Kann man ein Quadrat patentieren? Der Schokoladenhersteller aus Waldenbuch verklagt einen Müsli-Produzenten aus Mannheim. Aber das Gericht positioniert sich unerwartet.
Herbert Grönemeyer hat sich vor rund 40 Jahren der fast schon philosophischen Frage genähert, wann ein Mann eigentlich ein Mann ist. Er hat eine musikalische Antwort darauf gefunden. Vor dem Stuttgarter Landgericht geht es dieser Tage um die Frage, wann ein Quadrat ein Quadrat ist. Für Mathematiker mag die Sache vergleichsweise einfach sein (ein Viereck mit vier gleich langen Seiten und vier rechten Winkeln). Für Juristen ist es komplizierter.
Ritter Sport prozessiert jedes Jahr mehrfach
Hintergrund ist ein Rechtsstreit den der Waldenbucher Schokoladenhersteller Ritter Sport angestrengt hat. Dessen Egal ob Vollnuss, Marzipan oder Alpenmilch – die Schokolade aus dem Kreis Böblingen ist auf der ganzen Welt nicht zuletzt wegen ihrer quadratischen Form bekannt. Kein Wunder, dass sich das Familienunternehmen mit allen juristischen Mitteln dagegen wehrt, wenn vermeintliche Konkurrenten ihre Süßwaren in dieser Form präsentieren. Es könne schon vorkommen, dass man in dieser Beziehung „zwei, drei Mal im Jahr tätig wird“, sagt Justiziar Raphael Rozsa unserer Zeitung. Und in der Regel werde die Angelegenheit dann außergerichtlich erledigt. Nicht so bei Matteo Wacker.
Wacker produziert in Mannheim Müsliriegel, die er über das Internet vertreibt. Wobei Riegel nicht so ganz richtig ist. Denn mit Riegel wird eher die längliche Form verbunden, die Hafer-Riegel von Matteo Wacker wirken jedoch quadratisch – und heißen auch so. „Monnemer Quadrat“ steht auf der Verpackung, übersetzt: Mannheimer Quadrat. Das ist, sagt Wacker, ein nettes Wortspiel. Schließlich ist die Mannheimer Innenstadt als Planstadt in Häuserblocks angelegt und nicht in Straßen, weshalb Mannheim den Beinamen Quadratstadt trägt. In Waldenbuch sieht man das nicht so, und vermutet, dass da einer auf der quadratischen Erfolgswelle mitschwimmen will.
Zahlreiche Beweismittel von Ritter Sport
Ritter klagt. Zum Prozess bringen die Waldenbucher und die Mannheimer zahlreiche Beweismittel mit, Erdbeer-Joghurt, Noisette die einen, Kakao-Haselnuss und Kokos die anderen. Die Richterbank hat auch ihre Kostproben dabei. Es ist ein Ringen um die markenrechtliche Frage, ob hier ähnliche Zeichen bei einem ähnlichen Produkt vorliegen. Wenn dann Begriffe wie „vollständig neutralisierte Schlauchbeutelverpackung“ fallen, dann wird schnell klar, dass diese Veranstaltung alles andere ist als ein Zuckerschlecken.
Das Gericht, so dessen Vorsitzender Thomas Knochendörfer, habe die Sache schon mal ein wenig vorberaten. Dabei sei man zu dem – überaus vorläufigen – Schluss gekommen, dass die juristisch maßgebliche Verwechslungsgefahr wohl eher nicht bestehe, „bei aller Vorsicht“. Der Verbraucher könne zwischen der reinen Süßigkeit Schokolade und dem Energielieferanten Müsliriegel unterscheiden, im Supermarkt seien die auch meist an anderen Orten positioniert. Und auch die Verpackung aus Mannheim sei keine „fleischgewordene Formmarke der Klägerin“, sie habe, unter anderem, eine andere Riffelung.
Typische Riffelung von Ritter Sport
Waldenbuch sieht das selbstredend anders, verweist darauf, dass der Kunde die Verpackung nicht unter dem Mikroskop auf die Riffelung hin überprüfe, während sich die Mienen auf der Mannheimer Seite eher entspannen.
Doch Zivilverhandlungen haben ihre Tücken und Wendungen, und die kam denn auch vor dem Stuttgarter Landgericht. Natürlich glaube er an die Rechtsauffassung seiner Kammer, sagt Thomas Knochendörfer. Er sei sich jedoch sicher, dass das Landgericht in diesem Fall nicht die letzte Instanz sei. Jetzt nickt Waldenbuch, und zwar heftig. Bis zu einem Rechtsfrieden könne der Weg sehr lang sein, rät Knochendörfer daher zu einem Vergleich.
Ritter Sport gegen Milka - zehn Jahre Prozesse
Wie lang so ein Rechtsstreit dauert, wenn er zum Oberlandesgericht geht, zum Bundesgerichtshof, vielleicht sogar, was in markenrechtlichen Fragen nicht ungewöhnlich wäre, zum Europäischen Gerichtshof, das weiß niemand. Dass der Streit den Ritter einst gegen den Konkurrenten Milka gewann rund zehn Jahre beansprucht hat, das ist allerdings bekannt. Und natürlich gilt: je länger, desto teurer.
Wie so ein Vergleich nun aussehen könnte, sollen die Parteien in den nächsten Wochen beraten. Sobald die eine Seite der Verpackung um 30 Prozent länger wäre als die andere spreche man nicht mehr von einem Quadrat und werde nicht weiter aktiv, heißt es aus Waldenbuch. Die Mannheimer erklären, dass die Müsliriegel streng genommen auch jetzt gar kein Quadrat seien, weil die Seiten im Verhältnis 1:1,16 zueinander stehen. Waldenbuch sieht ein gefühltes Quadrat – und bietet ein Sachverständigengutachten zur Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Auges an. Wenn es den Parteien nicht gelingt, sich gütlich zu einigen, wird das Gericht seine Entscheidung am 13. Januar verkünden. Erste Instanz.
Dieser Artikel erschien erstmals am 18. November 2025 und wurde am 19. November aktualisiert.