Die Aufgaben in der Kinderbetreuung werden nicht kleiner. (Symbolfoto) Foto: Baublies

Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung muss Rottweil in den kommenden Jahren eine riesige Aufgabe schultern. Dabei ist die Stadt mit der Kinderbetreuung an sich schon am Limit angelangt. Was kommt da auf die Stadt zu? Und wie ist sie aufgestellt?

Rottweil - Die Kinderbetreuung ist in Rottweil so etwas wie eine immerwährende Baustelle. Der Bedarf an Kindergartenplätzen steigt stetig, der an Personal auch. Die Kosten belasten die kirchlichen und den städtischen Träger immens.

 

Und dann reißt die alte Bundesregierung auf den letzten Metern mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen bis 2026 ein neues Loch auf.

Die Lücke schließen

Das Gesetz, mit dem der Bund ein Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag der GroKo umsetzt, soll eine Betreuungslücke schließen. Nach längerem Hin und Her hinsichtlich der Finanzierung, begrüßte anfang September auch die Landesregierung das Gesetz. Weiter unten in der Hierarchie, bei der Stadt Rottweil, begegnet man dem Rechtsanspruch mit gemischten Gefühlen. Gesellschaftspolitisch wird das Gesetz positiv gesehen.

"Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung stärkt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf", betont der städtische Pressesprecher Tobias Hermann auf Nachfrage. Schließlich gehe es um Themen wie die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Berufsleben und um Chancengleichheit für Kinder aus sozial schwachen Familien.

Die Probleme

Auf der anderen Seite komme auf die Kommunen aber eine riesige Aufgabe zu, die nicht von heute auf morgen umzusetzen sei. Das fange schon beim Bedarf an Räumlichkeiten an. Diese müssten gebaut oder angepasst werden. "Das kommt oben drauf zu den weiteren Sanierungs- und Unterhaltungsmaßnahmen, die uns bereits jetzt finanziell und personell stark auslasten."

Die zweite und vielleicht größere Herausforderung ist das Personal. "Bereits heute ist der Arbeitsmarkt in diesem Bereich angespannt", sagt Hermann. Das zeigt ein Blick auf die Kindergärten.

Blick in die Kindergärten

Um dem steigenden Bedarf an Betreuungsplätzen gerecht zu werden, investiert die Stadt derzeit neben dem Kindergartenneubau auf der Spitalhöhe, dessen Träger die katholische Kirche ist, in eine zusätzliche Krippe im ehemaligen Gebäude des Edith-Stein-Instituts in der Johanniterstraße (wir berichteten). Zudem bereitet sie eine Containerlösung für zusätzliche Kindergartengruppen in Rottweil-Altstadt vor. Während die 4,1 Vollzeitstellen in der neuen Krippe bereits besetzt sind, schließlich will man im November öffnen, sind die für den provisorischen Kindergarten auf der Armlederanlage noch zu besetzen. Hier will man im zweiten Quartal 2022 starten.

Hinzu kommt ein gewisses Personalkarussell, das mit der Eröffnung von St. Magdalena auf der Spitalhöhe entstanden ist. "Nach Informationen der katholischen Gesamtkirchengemeinde als Träger gab es viele interne Bewerbungen. Die frei gewordenen Stellen konnten aber besetzt werden", so Hermann.

Lage verschlechtert sich

Damit darf sich Rottweil zu einer Art Insel der Glückseligen zählen. Noch, denn in anderen Kommunen im Land ist der Markt an Erziehern seit Jahren abgegrast. Stuttgart oder Ludwigsburg etwa können wegen Personalnot in ihren Kindergärten Plätze nicht vergeben oder müssen ihr Betreuungsangebot reduzieren. Eine entsprechende Studie beziffert den Fachkräftemangel im Erziehungssektor bis 2030 mit 36 000.

Institut als Trumpf

Das sieht man auch in Rottweil mit Sorge. "Wir sind froh, dass es bislang trotzdem gelingt, die offenen Stellen in Rottweil zu besetzen. Uns und anderen Trägern hilft dabei, dass wir mit dem Edith-Stein-Institut eine attraktive Ausbildungseinrichtung in der Stadt haben, die zuletzt durch den Neubau und die Ansiedlung am Schulcampus nochmals gestärkt wurde", betont Hermann.

Nach derzeitigem Planungsstand könnten die städtischen Kindergartengruppen von momentan zehn bis 2024 auf 28 Gruppen steigen. Deshalb will die Stadt auch an einer anderen Stellschraube tätig werden. Um Aufgaben zu bündeln, wie etwa Personal, Baumaßnahmen und Bedarfsplanung, stellt die Stadt eine Kindergartenbeauftragte an. Gleichzeitig tritt die Stadt aus dem Landesverband katholischer Kindertagesstätten aus, der die Stadt bislang bei diesen Dingen unterstützt. Das so eingesparte Geld wird für die Finanzierung der eigenen Stelle verwendet.

Fragezeichen bei Finanzen

Anders als bei der Betreuung der unter Sechsjährigen sieht die Stadt bei der Finanzierung der Ganztagsbetreuung Bund und Land in der Pflicht. "Es kann nicht sein, dass der Bund Gesetze beschließt und die Lasten auf die Kommunen abwälzt. Angesichts erheblicher finanzieller Mehraufwendungen für Bau, Unterhalt der Einrichtungen und im Personalbereich droht ansonsten eine erhebliche Verschärfung der Finanzsituation der Städte und Gemeinden", kritisiert der Pressesprecher. Die Kommunen müssten entsprechend finanziell ausgestattet werden.

Bislang werden 422 Schüler an unterschiedlichen Schulen in unterschiedlichen Modellen betreut. Dafür beschäftigt die Stadt 72 Teilzeitkräfte. Hinzu kommen 259 Schüler der Konrad-Witz-Schule, die im Rahmen der gebundenen Ganztags-/Gemeinschaftsschule betreut werden. Die Kosten für die Ganztagsbetreuung beliefen sich in den vergangenen drei Jahren im Durchschnitt auf jährlich 820 000 Euro. Auch die Eltern leisten ihren finanziellen Beitrag.

Welche Strukturen die Stadt schaffen muss, um ihrem Betreuungsauftrag bis zum Schuljahr 2026/27 gerecht zu werden, ist noch unklar. "Wir gehen im Moment allein beim Betreuungspersonal von zusätzlich 13 Stellen aus. Dies wären rund 80 000 Euro pro Jahr", rechnet die Stadt.