Fabian Reiner, Top-Ringer des Regionalligisten KSV Tennenbronn, muss wie alle Griffekünstler seit Monaten auf den Kontakt zu Gegnern und Fans verzichten. Foto: Moosmann

Die Ringer sind besonders hart durch den Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie betroffen. Als intensive Kontaktsportart wurden sie von Beginn an völlig ausgebremst. Ohne Trainingsgegner auf den Matten ist es schwierig, die Techniken zu bewahren.

Zur Situation äußert sich Fabian Reiner vom KSV Tennenbronn im Gespräch.

Hallo Fabian. Du bist mit Leidenschaft Ringer, zählst eigentlich schon immer zu den Leistungsträgern beim KSV Tennenbronn. Nun durch den Stillstand regelrecht ausgebremst. Wie schildert sich für Dich die Situation, dass durch den fast schon ewigen Lockdown der Ringersport nicht mehr stattfinden kann?

Vor allem zu Beginn des Lockdowns war das schon sehr schwierig. Mittlerweile hat man sich ja schon fast an die Situation gewöhnt. Zum Ausgleich gibt es genug Hobby-Disziplinen um sich körperlich fit zu halten. Wenngleich ein Vollkontakt-Training durch nichts zu ersetzen ist. Es bieten sich aber auch Chancen die derzeitige Lage zu nutzen. Jammern hilft ja nicht. So habe ich das zuvor ungeliebte Krafttraining richtig schätzen gelernt und mittlerweile recht passable Werte. Was allerdings vor allem fehlt, ist die Kollegialität und der Austausch untereinander. Da geht es Sportlern nicht anders als Privatleuten.

Den KSV Tennenbronn kann man sicher als einen besonderen Verein bezeichnen. Vereinstreue der Sportler, das Umfeld mit den Fans, die langjährige Arbeit von Matthias Brenn als Trainer, der das vorhandene Potenzial in die richtigen und auch sportlich erfolgreichen Bahnen lenkt. Ohne Wettkämpfe derzeit, wie "lebt" der KSV, dass in dieser schwierigen Zeit das Vereinsgefüge bestehen bleibt?

Da sprichst Du das Richtige an. Es ist toll, Leute wie Matthias in den Reihen zu haben, die auch nach mittlerweile jahrzehntelanger Tätigkeit noch brennen und unermüdlich die Werbetrommel rühren. Er versucht nach wie vor uns Sportlern eine Perspektive aufzuzeigen. Das ist besonders wichtig, da wir ja ein ganzes Rudel junger Ringerinnen und Ringer haben, die von sich aus viel Ehrgeiz mitbringen und sich nun schon viel zu lange nicht messen können. Toll ist auch, dass sich ehemalige Sportler einbringen und uns mit Abwechslung bei Laune halten. So konnte der Kontakt zur Fitnesstrainerin Linda Meister geknüpft werden, die selbst umfangreiche Kampfsporterfahrung mitbringt und uns so in diversen Online-Trainings ordentlich zum Schwitzen bringt.

Nicht nur den KSV-Fans werden die Wettkämpfe und den Kontakt zu ihren "Helden" missen, auch den Ringern der KSV-Mannschaften, egal welcher Altersklasse, dürfte die Nähe und Emotion mit ihren Anhängern fehlen. Welche Möglichkeiten bieten sich in dieser schwierigen Zeit, damit dieser "Kontakt auf Abstand" nicht abreißt?

Hier wurden vor allem in der letzten, leider nicht zu Ende gebrachten Saison enorme Anstrengungen geleistet. Mehrere Hygienekonzepte wurden in vielen Online-Sitzungen erarbeitet. Viele Helfer wurden mobilisiert, um die strengen, selbst auferlegten Regeln umzusetzen. So wurde die eigentlich ausgediente Tennenbronner Sport- und Festhalle auf ihre alten Tage noch aufgerüstet um unsere Wettkämpfe live streamen zu können, was sehr großen Anklang fand. Ich bin deshalb auch sehr zuversichtlich, dass wir in diesem Jahr wieder unseren Sport öffentlich zur Schau stellen können. Die Meinung im Verein ist einhellig, dass alle Anstrengungen dies Wert sind.

Unabhängig davon hilft es der Sportart insgesamt in der Öffentlichkeit zu stehen. Kürzlich sind die Europameisterschaften mit beachtlichen Erfolgen der deutschen Ringerinnen und Ringer zu Ende gegangen. Hier würde ich mir gerne mehr Berichterstattung wünschen. Dies trifft sicher auf viele Randsportarten zu und sollte in einer Zeit, in der es allgemein wenig zu berichten gibt, eigentlich möglich sein.

Auf der Matte ist jeder Ringer ein "Einzelkämpfer", hat aber einen Gegner. Training ohne Gegner, direkten Kontakt zu einem Kontrahenten, ist in diesem Sport alles andere als ideal. Was ist in den Übungseinheiten alleine möglich?

Körperlich gibt es genug Möglichkeiten alleine zu trainieren. Es gibt auch wirklich tolle Online-Angebote, die ein Vollkörper Training ermöglichen. Das Problem ist dabei eher die Motivation, auch zu trainieren, wenn die Lust mal nicht so da ist. Die lässt sich beim persönlichen Kontakt in der Sporthalle leichter erhalten. Außerdem ist es in unserer Sportart besonders wichtig Koordinativ zu trainieren. Für jugendliche Sportler sind die verlorenen Trainingsstunden auf der Matte daher leider nicht mehr aufzuholen. Jede nicht stattfindende Trainingseinheit mit Partner ist im Alter zwischen 10 und 20 unwiederbringlich verloren.

Kraft und Ausdauer ersetzen nicht den direkten Kontakt, den man als Ringer zum Gegner braucht. Sollte es nach dieser langen Unterbrechung tatsächlich im Herbst wieder Wettkämpfe geben, wie lange müsste die Vorbereitung unter realen Bedingungen sein, um das Niveau vor dem Lockdown zu erreichen?

Typischerweise haben wir eine zirka zehn- bis zwölfwöchige Vorbereitung. Wer eine normale Grundfitness mitbringt, kommt in dieser Zeit auch wieder auf das nötige Level. Schwieriger ist eher die fehlende Wettkampfpraxis. Das kann man versuchen in konstruierten Trainingskämpfen zu simulieren. Ich glaube, schwerer haben es hier tatsächlich die Kampfrichter.

Wenn dies nicht möglich ist, könnte sich das nicht nur auf das Niveau der Wettkämpfe auswirken, sondern auch eine große Gefahr für Verletzungen in sich bergen?

Wie bereits erwähnt gibt es bei Jugendlichen eventuell größere Niveauunterschiede. Ein erhöhtes Verletzungsrisiko sehe ich dadurch allerdings nicht. Man sollte nicht alles schwarz malen.

 Die Fragen stellte Jürgen Schleeh

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