Westtexas – das sind weite Wüsten und zerklüftete Berge. Dazu die lebendige, aber unterschätzte kleine Großstadt El Paso, wo Anglo- und Latino-Kultur eine faszinierende Liaison eingehen.
Die Abgeschiedenheit gehört zu El Pasos Identität: Die Stadt an der Grenze zu Mexiko liegt in einer anderen Zeitzone als der größte Teil von Texas. Sie ist näher dran an den Hauptstädten von Arizona, New Mexico und dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua als an der eigenen Landeshauptstadt Austin. Und El Paso ist umgeben von Bergen und Wüste, die nur äußerst spärliche Hinweise darauf geben, wo die wuchernde US-Metropole in Texas endet und ihre ebenso ausufernde mexikanische Zwillingsstadt Ciudad Juárez jenseits des Rio Grande anfängt.
El Pasos Innenstadt, die bequem und sicher zu Fuß erkundet werden kann, steckt mitten in einer Erneuerung. Dazu zählt die erfolgreiche Rückkehr eines Baseball-Teams, die El Paso Chihuahuas, die in einem brandneuen Stadion spielen. Wichtiger noch sind zwei architektonische Höhepunkte. Das Plaza Hotel, ein Art-déco-Hochhaus, in dem 1950 die Schauspielerin Liz Taylor mit Kurzzeit-Ehemann Nicky Hilton gelebt hat. Ihr ehemaliges Penthouse auf dem Dach im 17. Stock dient heute als Bar: La Perla ist der perfekte Ort, um mit einer Margarita bei Sonnenuntergang die Aussicht auf die Stadt zu genießen. Ein zweites Highlight ist das Paso del Norte Hotel mit seinem gläsernen Tiffany-Dom. Beide stilvolle Herbergen sind erst vor vier Jahren wieder neu eröffnet worden.
Farbenfrohe Wandmalereien in der Innenstadt
Eine der ältesten und sehenswertesten Stadtteile El Pasos ist Segundo Barrio, das zweite Viertel, auch als „Ellis Island an der Grenze“ bekannt, weil es ähnlich wie die Einwandererinsel vor den Toren New Yorks als erste Anlaufstelle für Einwanderer diente. Das Viertel hat El Paso geprägt. Und bis heute bietet die katholische Sacred-Heart-Kirche dort Migranten vorübergehend Nahrung und Heimstatt.
Sehenswert: die farbenfrohen, großflächigen Wandmalereien, die einige der historischen Episoden beschreiben. Sie lassen sich mithilfe einer App des örtlichen Touristenbüros selbst erkunden. Und wem beim Bummeln die Füße schwer werden, der kann mit einer restaurierten Straßenbahn stilecht durch die Innenstadt zuckeln.
El Paso – das ist ein einzigartiger kultureller Mix zweier Kulturen: „Man fühlt sich nicht hundertprozentig amerikanisch und auch nicht hundertprozentig mexikanisch“, sagt Nora Ochoa von Visit El Paso mit Blick auf die nahe Grenze, wo ein ununterbrochener Fußgänger- und Fahrzeugverkehr den engen sozialen wie wirtschaftlichen Austausch fortsetzt, der älter ist als die trennende internationale Grenze. „El Paso ist nicht ohne Juárez denkbar und umgekehrt“, meint Ochoa.
Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als beim Essen. Die Bewohner von El Paso behaupten zwar nicht, dass die Enchiladas, die gefüllten weichen Maismehltortillas, oder Menudo, die traditionelle mexikanische Suppe, hier erfunden worden sind; sie sind aber zutiefst davon überzeugt, dass diese Speisen nirgendwo besser schmecken. Diese Küche lässt sich in der florierenden Gastro-Szene der Stadt kosten – in traditionellen Restaurants wie dem L & J Café ebenso wie in modernen Taquerías wie etwa bei Tacometa. Oder aber man versucht sich selbst an der Herstellung von Tacos und Fajitas. „Wenn man mit seinen fünf Sinnen arbeitet, ist diese Küche gar nicht so schwer“, ermuntert die Köchin Hannahe Romero vom Texas Culinary Institute und lacht.
„Eine der letzten wilden Ecken“
Und wenn El Paso von allem weit weg scheint, dann gilt dies für die unendliche Weite in und um den Big Bend National Park noch viel mehr. Der US-Nationalpark-Service nennt die Gegend „eine der letzten wilden Ecken der Vereinigten Staaten“: zerklüftete Berge, karge Wüste, wenig Menschen. Dort herrscht noch Überfluss an all dem was in Zeiten von Nachrichtenflut und permanenter Alarmstimmung immer knapper zu werden droht: Stille, unberührte Natur, Dunkelheit.
Texas ist ein Land für Individualisten, die es als Urlauber dorthin zieht oder die dort leben, was sie in der Regel zu interessant schrägen Typen macht. In der wiederbelebten Geisterstadt Terlingua, wo bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts Zinnober zur Quecksilbergewinnung abgebaut wurde, oder im kleinen Flecken Marathon trifft man sie alle: echte texanische Cowboys und Cowgirls, Vaqueros, mexikanische Cowboys also, indianische Ureinwohner, Künstler sowie Alt- und Neu-Hippies. Und das alles in atemberaubender XXL-Landschaft mit dramatisch-feurigen Sonnenuntergängen. Big Bend ist mit seinen gut 3200 Quadratkilometern – größer als das Saarland – zwar nicht der größte oder älteste Park in den USA, aber einer der spektakulärsten. Der Ranger Tom Vandenberg, Chef der Besucherzentren, präsentiert die eindrucksvollen Zahlen zur ökologischen Vielfalt: „Wir haben hier 75 Säugetierarten, 450 Vogelarten, 3600 Reptilienarten und elf verschiedene Amphibienarten – mehr als in jedem anderen US-Nationalpark. Eine Menge Besucher, die mal hier waren, kommen wieder.“
Unglaubliche Artenvielfalt
Big Bend ist von den Ufern des Grenzflusses Rio Grande, der in Mexiko Rio Bravo heißt, über die Kakteen-Weiten der Chihuahua-Wüste bis zu den mit Eichen und Wacholder bedeckten Höhenzügen der Chisos-Berge ein wahres Paradies für Fotografen, Vogelbeobachter, Geologen und Wanderer. Es gibt mehr als 300 Kilometer an gut markierten Pfaden auch für Rucksacktouristen, die mehrere Tage in der Wüste zelten möchten. Aber Vorsicht: Im Sommer können es Temperaturen von 46 Grad Celsius und mehr werden. Dann sollte man zum Wandern früh los. In der Hitzewelle des Sommers 2023 sind drei Menschen gestorben. Trotzdem, betonen die Ranger, könne man den Park sicher besuchen, wenn man bestimmte Regeln beachtet.
Doch am besten kommt man in der kühleren Jahreszeit. „Unsere beliebtesten Reisemonate reichen von Mitte Oktober bis Mitte April“, sagt Vandenberg. Big Bends grandiose Naturlandschaft lässt seine Besucher dann nicht nur die Weite des Raumes, sondern auch die Tiefe der Zeit erfahren. Denn vor zig Millionen Jahren wurde aus einem Ozean eine Wüste, in die sich Wind, Wasser und Eis furios eingemeißelt haben.