Robin Mesarosch (SPD), 30 Jahre alt, ist seit September Mitglied im Deutschen Bundestag. Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten verrät er, was die "Jungen" im Bundestag anders machen und wie er den Spagat zwischen Berlin und der Zollernalb schafft.
Zollernalbkreis - Robin Mesarosch (SPD) schaffte nach der Wahl im September für den Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen den Sprung in den Deutschen Bundestag. Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten zieht der 31-jährige Bilanz über die ersten Monate im Bundestag und erzählt, was die "Jungen" im Bundestag reißen.
Herr Mesarosch, wie ist es plötzlich auf dem Briefpapier unter Ihrem Namen »Mitglied des Deutschen Bundestags« zu lesen?
Wenn ein Wahlkampf zwei Jahre dauert, hat man Zeit sich in die Rolle hineinzufinden. Mir ist wichtiger, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, etwas zu bewegen.
Sie haben vorher schon für Abgeordnete gearbeitet, zuletzt waren sie Social Media Manager von Heiko Maas. Hat sie die Arbeit auf ihre künftigen Aufgaben im Bundestag vorbereitet?
Es hat mir viel geholfen. Ich konnte schon vorher erleben, was andere richtig und falsch machen. Jetzt achte ich drauf, dass ich die guten Sachen übernehme und die schlechten besser mache. Nur auf alles kann man nie vorbereitet sie. Ich habe schon vor meiner Wahl sehr viel gearbeitet. Jetzt fast jeden Tag von frühmorgens bis spätnachts im Einsatz zu sein, dabei viele Anliegen gleichzeitig zu bearbeiten, sich tief in Themen einzuarbeiten und gleichzeitig offen für alle zu bleiben – das ist in der Intensität neu. Aber diese Aufgabe gibt mir viel und ich hänge mich gerne voll rein.
Der Beruf des Politikers klingt recht abstrakt. Wie sieht denn Ihr Alltag als Bundestagsabgeordneter aus?
Die meiste Zeit bin ich hier in unserer Heimat. Ich habe von morgens bis abends Termine und treffe viele ganz verschiedene Leute. Ich bin zum Beispiel an Schulen, in Unternehmen und bei Sportvereinen. Und oft auch in Wohnzimmern, wenn ich eingeladen werde. Die Anliegen, die ich dort mitbekomme, bearbeite ich anschließend mit meinem Team. Diese Anliegen bearbeite ich auch in Berlin mit meinen Kolleginnen und Kollegen. In 20 Wochen pro Jahr finden dafür Sitzungen in der Hauptstadt statt. Dort versuche ich so viel wie möglich zu erledigen, bevor ich freitags wieder, oft auch etwas erschöpft, nach Sigmaringen zurückfahre. Früher hätte ich nicht gedacht, wie viele Leute sich an Abgeordnete wenden. Für mich bedeutet das jetzt viel Arbeit. Aber ich bin froh über das Vertrauen, das diese vielen Leute der Demokratie und mir als Teil davon entgegenbringen.
Haben Sie es so erwartet oder gab es Überraschungen?
Grundsätzlich hatte ich eine gute Vorstellung davon, was auf mich zukommt. Es ist aber heftig, wie viel man als Abgeordneter in 24 Stunden packen muss, wenn man seine Arbeit gut machen will. Hier muss man priorisieren, das fühlt sich nicht immer gut an. Und das ist auch nach wie vor die für mich größte Herausforderung, weil es viele wichtige Sachen gibt, um die ich mich kümmern möchte.
Wie sieht der »frische Wind« im Bundestag aus? Was machen die »Jungen« anders?
Wir "Jungen" im Bundestag sind bei einigen Themen anders betroffen. Meine Generation wird noch sehr viel vom Klimawandel miterleben. Wir werden erleben, was für dramatische Folgen es haben wird, wenn wir nicht genügend ändern. Zwar gibt es viele ältere Kolleginnen und Kollegen, die den Klimawandel sehr ernst nehmen und das auch schon vor 30 Jahren ernst genommen haben. Aber wenn man von etwas betroffen ist, geht man meiner Meinung nach anders damit um.
Oder was die Digitalisierung betrifft: Ich habe die Welt in meiner Kindheit zuerst ohne Handys und Computer erlebt und bin später dann mit dem technischen Wandel aufgewachsen. Daher glaube ich, dass ich einen sehr guten Blick auf beides habe – was die Vorteile davon sind, wenn man nicht den ganzen Tag am Handy hängt, aber auch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung sehe.
Viele jüngere Abgeordnete nehmen die Bürger auf Social Media mit, Wie hat sich die Kommunikation mit den Bürgern verändert?
Ich möchte erklären, was ich mache. Dafür nutze ich unter anderem die sozialen Medien. Dabei geht es mir nicht darum, nette Bilder zu posten, sondern dass die Leute verstehen, was im Bundestag und in unserem Land passiert. Wenn in einer Demokratie alle mitbestimmen, müssen auch alle wissen, was los ist. Junge Abgeordnete haben vielleicht eine andere Idee davon, was es heißt, Mitglied im Bundestag zu sein. Mir geht es nicht um Status. Ich will etwas bewegen und dafür will ich andere begeistern.
Sind die jungen im Bundestag dadurch bürgernaher?
Auf jeden Fall erreichen junge Abgeordnete oft andere junge Leute besser. In der Vergangenheit lief das mit einem sehr hohen Altersdurchschnitt im Bundestag recht schlecht. Die älteren Abgeordneten haben viel Erfahrung und das bleibt wichtig. Die Mischung macht es eben. Meiner Meinung nach muss ein Parlament aussehen wie die Bevölkerung: dass da Abgeordnete drinsitzen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen, Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sind, Menschen mit Migrationshintergrund und eben auch jüngere wie ältere. Wir brauchen die Lebensrealitäten aller Menschen unseres Landes im Bundestag – und die Lebensrealität junger Leute hat in den vergangenen Jahren gefehlt.
In welche Themen und Ausschüsse bringen sie sich besonders ein?
Im Bundestag sitze ich im Ausschuss für Klimaschutz und Energie und im Ausschuss für Digitales – das waren auch meine Wunschthemen, obwohl ich auch gerne im Gesundheitsausschuss mitgearbeitet hätte. Aber da wir viele Ärzte und Pflegekräfte in der Fraktion haben, bringen sie dort ihr Fachwissen ein. Nach wie vor setze ich mich aber hier in der Region für die Gesundheitsversorgung ein. Und grundsätzlich bin ich bei uns sowieso für alle Themen zuständig.
Was soll man in 15 bis 20 Jahren über Robin Mesarosch sagen können, was möchten Sie hinterlassen?
Mir ist wichtig, dass wir zügig schnelles Internet hier haben und überall telefonieren können, und dass wir auch in 15 bist 20 Jahren noch Ärztinnen und Ärzte hier haben und gute Jobs. In Bezug auf meine Person ist mir wichtig, dass man sich immer an mich wenden kann und ich damit gewissenhaft umgehe, wenn mir Probleme anvertraut werden.
Sie sagen, dass sich viele Menschen an Sie wenden. Was beschäftigt diese denn?
Das sind sehr unterschiedliche Sachen. Was sich häuft, ist, dass Leute einen Rechtsanspruch auf etwas haben und den nicht durchgesetzt bekommen: ob beim Arbeitsamt, Jobcenter oder ihrer Krankenkasse. Ich helfe derzeit beispielsweise einem Rollstuhlfahrer dabei durchzusetzen, dass er ein passendes Handbike bekommt, um zu seinem Wohnort auf dem Berg zu kommen. Dazu habe ich zig Beispiele. Es ist schade, dass man als Abgeordneter bei so etwas helfen muss, weil eigentlich sollte es von allein gehen. Aber wo ich helfen kann, helfe ich gerne.
