Im Doppel an der Seite seines größten Rivalen Rafael Nadal beendet Tennis-Weltstar Roger Federer an diesem Wochenende seine Karriere beim Laver-Cup. Die Ikone aus der Schweiz steht längst auf einer Stufe mit Pelé, Muhammad Ali oder Michael Jordan.
Wummernde Bässe, Neonlicht, kreischende Teenies und ehrfurchtsvoll huldigende Gegner und Mitspieler – wenn Roger Federer an diesem Freitag beim Laver-Cup in der Londoner O2-Arena zu seiner Abschiedsveranstaltung den Centre-Court betritt, geht es um genau das, wofür das Tennisgenie zeit seiner Karriere nie gestanden hatte: die große Show, die mehr zählt als der Sport an sich. Schließlich gibt es beim Laver-Cup, dem Mannschaftswettbewerb „Europa gegen den Rest der Welt“, keine Weltranglistenpunkte und ein für die Superstars der Szene überschaubares Preisgeld von „nur“ rund 255 000 Euro zu gewinnen.
Der Wandelbare
Aber, und auch das zeichnet den 41-jährigen Schweizer aus, er weiß sich anzupassen. Sein Spiel, sein Auftreten, seine Trainingsmethoden und eben auch sein Umgang mit den Fans, den Medien und Sponsoren – Federer ging stets mit der Zeit, nun geht er ganz. Nach zwei Jahrzehnten, in denen er zur prägendsten Figur der Tennisgeschichte wurde, zu einer Lichtgestalt des Weltsports, an der sich Gegner und Mitstreiter gleichermaßen orientieren konnten. Kein Zufall, dass die Showveranstaltung Laver-Cup 2016 von Federer und seiner Managementfirma Team8 ins Leben gerufen wurde. Und wenn Federer zum Tanz bittet, kommen sie alle: seine langjährigen Rivalen Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray genauso wie die nächste Generation der Tennisstars um Stefanos Tsitsipas, Frances Tiafoe und Félix Auger-Aliassime.
Apropos Auger-Aliassime: Der Kanadier erblickte im August 2000 das Licht der Welt, da war Federer bereits seit zwei Jahren auf der ATP-Tour unterwegs. Es ist daher keine Übertreibung, von einem Generationenwechsel zu sprechen, der sich derzeit im Tennis vollzieht. Und die neuen Stars wissen um die Bedeutung Federers: „Roger war eines meiner Idole und eine Quelle der Inspiration“, sagte der frisch gekürte US-Open-Champion Carlos Alcaraz und schob ohne übertriebenen Pathos nach: „Danke für alles, was du für unseren Sport getan hast.“
Der Dominator
1251-mal verließ Federer den Court seit 1998 als Sieger, 103 Turniere gewann er im Laufe seiner Karriere, 20 Triumphe gelangen ihm bei einem der vier Grand-Slam-Turniere. Die schlichten und doch beeindruckenden Zahlen des achtmaligen Wimbledon-Siegers herunterzubeten wird der Bedeutung und der Strahlkraft des ehemaligen Balljungens aus Basel allerdings nicht gerecht.
Nach seinem ersten Sieg auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon 2003 dominierte er die Tennistour wie nur ganz wenige vor ihm. Mit noch nie da gewesener Eleganz, hinter der knallharte Arbeit steckte, und einer unnachahmlichen Leichtigkeit, die in Wahrheit seiner überragenden Athletik geschuldet war, thronte er damals 237 Wochen in Folge an der Spitze der Tennis-Weltrangliste – Rekord, bis heute. Ende des Jahres 2007 hatte er als 26-Jähriger bereits zwölf Grand-Slam-Titel gesammelt. Er war der Dominator der Tour, die größte Werbeikone der Sportwelt, ein Gentleman, laut „People Magazine“ einer der „sexiest men alive“.
Die größte Rivalität der Sportwelt
Aber bevor Langeweile auf der Tennistour zu entstehen drohte, wuchs RF, wie er in der Schweiz bis heute liebe- und ehrfurchtsvoll genannt wird, in Rafael Nadal ein Rivale heran, der ihn auf ein neues Level treiben sollte, der ihm Perfektion abverlangen würde wie noch kein Gegner vor ihm. Dieser Zweikampf, der über die Jahre zu einem Vierkampf mit Novak Djokovic und Andy Murray werden sollte, prägte den Tennissport fast zwei Jahrzehnte und sollte ein Glücksfall für die weltweit boomende Sportart sein. Oder wie Federer heute selbst sagt: „Wir haben uns gegenseitig gepusht. Gemeinsam haben wir das Tennis auf ein neues Niveau gebracht.“
Federer nahm die neue Herausforderung an. Er veränderte sein Spiel, studierte seine Gegner, trainierte noch verbissener. „Rafael wäre ohne Roger nicht so stark gewesen. Zusammen mit Djokovic hat jeder das Spielniveau der anderen verbessert“, sagt Toni Nadal, Onkel und langjähriger Trainer des spanischen Superstars.
