Weil Spaziergänger ihre Hunde nicht im Griff hatten, war nun das Amtsgericht Nagold gefordert. (Symbolfoto) Foto: dpa/Nolte

Als der Hund des Ehepaars auf sie zurannte, riss sich ihr Mischling los. Beim Versuch, die Vierbeiner zu trennen, zog sich die Klägerin einen Kreuzbandriss zu. Wegen fahrlässiger Körperverletzung hat das Amtsgericht Nagold eine 55-jährige Frau aus Kuppingen zu einer Geldstrafe von 750 Euro verurteilt.

Wildberg-Sulz/Nagold - Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes schimpfte die Verurteilte wie ein Rohrspatz: "Die haben ihren Hund frei laufen lassen, er hat meine Luna angegriffen und gebissen. Anstatt sich zu entschuldigen, hat die Frau mich beleidigt und angezeigt. Das ist ungerecht".

Der Vorfall ereignete sich am 25. September vergangenen Jahres in Sulz am Eck. Die Angeklagte war gegen 18.30 Uhr mit einer Bekannten und fünf Hunden zu einem Spaziergang unterwegs. "Drei waren angeleint, nur die beiden Chihuahuas nicht", erklärte die 55-Jährige in der Verhandlung. Sie sei selbstständig und betreibe einen Hundegassi- und Betreuungsdienst. Auf einem Schotterweg sei ihnen ein Ehepaar mit einem freilaufenden Hund entgegen. "Ich habe ihnen zugerufen, die Leine anzulegen", gab die Beschuldigte an. Geschehen sei aber nichts. Als der Rüde auf sie zugestürmt sei, habe sich Luna losgerissen und beim Kampf verletzt: "Die Lefzen haben geblutet."

Laut Anklageschrift ist die Klägerin beim Versuch, die Vierbeiner zu trennen, mit einem Fuß umgeknickt, wobei das äußere Kreuzband einriss. "Dafür kann ich nichts", verteidigte sich die Angeklagte. Sie sei daraufhin beschimpft und beleidigt worden. Anstatt sich auf eine Diskussion einzulassen, sei sie ins Auto gestiegen und mit ihrer Begleiterin und den Hunden weggefahren. Die Klägerin notierte sich das Kennzeichen des Fahrzeugs.

Das Amtsgericht Nagold erließ einen Strafbefehl über 1500 Euro. Dagegen erhob die 55-Jährige Widerspruch, deshalb kam es zur Verhandlung.

Richter Martin Link erinnerte daran, dass es vor einiger Zeit schon einmal einen aktenkundigen Vorfall mit einem Hund der Angeklagten gab, der einen Spaziergänger angesprungen hatte, woraufhin die Stadt Herrenberg ein Bußgeld von 1200 Euro verhängte. Deshalb sei es aus "taktisch-strategischen Gründen" besser, ihren Einspruch zurückzuziehen, sonst bestehe die Gefahr, dass die Strafe nach der Anhörung der draußen wartenden Zeugen höher ausfällt. Weil er verpflichtet sei, das Urteil zu melden, könnte ihr die Stadt Herrenberg wegen des erneuten Vorfalls das Recht zum Führen von Hunden absprechen. Sie sollte sich deshalb mit ihrem Verteidiger Peter Horacek über das weitere Vorgehen beraten.

Nach zehn Minuten kehrten beide aus dem Nebenzimmer in den Gerichtssaal zurück. Seine Mandantin fühle sich nicht schuldig, sei aber schweren Herzens bereit, ein Bußgeld zu bezahlen.

Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer 25 Tagessätze zu 75 Euro. Der Verteidiger machte geltend, dass der freilaufende Hund des Ehepaares die Situation heraufbeschworen habe. Dass die Frau hingefallen und sich dabei verletzt habe, könne man seiner Mandantin nicht anlasten. Deshalb sei sie vom Vorwurf der Körperverletzung freizusprechen.

Bevor der Richter das Urteil fällte, erkundigte er sich nach den finanziellen Verhältnissen der Angeklagten. Weil sie 20 000 Euro Schulden hat ("Ich wurde von einem Mann über den Tisch gezogen"), sie für ihr Auto monatliche Raten von 531 Euro aufbringen muss und wegen Corona in den vergangenen Monaten keinen Cent verdient hat, beließ es das Gericht bei einer Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu 30 Euro – die Hälfte des Betrags, der im Strafbefehl gefordert worden war.

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