Er ist gerne ein Typ zum Anfassen: Richy Müller. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Richy Müller tritt als Mitwirkender an der Coronasatire „#allesdichtmachen“ ins Fettnäpfchen. Eigentlich wollte er darüber gar nicht mehr reden. Aber er nimmt dann doch Stellung.

Stuttgart - Als Richy Müller 2008 zusammen mit Felix Klare beim „Tatort“ aus Stuttgart antrat, war das ein haariger Job. Die einen wollten unbedingt einen gemütlich knurrigen Urschwaben, die anderen trauten Stuttgart eben darum nur Muffiges zu. Müller und Klare aber wurden eines der beliebtesten Teams. Dann trat Richy Müller als Mitwirkender an der Coronasatire „#allesdichtmachen“ ins Fettnäpfchen. Eigentlich wollte er darüber gar nicht mehr reden. Aber er nimmt dann doch Stellung.

 

Herr Müller, wie haben Sie das vergangene Jahr erlebt – eher positiv oder krisenhaft?

Krisenhaft überhaupt nicht. Viele haben gelitten, aber wenn man auf dem Land lebt wie ich, hat man Vorteile, kann in den Garten oder spazieren gehen. Ich kann nicht klagen.

Hatten Sie genug zu tun?

Ja, wobei meine Lesungen und Theateraufführungen flachgefallen sind. Aber wir haben zwei Folgen des „Tatort“ gedreht.

Haben Sie noch andere Leidenschaften? Wissen Sie, was tun ohne Arbeit?

Das weiß ich schon immer: leben. Ich lebe nicht für die Schauspielerei, sondern von der Schauspielerei. Dafür bin ich dankbar. Aber es ist nicht das, was mich nährt im Sinne von Seelennahrung. Einen tollen Film gemacht zu haben füttert meine Seele nicht.

Sondern?

Die Familie, die Frage, wer ich bin und was mein Antrieb ist. Für mich heißt das: Nächstenliebe, gut mit seinen Mitmenschen umgehen, für andere da sein. Ich habe nie etwas gemacht, um etwas zu erreichen, sondern lasse die Dinge auf mich zukommen. Ich habe die Begabung, die richtigen Dinge zu erkennen und dann anzupacken.

Viele Kollegen brauchen vermutlich die Bestätigung.

Es ist toll zu wissen, dass ich Leute erfreue und unterhalte, aber das ist nur der Moment. Wenn man innerlich von dem Beruf lebt, müsste man permanent arbeiten, um sich wohlzufühlen. Nein, die privaten Dinge sind die wichtigen – und dass man Bescheidenheit und Demut lebt und zufrieden ist mit dem, was man hat. Wenn mich niemand mehr will, werde ich vielleicht traurig sein, aber nicht unglücklich. Ich werde nicht untergehen.

War Ihnen von Anfang an klar, dass der neue Stuttgarter „Tatort“ ein Erfolg werden wird?

Am Anfang hat man oft gefragt, wie ich die Fußstapfen von Bienzle füllen wolle – und ich habe gesagt, dass ich mich einfach quer reinstelle. Als man mir das Angebot gemacht hat, wollte man wissen, wie mein Kommissar aussehen würde. Ich hätte sagen können: Hurenbock, Kettenraucher, ständig einen im Tee. Das, was ich stattdessen vorgeschlagen habe, wurde die Grundlage meiner Figur. Daran wird nicht gerüttelt. Ich finde wichtig, dass sie einen Wiedererkennungswert hat, die Bücher aber abwechslungsreich sind.

Ist das wie eine Art Festanstellung, die dazu verführt, andere Angebote abzulehnen?

Ich habe schon in den 30 Jahren als Freiberufler alles abgelehnt, was mir im Magen Probleme bereitete. Aber ich bin glücklich, dass der „Tatort“ mir die Sicherheit gibt, nicht alles machen zu müssen. Das ist es, was ich mit Bescheidenheit meine: Dass man so viel hat, dass es reicht, aber nicht immer noch mehr ranschaufeln will. Das würde mich krank machen.

Sie sind auch in Unterhaltungsshows zu sehen. Da kann man sich auch ganz schön blamieren.

Man darf nicht das Gefühl haben: Hoffentlich versage ich nicht. Wenn man unbedingt toll aussehen will, sollte man es bleiben lassen. Es ist aber lustig, gegen Quiz-Leute anzutreten, die alles wissen.

Sie stehen natürlich im Rampenlicht. Stört Sie das manchmal?

Nein, ich bin eher die Person, die man auf der Straße ansprechen kann. Ich habe keine Berührungsangst. Manche Leute fragen, ob sie einen anfassen dürfen. Damit kann ich gut umgehen und sage: Ja klar, ich bin zum Anfassen da. Ich bin Arbeiter gewesen, gelernter Werkzeugmacher. Ich habe nie den Boden verloren oder gedacht, ich bin etwas Besseres, weil ich jetzt privilegiert lebe.

Sie sind im vergangenen Jahr 65 geworden. Hat das etwas verändert?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe immer noch so ein frisches Gefühl. Ich bin neugierig – und Neugierde hält jung. Aber natürlich ist es eine merkwürdige Zahl.

Theater und Film machten zuletzt Schlagzeilen wegen Übergriffen und Machtmissbrauch. Hatten Sie manchmal ein mulmiges Gefühl, dass Dinge passierten, die nicht in Ordnung sind?

Natürlich gab es das schon immer. Dieses Machtgefüge ist immer schwierig, aber es gehören auch zwei dazu. Bei diesem Thema setzt man sich schnell in die Nesseln, aber es geht gar nicht so sehr um Mann und Frau. Es gibt Menschen, die jemanden brauchen, den sie drangsalieren können. Ich habe aber auch festgestellt, dass es Menschen gibt, die drangsaliert werden wollen.

Noch ein schwieriges Thema: Sie haben vor dem Gespräch gesagt, dass Sie nicht über „#allesdichtmachen“ reden möchten. Ist es so schlimm einzugestehen, etwas falsch eingeschätzt zu haben?

Natürlich habe ich etwas falsch eingeschätzt. Aber der Anlass war, dass man aufmerksam macht auf Leute, die keine Unterstützung bekommen. Das ist nach hinten losgegangen, aber die Intention war eine menschliche.

Apropos Corona. Man spricht schon vom Cave-Syndrom. Menschen haben Angst, andere zu treffen. Sind Sie eher ängstlich, oder hocken Sie in der Kneipe?

Ich bin kein Kneipengeher, treffe aber meine Leute. An sich bin ich eher entspannt. Wer nur Sorgen hat, schwächt sich selbst. Aber es ist ein schwieriges Thema, man muss jedes Wort auf die Waage legen. Was uns fehlt, ist natürlich ein Medikament – aber irgendwann muss es auch wieder normal laufen.

Arbeiter und Künstler

Person
Richy Müller wurde 1955 in Mannheim geboren. Er machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und verdiente sein Geld zunächst mit „körperlicher Arbeit“, wie er erzählt. Dann beschloss er doch, Schauspieler zu werden, und ging auf die Schauspielschule Bochum.

Image
Sein größter Erfolg hatte seine Kehrseite: Richy Müller wurde 1979 mit „Die große Flatter“ bekannt. Er spielte die Rolle eines Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen so erfolgreich, dass ihm lang nur ähnliche Rollen angeboten worden seien, erzählt er. Seit 2008 ist er nun im damals neu konzipierten Stuttgarter „Tatort“ der Kommissar Thorsten Lannert. adr