Epische Siege, bittere Niederlagen
In Erinnerung bleiben viele epische Matches, wahre Tennisschlachten, aus denen immer wieder ein anderer der Superstars als Sieger hervorging. Und dabei sind es noch nicht einmal nur die großen Siege, an die sich Tennisfans bis heute erinnern. Es sind auch die bitteren Niederlagen wie die im Wimbledon-Finale 2008 gegen Nadal („Ein Match für die Ewigkeit“, titelte der „Spiegel“), die bis heute faszinieren. „Auch wenn die Niederlage hart war, habe ich sicherlich Positives mitgenommen“, sagt Federer heute über das London-Endspiel 2008. Dieses Match markiert die Zeitenwende von der Alleinherrschaft Federers hin zur wertvollsten Rivalität im Tennissport, perfekt inszeniert von den Turnierveranstaltern, Sportartikelherstellern und Fernsehstationen auf der ganzen Welt.
Die Rollen der Protagonisten aber wandelten sich im Laufe der Jahre: Zwar gewann Federer nach dem verlorenen Finale gegen Nadal weitere acht Grand-Slam-Titel. Er wurde aber mehr und mehr vom Gejagten zum Herausforderer. Auch diese Rolle füllte der Schweizer perfekt aus – und gab sich in den Folgejahren als Grandseigneur der Tenniswelt. Sportlich vielleicht schlagbar, als inszenierte Werbefigur und Übervater einer ganzen Szene aber unantastbar.
Nicht alle Rekorde hält der Maestro
Sein Comeback-Jahr 2017 mit Major-Titeln in Australien und Wimbledon sowie der 20. Grand-Slam-Triumph 2018 in Australien verbunden mit der Rückkehr an die Spitze der Weltrangliste als damals 36-Jähriger zementierten seinen Platz auf dem Tennis-Olymp, wenngleich sowohl Nadal (22) als auch Djokovic (21) mittlerweile mehr Grand-Slam-Titel gesammelt haben.
Skandale sucht man in der Karriere Federers vergeblich. Dopingverdächtigungen wie einst Nadal war er nie ausgesetzt. Private Eskapaden, wie sie anderen Altstars hin und wieder unterliefen, sind Federer ein Gräuel. Und während Djokovic jüngst in der Impfdebatte häufig und offenbar bewusst polarisierte, gab sich Federer stets als geerdeter Familienvater, als weltoffener Schweizer, der um seine Privilegien wusste – daran ändert auch der Fakt nichts, dass er beispielsweise in Halle/Westfalen immer gleich ein komplettes Stockwerk im Spielerhotel für sich und seine Entourage reservieren ließ.
Privates bleibt bei Federer privat
Das Privatleben ist dem Tennisstar bis heute heilig. Die Federers funktionieren als perfektes Familienunternehmen. So abgeschottet wie möglich und doch so öffentlich wie eben nötig hält Frau Mirka die Familie im Hintergrund. Die vier Kinder sind der Öffentlichkeit zwar bekannt, von medienwirksamen Inszenierungen will der Clan aber nichts wissen.
Nach 24 Jahren auf der Tour waren es nicht nur die nicht enden wollenden Knieprobleme, die Federer zum Rücktritt bewogen. Seinen Wunsch, sich zukünftig mehr um seine Familie kümmern zu wollen, hatte er schon vor Jahren öffentlich gemacht. Vor seinem letzten Auftritt verrät Federer – der über Jahrzehnte noch auf einer Stufe mit Ikonen wie Muhammad Ali, Michael Jordan oder Pelé stehen dürfte – den größten Wunsch seiner Kinder: „Sie sagten immer ‚Hör mal auf mit Tennis, wir wollen Ski fahren‘.“
Der „letzte Tanz“ beginnt
An diesem Freitag beginnt nun in London sein „letzter Tanz“, wie Medienpartner Eurosport das Laver-Cup-Wochenende in Anlehnung an die Michael-Jordan-Story taufte. In jener Stadt also, in der sich Federer einst zum Rasenkönig aufschwang und die erst kürzlich in König Charles III. einen neuen Regenten auf den Thron steigen sah, dürfen die Zuschauer letztmals einem der größten Sportler der Geschichte huldigen.
Und viele werden dabei wohl an die Abschiedsworte von Federers Doppelpartner Rafael Nadal an diesem Freitag denken: „Lieber Roger, mein Freund und Rivale. Ich wünschte, dieser Tag wäre nie gekommen.“
Der Unternehmer
Werbefigur
20 Jahre lang war Roger Federer bei Sportartikelhersteller Nike unter Vertrag. 2018 wechselte er als Werbefigur zum größten japanischen Kleiderhersteller Uniqlo. Diese und seine Partnerschaften mit Edelmarken wie Rolex und Mercedes bringen dem Schweizer rund 45 Millionen Euro im Jahr ein (Quelle: „Forbes“). Zudem gründete er bereits 2013 die Marketing- und Managementfirma Team8, mit der er unter anderem den Laver-Cup veranstaltet und große Anteile an der Schuhfirma On Running besitzt.
Vermögen
„Forbes“ geht davon aus, dass Federers Vermögen bei über 400 Millionen Euro liegt. In seiner Karriere gewann er auf der Tennistour allein mehr als 130 Millionen Euro an Preisgeldern.