Die Suche nach der neuen Spitze für den Gewerkschaftsbund gestaltet sich schwierig. Der DGB kann es sich allerdings nicht leisten, weitere vier Jahre von einem Mann geführt zu werden, meint Matthias Schiermeyer.
Stuttgart - Zum Ende vorigen Jahres hatten die acht DGB-Gewerkschaften annähernd 5,9 Millionen Mitglieder – rund ein Drittel von ihnen weiblich. Seit 2005 hat sich der Frauenanteil insgesamt um nur etwa zwei Prozentpunkte leicht erhöht. Die Bandbreite ist freilich enorm: Sie reicht von 18 Prozent bei der IG Metall bis zu 72 Prozent Frauen bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Gleichstellungspolitische Ansprüche sind der Maßstab
Ist es vor dem Hintergrund der anhaltenden Männerdominanz angesagt, dass die Führung des Gewerkschaftsbundes im Mai zum ersten Mal von einer Frau übernommen wird? Ja, es ist geradezu zwingend. Eine Organisation mit diesem gesellschaftspolitischen Anspruch sollte es sich nicht trauen, wieder einen Mann an die Spitze zu wählen. Es wäre ein Verrat am zentralen gleichstellungspolitischen Ziel, den Frauen echte Chancengerechtigkeit in der Berufswelt zu erkämpfen.
Eine Alternative muss bald aufgezeigt werden
Nun ist es bedauerlich, dass die bestmögliche Lösung – bisher – nicht zur Verfügung zu stehen scheint: Die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, wäre ein wirklicher Gewinn für den DGB. Sie beherrscht den zeitgemäßen Ton, der auch bei jüngeren und höheren Angestellten ankommt. Ihre Schwerpunkte wie die Digitalisierung und die neue Arbeitswelt sind Themen der Zukunft. Sie hat nach innen Führungsqualitäten bewiesen und sich einigen Respekt im Arbeitgeberlager verschafft.
Wenn Benner jedoch tatsächlich abwinken sollte, spricht das zunächst nicht für besondere Einwirkungsmöglichkeiten des Dachverbands – weil die Macht weiter in den Zentralen der großen Einzelgewerkschaften liegt. Doch mit Blick auf den Wechsel im Mai muss eben bald eine Alternative aufgezeigt werden. Es wäre der Offenbarungseid einer Organisation mit 1,99 Millionen weiblichen Mitgliedern, wenn sich unter diesen keine ähnlich geeignete Kandidatin finden ließe.
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