Zu viele Bedürftige, zu wenig Lebensmittel: Die Tafeln wollen nicht die letzte Station der Hilfsangebote sein. Foto: Schackow

Die Tafeln im Südwesten werden regelrecht überrannt. Tafel-Sprecher Udo Engelhardt über Aufnahmestopps, Hilfen für Flüchtlinge und Stammkunden, die gar nicht erst kommen.

Oberndorf - Erste Tafeln im Südwesten verhängen Aufnahmestopps – darunter die Tafel in Rottweil.

Udo Engelhardt, Mitglied des Vorstands bei den baden-württembergischen Tafeln, sprach mit unserer Redaktion über Lebensmittelknappheit, verzweifelte Mitarbeiter und die Hilflosigkeit, die dazu führt, sogar Schwangere abweisen zu müssen.

Herr Engelhardt, in diesen Zeiten kommen mehr Menschen zur Tafel. So viele, dass Sie nicht mehr alle versorgen können. In welchem Fall wird ein Aufnahmestopp verhängt?

Wir sind im Austausch mit allen Tafeln in Baden-Württemberg. Die Situation ist jeweils unterschiedlich: in größeren Städten wie Stuttgart oder Konstanz anders als in Schramberg oder Hornberg im Schwarzwald etwa.

Wenn Aufnahmestopps verhängt werden, ist der Auslöser aber immer derselbe: dass zu viele Kunden zur gleichen Zeit kommen beziehungsweise weil zu viele nach einer Kundenkarte der Tafel anfragen.

In welcher Größenordnung steigt die Kundenzahl?

Ein Beispiel: Haben wir jetzt 100, 120 oder 150 Kunden in einem Tafelladen, waren es zuvor um die 80. Diese Zahl steigt, die Lebensmittelmenge allerdings nicht. Außerdem bräuchten wir längere Öffnungszeiten – und damit eine noch höhere Bereitschaft unserer Helfer. Dabei haben wird schon mehr Leute mit Einkaufsberechtigung, als wir eigentlich schaffen können.

Wer entscheidet, wer nichts mehr bekommt?

Es gibt eine Autonomie der einzelnen Läden. Die Helfer sind in einer wirklich schwierigen Situation. Sie fragen mich zum Beispiel: "Was mache ich, wenn eine Schwangere kommt und sagt: ›Mein Dreijähriges und ich haben nichts mehr zu essen.‹" Und stellen Sie sich vor, es ist erst der 20. eines Monats. Das ist unheimlich hart.

Wenn neue Kunden kommen – und dazu könnte diese Frau zählen –, müssen wir bei einem Aufnahmestopp konsequent bleiben. Er muss ja für alle gleich gelten. Das ist eine sehr harte Entscheidung.

Wie wirkt sich das auf Sie und Ihre Helfer aus, die Menschen in Not abweisen müssen?

Wir haben schon öfter über einzelne Schicksale gesprochen. Jeder, der kommt, ist in Not und einen individuellen Grund. Diese Härte hatten wir noch nie in dieser Breite.

Wer darf denn bei der Tafel einkaufen?

Jeder, der öffentliche Sozialleistungen bezieht. Das kann Wohngeld sein oder Arbeitslosengeld II, der Kinderzuschlag oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Auch Rentner, die keine Sozialleistungen beziehen, aus Scheu vielleicht, die aber trotzdem ein geringes Einkommen haben und damit unter einem gewissen Betrag liegen. Auch Flüchtlinge. Jene aus der Ukraine machen derzeit den größten Teil an Neukunden aus.

Anfangs war unklar, wer welche Leistungen erhält, dann hieß es: Wer einen ukrainischen Pass vorlegt, kann bei den Tafeln einkaufen. Mittlerweile sind ukrainische Flüchtlinge fast alle in deutschen Leistungssystemen, fast alle haben Unterlagen dazu, und wir sehen dadurch: Sie sind bedürftig.

Was passiert durch die steigende Kundenzahl?

Es gibt Aufnahmestopps, es gibt einen Verdrängungswettbewerb. Ein Teil der Stammkunden in einzelnen Läden kommt nicht mehr oder nicht mehr regelmäßig. Sie sind unsicher, ob sie überhaupt Lebensmittel erhalten, wie lange sie warten müssen.

Können Sie beziffern, wie viel mehr Menschen bei Ihnen Hilfe suchen?

Wenn es um die Kunden geht, die zum Einkaufen kommen, haben wir ein Plus von 25 bis 30 Prozent im Schnitt aller Tafeln in Baden-Württemberg. Bei den Menschen, die eine Berechtigung haben, bei uns einzukaufen, liegt das Plus sogar bei 50 Prozent.

Was bedeutet das in absoluten Zahlen?

Bislang kauften 150 000 Menschen im Südwesten bei den Tafeln ein. Nun sind 50 Prozent mehr berechtigt, also sind wir bei 225 000 Menschen. Doch dahinter verstecken sich noch viel mehr. Die Kunden kaufen für ihren Haushalt ein, für andere Mitglieder. Ich schätze, insgesamt sind es 500 000 bis 600 000 Menschen.

Und das allein in Baden-Württemberg, in dem laut Statistischem Bundesamt Ende 2020 etwa 11,1 Millionen Menschen lebten. Die Steigerung bedeutet auch, dass Sie immer mehr Helfer brauchen – theoretisch zumindest.

Ja, doch auch bei uns ist die Personalsituation teils schwierig – allein schon, weil die Ausgabe der Lebensmittel länger dauert. Es ist sehr knapp.

Dazu kommt, dass sich die Tafeln fast ausschließlich über Spendengelder finanzieren. Was sagen Sie zur Rolle der Politik in dieser Situation? Würden Sie sich hier mehr Unterstützung wünschen, für die Tafeln selbst oder aber für die Berechtigten?

Es braucht zuallererst mehr Unterstützung für die Berechtigten, von lokaler, von Landes- und Bundesebene – wie etwa höhere Regelsätze. Die jetzt geplante Erhöhung mit dem Bürgergeld gleicht nicht einmal die Inflation aus.

Auf lokaler Ebene muss es niederschwellige Anlaufstellen zur Beratung und zusätzlich Härtefallfonds geben, an die auch die Tafeln Hilfesuchende weiterverweisen können. Die Tafeln wollen und können nicht die letzte Station der Hilfsangebote sein