leute Alkohol und Drogen“ sein sollen, wie Valerio Carocci, der Sprecher des Cinema America fünf Jahre nach der Gründung einmal sagte. Heute ist Carocci Mitte 30 und leitet unter anderem ein Kino. Das „Cinema Troisi“ in Trastevere. Auch das ein Erfolg der jungen Leute, der „Ragazzi del Cinema America“, wie sie in Rom heute fast jeder kennt.

In den Anfängen vor zehn Jahren suchten die Ragazzi, die jungen Leute, einen Raum für Diskussionen und Veranstaltungen, einen Ort, um einfach mal zu machen, einfach mal zu sein. Nach einer Bildungsreform war das Nachmittagsangebot an den Schulen von der Politik quasi auf Null runtergefahren worden. Gefunden haben die jungen Leute ein altes verlassenes Kino, das „Cinema America“ im Stadtteil Trastevere. Ein Filmvorführraum, wie man ihn aus den Zeiten noch kennt, als in den Großstädten Europas noch nicht die Multiplex-Säle Überhand genommen hatten und die kleinen Programmkinos der Konkurrenz nicht mehr standhalten konnten. Geplant war, dass das verlassene Cinema America einem Parkplatz und neuen Wohnungen weichen sollte. Schließlich zählte das Viertel schon damals zu den angesagtesten der Stadt. Die Besetzung durch die jungen Leute schien eine von vielen zu werden – mit im Grunde nur einem denkbaren Ausgang: der Räumung.

Die Ragazzi aber entdeckten diesen Ort, den sich sich aneigneten - und damit ihre Liebe zum Film. Sie brachten die Schätze, die sie dort fanden - alte italienische Streifen, große Kinoerfolge vergangener Jahre - wieder auf die Leinwand. Veranstalteten für ihre Altersgenossen Vorführungen und Diskussionsrunden in den heruntergekommenen Räumen. Sie wollten die Sprache des Kinos lernen, sie bewahren und sie verbreiten. Dass ihr Projekt eben nicht nach wenigen Wochen in einer Räumung endete, haben die jungen Filmenthusiasten vor allem der prominenten Unterstützung aus der Kinowelt zu verdanken. Pedro Almodóvar soll aus Cannes einen Brief geschrieben haben, in dem er sich für das Piccolo Cinema America einsetzt. Nach der Räumung, die dann doch nicht nicht ausblieb, brachten die Ragazzi ihr Projekt raus auf den Platz und bauten nur wenige Meter von ihrem Cinema America entfernt auf der Piazza San Cosimato eine Leinwand auf. Die Stühle davor füllten sich schnell. Und schon in der ersten Ausgabe ihres kleinen Film-Festivals kamen Regisseure und Schauspieler, um ihre Werke persönlich dem Publikum vorzustellen. Aber vor allem, um sich an die Seite der jungen Kulturaktivisten zu stellen.

Was einfach klingt war ein steiniger und mitunter anstrengender Weg. Die Ragazzi del Cinema America hatten nicht nur Fans. Roms damalige Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung fand die Idee, die Piazza im Sommer zum Leben zu erwecken zwar gut - forderte aber eine Ausschreibung, um über die Nutzung zu entscheiden. Monatelanges Bangen, Debattieren, Anträge ausfüllen war die Folge, nur damit, diejenigen, die die Ursprungsidee für die Belebung der Stadtviertel hatten, diese am Ende weiter umsetzen konnten. Die „Cinema in Piazza“ konnte weitergehen. Aber auch Anfeindungen bis hin zu körperlichen Angriffen waren die jungen Leute ausgesetzt. Sowohl vom rechten als auch vom linken politischen Rand. Den einen waren sie zu alternativ, den anderen zu kommerziell - weil die einstigen Aktivisten sich immer weiter professionalisierten und sich um Lizenzen und anderes kümmerten. Valerio Carocci stand sogar einige Zeit unter Polizeischutz.

Und die Anwohner? „2017 gab es mal einen Protestbrief mit dem Titel „Mit dem Kino schläft man nicht“, aber den haben am Ende nur elf Anwohner unterzeichnet“, erzählt Federico Croce. Wie Valerio Carocci ist auch er von Anfang an dabei. Seit 2018 sind sie auch auf andere Plätze gegangen, etwas außerhalb vom normalen Trubel, wie im Stadtteil Tor Sapienza oder eben auf den Monte Ciocci. Der 29-Jährige hat in der Zwischenzeit Kommunikationswissenschaften studiert und arbeitet nun Vollzeit im Cinema Troisi. „Mit so einer Entwicklung hat glaube ich keiner von uns gerechnet“, sagt Croce.

Am 21. September 2021 haben die Ragazzi das ebenfalls verlassene Cinema Troisi wiedereröffnet. Betreiber: Die gemeinnützige Stiftung, die die einstige Jugendorganisation „Piccolo America“ heute ist. Das Troisi ist aber sehr viel mehr als ein Kino: Hier findet sich auch ein offener Raum für alle, die lesen, arbeiten oder lernen wollen. Geöffnet ist er an 365 Tagen 24 Stunden lang. „Das ist ein Raum für junge Menschen, der so in Rom einmalig ist, ich glaube sogar einmalig in ganz Italien“, sagt Carocci. Vielleicht, so hoffen Carocci und Croce, bekommt ihre Stiftung auch bald den Zuschlag für das Cinema America, den Ort, wo alles angefangen hat und der noch immer verlassen in einer Gasse von Trastevere liegt.