Die Auferstehungskirche muss dem Gerber weichen. Klicken Sie sich durch die Bilder vom Abriss ... Foto: www.7aktuell.de | Florian Gerlach

Architektur-Forum-Lenker Roland Ostertag schreibt in einem Gastbeitrag über den Abriss der evangelisch-methodistischen Auferstehungskirche im Gerberviertel.

Stuttgart - Auf diesen Seiten haben wir in den ­ver­gan­genen Jahren des Öfteren auf die zunehmende Armut unserer Stadt als Lesebuch, als Ort der Geschichte, der Erinnerung, als begehbares Gedächtnis durch den Abriss historischer Gebäude, Eingriff in räumliche Zusammenhänge, hingewiesen.

Auch auf den drohenden Abriss der ­evangelisch-methodistischen Aufer­ste­hungs­kirche in der Sophienstraße im Zuge des Großprojekts Gerber. Wir baten diese Art von „Fortschritt in die Zivilisation“, der in Wirklichkeit ein „Fortschritt in den ­Verlust von Sein und Zukunft“, Verlust von Humanität darstellt, aufzuhalten, nicht weiterzuführen.

Wir haben auch die Stadt als öffentliche Hand, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt gebeten, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen, diesen „Fortschritt“ zu stoppen.

Die Ruine ist ein Bild des Jammers

Trotz dieser Plädoyers wurde in diesen ­Tagen mit dem Abriss der Auferstehungs­kirche begonnen. Dies ist ein weiterer Schritt in die Sprachlosigkeit, des Verlustes der ­Erzähl-, der Erinnerungsfähigkeit, der ­Individualität, des Charakters unserer Stadt. Zutrauen und Vertrauen in die Welt wird uns dadurch schrittweise genommen, gehen verloren.

Die Ruine ist ein Bild des Jammers, ein Zeichen des Verlustes, Stadt erwandern zu können, ein Zeichen für die ­Zunahme des ortlosen Nebeneinanders, des Verblassens der Bedeutungen, des Zerfalls des Städtischen. Die Stadt wird immer mehr zur ­kalten, entzauberten Maschine, verliert ihre Aufgabe als Spiegel der Erinnerung, des ­Gedächtnisses, der Welt.

Doch wir können diesen Verlust auch als Aufforderung zukünftigen entschiedenen Denkens und Handelns auffassen, die ­Gestalt, die ­Kultur der Stadt nicht nur zu retten, zu bewahren, sondern in einem ­aktiven und unmittelbar ortsbezogenen Dialog zu erneuern und zu erweitern. Dies ist unsere gemeinsame Aufgabe – gegen die Sprachlosigkeit Stuttgarts.