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Risikoforscher zu Sicherheit an Flughäfen „Wenn etwas passiert, rollen Köpfe“

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Stuttgart - Dreimal hat es innerhalb der vergangenen zehn Tage Sicherheitsalarm an Flughäfen gegeben: In München, Frankfurt, Bremen. Es kam zu Ausfällen und Verspätungen, tausende Menschen litten unter dem Chaos – obwohl keine Gefahr drohte. Risikoforscher Ortwin Renn befasst sich seit langem mit überbewerteten Ängsten und der Frage, was Angst mit einer Gesellschaft macht.

Herr Renn, was steckt hinter den jüngsten Vorfällen an drei Flughäfen?

Da kommen mehrere Punkte zusammen. In den Sommermonaten ist der Andrang am Flughafen groß, das Personal ist überlastet, auch wegen der enormen Hitze in diesen Tagen. Da passieren schonmal Fehler. Solche sicherheitsrelevanten Vorkommnisse sind an sich auch nicht ungewöhnlich: Im vergangenen Jahr gab es etwa 130 Fälle. Aber nach einem größeren Vorfall wie dem am Münchener Flughafen ist die Aufmerksamkeit für solche Ereignisse insgesamt höher. Zum anderen herrscht an Flughäfen seit mehreren Jahren schon eine Art Null-Toleranz-Politik. Die Sicherheitskontrollen wurden wegen terroristischer Vorfälle in Europa verschärft.

Ist das übertriebene Vorsicht?

Statistisch gesehen ist es sehr unwahrscheinlich, dass an einem Flughafen tatsächlich etwas passiert – zum Beispiel ein Terroranschlag. Nur: Wenn etwas passiert, wiegt es umso schwerer. Würde sich nachträglich herausstellen, dass bei den Sicherheitsmaßnahmen Fehler gemacht wurden, würden Köpfe rollen. Deshalb herrscht in diesem Falle Asymmetrie: Verantwortliche und Entscheidungsträger neigen dazu, lieber etwas zu vorsichtig zu sein, obwohl das Risiko gering ist. Dann kassieren sie höchstens Schelte, zu viel Geld ausgegeben zu haben oder die Passagieren warten zu lassen. Von daher ist es für sie rational, bei der Risikovorsorge zu übertreiben – selbst wenn die Maßnahmen nicht proportional zum Risiko sind.

Statistisch gesehen sind Autos die gefährlichsten Verkehrsmittel – abgesehen vom Motorrad. Trotzdem sind die Sicherheitsmaßen an Flughäfen viel höher als anderswo. Warum ist das so?

Die Menschen fühlen sich auf Rädern sicherer. Dazu kommt: Im Auto sitzen wir selbst am Steuer, im Flugzeug müssen wir die Kontrolle abgeben. Das verunsichert uns. Ein weiterer Punkt ist, dass die meisten Menschen nicht so häufig fliegen. Angstgefühle sind aber umso stärker, je weniger Kontrolle wir haben, je weniger vertraut wir mit etwas sind und je schlechter wir ein Risiko einschätzen können. Deshalb sind die Sicherheitsmaßnahmen und Routinen an Flughäfen wichtig. Sie schaffen Vertrauen.

In Ihrem jüngsten Buch schreiben Sie von einer „Zeit der Verunsicherung“. Herrscht hierzulande besonders viel Angst?

In einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen einen guten Wohlstand, eine hohe Sicherheit und relativ geringe Risiken erleben, nimmt paradoxerweise die Angst zu. Das scheint auf den ersten Blick absurd, ist aber durchaus rational: Man möchte das Erreichte keinesfalls aufs Spiel setzen, deshalb nimmt man keine weiteren Risiken in Kauf. Alles, was neu und fremd ist, wird dann abgelehnt. Dort, wo die Menschen danach streben, etwas zu erreichen, ist auch die Risikobereitschaft höher. Schließlich gehen mit Risiken meist auch Chancen einher.

Was ist Ihr Rat?

Wir müssen individuell wie kollektiv eine gute Balance finden: Nicht ständig größere Risiken eingehen, aber auch nicht unbeweglich werden. Einfach zu hoffen, dass alles bleibt, wie es ist, funktioniert nicht. Aber es hilft, sich mit Risiken vertraut zu machen – und zum Beispiel die Dimensionen der Bedrohungen, also die statistisch zu erwartenden Gefahrensituationen zu kennen.

Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor am Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS) in Potsdam. Er ist zudem Gründungsdirektor des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart (ZIRIUS).

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