Immer noch pfeilschnell unterwegs: Natalie Geisenberger Foto: dpa/Roman Koksarov

Die Rodlerin aus Bayern hat trotz ihrer Kritik an den Winterspielen in Peking beste Chancen, sich zu qualifizieren – und sieht von einem Boykott inzwischen ab.

Stuttgart - Natalie Geisenberger ist beim Weltcup in Winterberg Zweite hinter der Siegerin Julia Taubitz geworden – das war wichtig für sie. Im Wettstreit um das dritte Olympiaticket setzte sie sich damit gegen ihre Freundin und Konkurrentin Dajana Eitberger durch, die in Kurve 14 stürzte und sich schmerzhafte Blessuren zuzog. So wollte sich Geisenberger natürlich nicht für ihre dann wohl vierten Olympischen Winterspiele empfehlen. „Ihr Sturz ist für mich schlimmer, als dass ich mich besonders über Platz zwei freuen könnte. Das ist bitter und macht mich nicht gerade glücklich“, sagte die Doppel-Olympiasiegerin von 2014 und 2018.

 

Chancen gestiegen

An diesem Montag will der Rodelverband endgültig über die Starterinnen und Starter in Peking entscheiden. Natalie Geisenbergers Chancen sind seit diesem denkwürdigen Sonntag in Winterberg enorm gestiegen. Vermutlich führt kein Weg an ihr vorbei. Andererseits: Geisenberger war in den vergangenen Wochen immer mal wieder als große Kritikerin der Winterspiele im Reich der Mitte in Erscheinung getreten. Eine kuriose Quarantäne nach dem Flug zum Test-Wettbewerb in China verstimmte sie derart, dass sie sich sogar Gedanken darüber machte, überhaupt noch einmal zurückzukehren, und sie machte sich ernsthaft über einen persönlichen Boykott Gedanken. „Die Bedingungen, die wir da vor Ort erlebt haben, die sprechen dafür, da nicht unbedingt noch einmal hinzufahren“, sagte die Rodlerin nach ihren ersten Erfahrungen in Peking vor wenigen Wochen und sorgte damit für Wirbel.

Der Traum jedes Sportlers

Nun, da die Nominierung bevorsteht, hat sich Geisenberger anders entschieden. Vielleicht hatte sie auch noch etwas Zeit benötigt, um sich nach dem unschönen ersten Peking-Besuch wieder zu beruhigen. „Ich bin froh, auf dem Podest zu stehen und zu zeigen, dass ich dahin gehöre“, sagte die Bayerin nach ihrem zweiten Platz in Winterberg. Zuvor hatte sie mit Olympia bereits wieder einigermaßen ihren Frieden geschlossen und sagt über den Wettbewerb: „Das ist der Traum jedes Sportlers.“

Natalie Geisenberger berichtete dem IOC-Präsidenten Thomas Bach persönlich von ihren bedrückenden Erfahrungen mit der Isolation in Peking, die sie antreten musste, weil sie im Flugzeug auf dem falschen Platz saß. Sehr viel Redebedarf gab danach auch zwischen Vorstandschef Thomas Schwab vom Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) und dem Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig – vor allem im Hinblick auf nicht zufriedenstellende Testregeln in China. BSD-Chef Schwab will die Lage vor Ort noch vor Beginn der Winterspiele (4. bis 20. Februar) geklärt wissen. Die Omikron-Variante macht die Situation nicht besser. Die Pandemie konfrontiert die Organisatoren nach eigenen Worten mit „gewaltigem Druck und Herausforderungen“. Sportler befürchten zudem untergeschobene falsche positive Tests. „Dem ist Tür und Tor geöffnet. Dass Athleten vielleicht Testergebnisse bekommen, die nicht der Realität entsprechen“, sagte Geisenberger. Der Standard bei den Testungen ist derzeit noch fraglich.

Ludwig wieder stark

Überragender deutscher Rodler ist indes Johannes Ludwig aus Oberhof, der in Winterberg seinen vierten Weltcupsieg in diesem Winter feierte und die Gesamtwertung souverän anführt. Lediglich in der Team-Staffel blieb dem deutschen Team im Hochsauerland hinter Lettland, Österreich und den USA am Sonntag nur Platz vier.

Der Samstag in Winterberg hatte es bei Sonnenschein und Temperaturen um die zehn Grad derweil in sich. Vor allem bei den Doppelsitzern kam es zu zahlreichen Fehlern und Stürzen. Davon profitierte das deutsche Duo Tobias Wendl/Tobias Arlt, das unter den schwierigen Bedingungen den ersten Saisonsieg holte. Weniger Glück hatte das beste deutsche Doppel Toni Eggert/Sascha Benecken, das nach einem Sturz aus der Wertung fiel.