In Bangladesch liegt das vermutlich größte Flüchtlingslager der Welt: Eine Million aus Myanmar vertriebene Rohingya sind dort auf engem Raum notdürftig untergebracht. In dieser Wüste brutaler Machtpolitik blühen nur wenige Pflanzen der Hoffnung. Doch es gibt sie.
Die Zeilen, mit denen Ro Anamul Hasan sein bis jetzt wohl bekanntestes Gedicht beginnt, lauten: „Unter diesem Planenschutz; wohne ich wie Ameisen im Loch; verbringe meinen Alltag; durch die Sehnsucht nach Heim und Heimat; wird meine dunkle Nacht nie zu Tageslicht.“ Es geht um das vergessene Gefühl zu lächeln, um Angst, lange Warteschlangen vor Toiletten und vage gewordene Hoffnungen. Der Titel: „Mein Flüchtlingsleben.“
Der 26-jährige Ro Anamul Hasan gehört der überwiegend muslimischen Ethnie der Rohingya an, kam in Myanmar zur Welt und wuchs dort auf. Wie viele wurde er 2017 aus der Heimat vertrieben, lebt heute im Nachbarland Bangladesch. „Ich will unser Leben hier dokumentieren“, sagt der junge Mann, der sich längst einen Namen als der Dichter des Flüchtlingscamps gemacht hat.
Wie fast eine Million weiterer Rohingya wohnt Ro Anamul Hasan in Cox Bazar, einem Bezirk in Bangladeschs Südosten, der durch die Ansammlung mehrerer Siedlungen zum wohl größten Flüchtlingscamp der Welt geworden ist. Und wie schon die ersten Zeilen seines Gedichts andeuten, ist der Alltag dort trist und gefährlich. Vielen mangelt es nicht nur an Arbeitsmöglichkeiten und Privatsphäre, sondern auch an Essen, sauberem Wasser und an Sicherheit.
Keine Perspektiven auf Rückkehr
Die Lage ist zuletzt noch ernster geworden. Dabei sind die Rohingya Diskriminierung schon seit Jahrzehnten gewohnt. Während Myanmar über rund ein halbes Jahrhundert von einer buddhistisch-nationalistisch ausgerichteten Militärjunta regiert wurde, machte ein Gesetz von 1982 die Rohingya praktisch zu Staatenlosen. Der Zugang zu Krankenhäusern, Bildungsinstitutionen und gar Straßen wurde ihnen immer wieder erschwert. Von 2017 an begann eine Säuberungsaktion, die von den USA und UN-Vertretern als Genozid eingestuft wird: Obwohl Myanmar einige Jahre zuvor offiziell eine Demokratie geworden war, vertrieb das Militär eine Dreiviertelmillion Rohingya. In Den Haag läuft seither ein Völkermordprozess. Bangladesch hat mit internationaler Unterstützung Geflüchtete aufgenommen. Doch die mehr als 900 000 Rohingya haben kaum Perspektiven auf Rückkehr in die Heimat.
Ro Anamul Hasan hat seine Flucht noch genau vor Augen: „Ende August 2017 arbeitete ich im Gesundheitsbereich in der Malariaprävention, als ich eines Tages von Militärs einfach niedergeprügelt wurde.“ Als er daraufhin ein Krankenhaus aufsuchte, wurde er enttäuscht: „Ein Arzt sagte mir, ich solle mich doch in Bangladesch behandeln lassen.“ In den Medien Myanmars wurden Rohingya wie Hasan als „Bengalen“ bezeichnet. „Das kränkt uns, denn wir sind doch aus Myanmar!“
Damals wurde klar, dass die Rohingya im weitgehend buddhistischen Myanmar keinen Platz haben sollten. Ro Anamul Hasan: „Auf dem Weg in mein Heimatdorf hörte ich Schüsse. Überall. Dann ergriff ich mit meinen Eltern und Geschwistern die Flucht.“ Nach stundelangem Fußmarsch erreichten sie die Grenze zu Bangladesch. Und irgendwann landeten sie in Cox Bazar. In vielerlei Hinsicht offenbarte sich die Flucht als Schritt vom Regen in die Traufe. Das erfährt die Welt auch durch Ro Anamul Hasan. Der junge Mann, der schon als Jugendlicher Gedichte schrieb, als ihm der Gang zur Universität verwehrt wurde, hat bereits mehrere Poetikbände veröffentlicht. Seine Arbeiten werden durch die Hilfsorganisation Fortify Rights unterstützt, die auch Kontakte zu ausländischen Verlagen herstellt.
