Armin Papperger führt den Rüstungskonzern seit fast zehn Jahren. Foto: dpa/Roland Weihrauch

Rheinmetall-Vorstandschef Armin Papperger verweist auf gravierende Materiallücken bei der Bundeswehr. Außerdem lobt er den Kanzler und schildert, warum schon wieder ein Rekordjahr und der Aufstieg in den Dax lockt.

Soll Deutschland der Ukraine für den Krieg gegen Russland direkt Schützenpanzer liefern? Die Industrie wäre bald in der Lage dazu, wie Rheinmetall-Vorstandschef Armin Papperger sagt.

 

Herr Papperger, die Ukrainer erzielen im Kriegsgebiet beachtliche Erfolge. Können da schwere Kampfpanzer noch weitere Fortschritte bringen?

Die Ukrainer kämpfen sehr tapfer, weil sie wissen, warum: Sie wollen nicht unterdrückt werden und ihre Freiheit haben. Diese Werte sollen wir Europäer mitverteidigen. Von deutscher Seite haben wir da schon einiges getan. Wir von der Industrie können nur befähigen, aber es ist eine politische Entscheidung, was noch gemacht werden soll. Das Argument bei den Kampfpanzern ist ja, dass man zunächst eine Abstimmung in Europa braucht. Wenn sie stattgefunden hat, wird sicher eine Entscheidung getroffen – wie sie aussieht, kann ich heute nicht abschätzen.

Verstehen Sie, warum die Regierung die Abgabe von Schützenpanzern scheut?

Schweres Gerät ist ja bereits in der Ukraine – etwa die Panzerhaubitze oder der Flugabwehrpanzer Gepard. Hinsichtlich der Schützenpanzer gibt es eine Absprache, dass man das Ganze über den Ringtausch machen will. Damit will man der Ukraine altes sowjetisches Material geben, das die Soldaten vom ersten Tag an gut bedienen können.

Rheinmetall hält einsatzfähiges Gerät bereit: Neben aufbereiteten Marder-Panzern wollen Sie ältere Ausgaben des Leopard-Kampfpanzers weiterverkaufen. Wie viele sind wann verfügbar?

Wir haben im Ringtausch für Tschechien und die Slowakei den Leopard 2 A4 zur Verfügung gestellt. Vorige Woche wurde dann zwischen Deutschland und Griechenland eine Abmachung getroffen, dass bis zu 40 Marder dorthin gehen sollen. Die Ausfuhrgenehmigung für Griechenland ist erteilt. Ob Europa entscheidet, Schützen- oder Kampfpanzer direkt zu liefern, ist politisch noch offen.

Wie viele Panzer halten Sie noch vor?

Wir haben etliche Schützenpanzer des Typs Marder zur Verfügung, das stimmt. Sie sind noch nicht alle fertig, aber wir könnten in Summe bis 100 Stück liefern.

In welchem Zeitraum?

Das kommt drauf an, wann sie beauftragt sind. Wenn 100 durch wen auch immer beauftragt werden, dann würden wir die Arbeiten daran priorisieren. Erste Fahrzeuge sind schon übergabefähig. In Summe würden die 100 Schützenpanzer Marder aus heutiger Sicht fertig bis zum ersten Quartal 2023.

Wie lange dauert die Ausbildung ukrainischer Soldaten beim Marder?

Bei der Panzerhaubitze und beim Gepard dauerte die Ausbildung etwa 40 Tage – beim Marder ist sie kürzer.

Rheinmetall will vom 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr deutlich profitieren. Sie könnten für 42 Milliarden Euro Gerät liefern, haben Sie nach Kriegsausbruch gesagt – bleibt es dabei?

Damit war das Potenzial gemeint, nicht das, was abgerufen wird. Wir haben eine Liste über 42 Milliarden Euro angeboten, das stimmt. Momentan verhandeln wir zu unterschiedlichsten Produkten. Da geht es um Radpanzer, Kampfpanzer mit Kette und den Bereich Digitalisierung. Rheinmetall bietet ein breites Paket an. