Deutsch Amerikanische Freundschaft in den frühen 1980er Jahren: Robert Görl (links) und Gabi Delgado Foto: Grönland/Sabine Raef

Zu sexy, um Nazi zu sein: Robert Görl war mit Gabi Delgado das Elektropunkduo Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF). Am Samstag tritt er in Stuttgart in der Staatsgalerie auf. Im Interview spricht er über die Kunst der Provokation.

Ende der 1970er Jahre haben Robert Görl und Gabi Delgado in Düsseldorf die 1980er Jahre erfunden. Als Deutsch Amerikanische Freundschaft – kurz DAF – entwickelten sie einen einzigartigen Elektrosound. Seit Delgados Tod im Jahr 2020 führt Görl das Projekt mit Sylvie Marks fort. Wir haben mit dem 68-Jährigen über Punk, die Düsseldorfer Szene und Nazi-Vorwürfe gesprochen.

 

Herr Görl, DAF-Stücke wie „Der Mussolini“ oder „Als wär’s das letzte Mal“ klingen sehr modern, obwohl sie schon über 40 Jahre alt sind.

Stimmt. Schon Anfang der 1980er haben Journalisten uns gesagt, dass das, war wir machen, der Zeit einige Jahrzehnte voraus ist. Tatsächlich habe ich das Gefühl unsere Musik – diese Mischung aus Elektronik, Minimalismus und der Direktheit des Sounds – ist gerade erst im Hier und Jetzt angekommen.

Robert Görl Foto: Grönland/Rick Burger

War Ihnen damals wichtig, ganz anders als alle anderen zu klingen?

Logisch, wir hätten sonst keine Musik gemacht. Auf unserem Aufgaben-Spickzettel stand, das wir auf keinen Fall so klingen wollten, wie das was schon auf dem Markt ist oder in den Clubs gespielt wird. Wir hatten damals zum Beispiel auch ein ziemlich gutes Stück, so ein elektronisches Teil gemacht, das irgendwie nach der Band Devo klang. Das haben wir weggeschmissen.

Stattdessen haben DAF dann lieber musikalisch die 1980er Jahre erfunden.

Ja, aber wir waren da nicht allein. Es gab weltweit schon noch ein paar andere, die an so einem neuen Sound gearbeitet haben. Die meisten anderen haben aber ganz auf maschinelle Musik gesetzt, bei uns kam noch der Body dazu. Unsere Idee war, präzise-akkurate und kalte Elektronik mit einem echten groovigen Drumkit zu vermischen, wie man es vom Rock kennt. Dafür gibt es ja heute sogar einen Namen: Electronic Body Music oder EBM – und wir gelten als die Väter dieses Genres.

Düsseldorf scheint Ende der 1970er der Nabel der deutschen Musikwelt gewesen zu sein. Nicht nur DAF wurden dort gegründet.

Ja, da gab dort eine spannende Szene. Wir haben uns oft schon mittags im Ratinger Hof getroffen: die Fehlfarben, die künftigen Toten Hosen, der KFC, Syph, der Plan.

Was war so besonders an Düsseldorf?

Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Schicksal war. Bevor ich eingetaucht bin in die Szene im Ratinger Hof war ich in London. Nachdem ich mein Musikstudium in Graz beendet hatte, brauchte ich ein Break von all den Musiktheorien und bin im Sommer 1978 nach England gegangen. Da habe einen Deutschen kennengelernt, der mich nach Düsseldorf eingeladen hat. Der hat gemeint, da entsteht jetzt auch eine aufregende Punkszene. Ich habe die Einladung angenommen, bin irgendwann im Ratinger Hof gelandet und habe an der Bar Gabi Delgado kennengelernt, der gerade aus Wuppertal kam.

Punkrock haben Sie mit DAF dann aber nicht gemacht.

Ja, Gabi hat immer gesagt, die britischen Punkbands tun zwar aufmüpfig, spielen aber immer noch die gleichen Schrammelgitarren wie ihre Väter. Punk gab uns nur den Anstoß, es ging um diese Haltung: Tu was du willst, und mache es mit den billigsten Mitteln!

Haben Sie sich auch als Teil der Düsseldorf Avantgarde verstanden? An der Kunstakademie lehrte damals ja zum Beispiel Joseph Beuys.

Klar, der Beuys hat auch immer wieder im Ratinger Hof vorbeigeschaut, kam in seinem langen schwarzen Mantel rein und wollte wissen, was sich da so tut. Es waren ständig Leute von der Kunstakademie da. Wir haben uns da schon gegenseitig beeinflusst.

DAF waren auch Meister der Provokation. Vor allem „Der Mussolini“ mit Textzeilen wie „Tanz den Adolf Hitler!“ sorgte für Aufsehen. Einige hielten Sie sogar für Nazis.

Es gab immer wieder Journalisten, die uns dazu bringen wollten, ein Statement abzugeben wie: Wir sind keine Nazis! Das war uns zu doof. Entschuldigung, wir haben schwarzes Leder an! Echt jetzt? Nein! Wir wollten uns nicht vorschreiben lassen, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir wollten weder uns noch unsere Kunst erklären. Gabi hat sich dann immerhin mal die Antwort einfallen lassen: Wir sind viel zu sexy, um Nazis zu sein.

DAF in Stuttgart

Anfänge
Robert Görl – geboren 1955 in München – gründet Ende der 1970er Jahre zusammen mit Gabi Delgado-López (1958-2020) das Elektropunkduo Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF). 1981 gelingt ihnen mit der Single „Der Mussolini“ der Durchbruch.

Aktuell
Nach dem Tod Gabi Delgados veröffentlicht Görl 2021 mit „Nur noch einer“ eine Art DAF-Epilog. Er führt das Projekt mit Sylvie Marks fort. Am Samstag, 16. Dezember, spielen DAF in der Stuttgarter Staatsgalerie. Im Vorprogramm treten um 19 Uhr DJane Marcy und um 20:30 Uhr Twin Noir auf. Das Konzert von DAF beginnt gegen 22 Uhr. Die Sammlung der Staatsgalerie „Klassische Moderne“ ist am Veranstaltungstag bis 19:30 Uhr geöffnet – der Eintritt ist im Konzertticket inklusive.