Hasans Gedichte beschreiben, wie sich im Camp Infektionskrankheiten verbreiten, weil Latrinen überlaufen, und wie die Bambushütten von Regenfällen oder Erdrutschen weggerissen werden. Die Bilder kommen von fotografierenden Campbewohnern. Sie dokumentieren die Hilflosigkeit, nachdem ein Feuer eine Siedlung zerstört hat und Bewohner in der Asche nach Resten ihres Besitzes suchen. „Schlafzerstörende Geräusche“, ein weiteres Gedicht von Hasan, erzählt von diesen Nächten: „Ein tiefes Zeichen der Seele; das ist der Ton, der herauskommt; aus dem Schrei einer Witwe; die ihren Mann verloren hat; durch die Hände der Kriegsmonster.“
Das Camp von Cox Bazar ist mittlerweile ein heißes Pflaster geworden. Der Großteil der Bevölkerung haust seit sieben Jahren hier, bleibt vom lokalen Arbeitsmarkt aber ausgeschlossen. Seit dem neuerlichen Angriff Russlands auf die Ukraine ab Februar 2022 leiden die Menschen zusätzlich unter einem gesunkenen Spendenaufkommen. Überfälle und Schießereien werden häufiger. In den letzten zwei Jahren waren Dutzende Tote durch Bandenkriminalität zu beklagen. Was wiederum den Ruf der Rohingya in ganz Bangladesch schädigt. „In der Gesellschaft hier haben die Rohingya oft den Ruf, gewalttätig und kriminell zu sein“, sagt Yusuf Saadat vom unabhängigen Thinktank Centre for Policy Dialogue in Dhaka. „Die Politik sieht sie immer mehr als Last.“ Gern würde Bangladeschs Regierung sie wieder loswerden.
Doch in Myanmar herrschen seit dem neuerlichen Militärputsch 2021 einmal mehr bürgerkriegsähnliche Zustände. Beobachter sprechen von mehr als 6200 durch die Militärjunta getöteten und knapp 30 000 festgenommen Menschen. Das Militär fliegt Luftangriffe auf Versammlungen derer, die für Demokratie kämpfen.
Hoffnung auf die Widerstandsbewegung
Eine Rücksiedlung der Rohingya, die das nun umso mehr wütende Militär schließlich einst aus dem Land vertreiben wollte, ist seither noch unwahrscheinlicher geworden – zumal Myanmars Militär mittlerweile auch Rohingya zwangsrekrutiert.
Ro Anamul Hasan zuckt mit den Schultern. Er glaubt, erst dann nach Myanmar zurückkehren zu können, wenn die demokratischen Kräfte die Militärjunta besiegt haben. Die demokratisch ausgerichtete Schattenregierung sucht für den Kampf gegen die Junta auch die Hilfe der Rohingya. Der Dichter hofft darauf: „Wir alle sollten gegen das Militär zusammen kämpfen. Die Demokratiebewegung hat immerhin versprochen, uns Rohingya schützen zu wollen.“
Um einen kleinen Beitrag zu leisten, schreibt Ro Anamul Hasan seine Gedichte aus dem Flüchtlingscamp nicht nur auf Rohingyalisch, sondern auch auf Birmanisch – der Sprache der ethnischen Mehrheit in Myanmar. Dem Land, aus dem er, wie alle im Camp von Cox Bazar, vertrieben wurde.