Wie ist es mit der AfD zusammenzuarbeiten?
Die AfD vertritt nicht nur menschenfeindliche Ansichten, die macht auch handwerklich schlechte Arbeit im Bundestag. In den Ausschüssen ziehen sie die Sitzungen in die Länge oder nutzen die wertvolle Zeit mit abstrusen und offensichtlich schwachsinnigen Vorschlägen. Im Klimaschutzausschuss zum Beispiel gibt es dann fünfminütige Vorträge, warum es angeblich keinen Klimawandel gäbe. Das ist schlicht falsch und macht mich wütend, weil man die Zeit sinnvoller nutzen könnte. Und dann ist da noch die Hetze gegen Bevölkerungsgruppen. Nicht alle, aber einige AfD-Abgeordnete sind knallharte Rechtsextreme. Das alles schadet auch dem Bundestag, wenn sich die Partei im Parlament würdelos verhält und die Würde von Mitmenschen mit Füßen tritt. Wir müssen ihnen deutlich entgegentreten und ihnen gleichzeitig so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu geben.
Was ist im Ukrainekrieg von Deutscher Seite aus ganz besonders gefragt?
Ich finde es richtig, dass Deutschland Waffen an die Ukraine liefert, damit die Leute sich dort besser gegen die Invasion von Putin verteidigen können. Ich finde es auch richtig, dass Deutschland und die Nato nicht selber eingreifen. Es ist brutal schmerzhaft zu sehen, dass dort viele Leute sterben und den Eindruck haben, dass niemand hilft. Aber Russland ist eine Atommacht und es gibt in der Geschichte genügend Beispiele, bei denen so ein Konflikt eskalierte und auch zwei Mal die ganze Welt mit hineingezogen wurde. Daher müssen wir sehr bedacht vorgehen. Deutschland hat mit der EU und den USA heftige Sanktionen gegen Russland beschlossen. Auch das finde ich richtig. Und Deutschland stärkt jetzt seine Verteidigungsfähigkeiten, weil Putin ja auch klar gesagt hat, dass bei der Ukraine für ihn nicht Halt sein muss und auch andere Länder, die früher zur Sowjetunion gehört haben, für ihn eigentlich zu Russland gehören. Wir müssen diese europäischen Länder und uns verteidigen können.
Wie schafft man den Spagat zwischen Berlin und Schwäbischer Alb. Wie bringt man es unter einen Hut an beiden Orten mehr oder weniger gleichzeitig zu sein?
Ich wohne in Sigmaringen und fahre zu den Sitzungswochen nach Berlin. Wenn ich im Süden bin, gibt es auch mal Videokonferenzen mit der Fraktion oder anderen Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich in Berlin bin, gibt es oft auch Videoschalten mit Leuten hier aus der Gegend. Das überlappt sich. Aber der Spagat ist für mich ist nicht Schwäbische Alb und Berlin, sondern vielmehr zig Spagate zwischen Krieg in der Ukraine, Mindestlohn, Krankenhäuser und den kleinen individuellen Sorgen der Menschen. Ich versuche diesen Spagat so gut wie möglich hinzubekommen, indem ich mir vergegenwärtige, dass jedes Problem wichtig ist. Das Pendeln nach Berlin nervt schon. Aber ich nutze diese Zeit zum Arbeiten. Ein herausfordernder Spagat in diesen Monaten ist eher, die tägliche Arbeit zu erledigen und gleichzeitig vieles zu organisieren, was ich als neuer Abgeordneter noch nicht von Anfang an hatte. Dazu zählt zum Beispiel ein Büro einzurichten und ein Team zusammenzustellen. Bei dieser Doppelaufgabe bleibt leider manches auf der Strecke. Ich wäre auch gerne schneller darin, Leuten zu antworten. Aber das wird besser, sobald die Einrichtungsarbeit erledigt ist. Mein Team und ich sind schon jetzt für alle erreichbar.