Zölle auf Stahl, der Kampf um Seltene Erden und auch die Verknappung von Wolfram und Kobalt setzen die Firma Gühring unter Druck.
Wie wirken sich die derzeitigen Verhältnisse am Weltmarkt auf die Rohstoffbeschaffung aus? Jasmin Herter, die Leiterin der Unternehmenskommunikation, hat Einblicke in die Abläufe gewährt.
Wo genau werden seltene oder schwer zu beschaffende beziehungsweise mit Zöllen belastete Rohstoffe in Ihrer Produktion eingesetzt? Wie muss man sich das als Laie vorstellen?
„Die zentralen kritischen Rohstoffe in unserer Produktion sind Wolfram und Kobalt. Das ist deshalb kritisch, weil China zunehmend den Export kontrolliert. Diese Stoffe sind die Hauptbestandteile von Hartmetall, woraus unsere Präzisionswerkzeuge gefertigt werden. Für den Laien: Stellen Sie sich vor, Wolfram ist das Sandkorn, das in der Legierung die extreme Härte liefert; Kobalt wirkt wie der Kitt, der die Körner zusammenhält. Ohne diese beiden Rohstoffe funktionieren Hartmetallwerkzeuge nicht zuverlässig.“
Haben Sie einen erhöhten Bedarf an solchen Rohstoffen? Sind diese einfach zu beziehen oder aufgrund von chinesischen Exportbeschränkungen limitiert und entsprechend teuer?
Dramatische Verteuerung
„Unsere Bedarfsschwerpunkte liegen derzeit bei Wolfram und Kobalt. Seit Anfang 2025 sehen wir eine dramatische Verteuerung – Notierungen haben sich binnen Jahresfrist deutlich erhöht – nahezu eine Verdopplung in 2025 – und zeigen besonders in den vergangenen Monaten starke, sprunghafte Anstiege. Der Schlüsselgrund: China hat seine Export- und Kontrollpolitik für kritische Mineralien ausgeweitet, was zu einer künstlichen Verknappung geführt hat. Dadurch sind Verfügbarkeit und Preise deutlich unter Druck geraten.“
Gibt es Alternativen für den Bezug Ihrer in der Produktion benötigten Rohstoffe?
„Keine kurzfristig vollwertige Alternativen. Reine Substitution ist in vielen Anwendungsfällen nicht möglich, ohne Funktion oder Lebensdauer der Werkzeuge zu gefährden. Der effizienteste Hebel mittelfristig ist für uns das Hartmetall-Recycling – Aufbereitung von Schrott zu neuem Pulver. Das reduziert den Bedarf an Primärrohstoffimporten. Wir investieren daher in Recycling-Kapazitäten in Deutschland sowie in attraktive Rückkaufprogramme für unsere Kunden.“
Was hat es in diesem Zusammenhang mit dem „Schrottrechner“ auf sich?
Recycling ist eine Alternative
„Der Schrottrechner ist Teil des Rückkauf- und Bonusmodells, das bei Gühring unter dem Namen Tool Circle läuft. Dieser Tool Circle ist Teil unserer Recycling-Initiative: Kunden können uns ihren Hartmetallschrott verkaufen; wir bewerten die Mengen, erstellen transparente Sortierberichte, berechnen die Vergütung in Form einer Gutschrift und führen die Wiederaufbereitung in unseren Anlagen in Deutschland durch. Vorteile: reduziert den Bedarf an Primär-Wolfram, schafft zusätzliche Sekundärrohstoffquellen, gibt Kunden eine wirtschaftliche Vergütung für Altmaterial und stärkt die gesamte Versorgungskette.
Für Vertrieb und Kunden bedeutet das Bonusmodell: ein konkretes, nachvollziehbares Angebot, transparente Mengen und eine Gutschrift für den nächsten Werkzeug-Einkauf bei Gühring. Anders als bei fliegenden Händlern ermöglichen wir dadurch eine Handlungsoption, mit der Kunden aktiv zur Versorgungssicherheit beitragen können und zugleich von Vergütung profitieren.“
Zweitgrößter Arbeitgeber in Albstadt
Die Firma Gühring KG mit Stammsitz in Ebingen ist einer der weltweit führenden Hersteller von rotierendem Werkzeug zur Metallbearbeitung. Das Unternehmen ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Albstadt. Mit rund 8000 Mitarbeitern, davon mehr als 3500 in Deutschland, entwickelt, fertigt und vertreibt das Unternehmen an mehr als 70 Produktionsstandorten in 49 Ländern innovative Zerspanungswerkzeuge. In Albstadt arbeiten rund 1500 Menschen beim inhabergeführten Traditionsunternehmen.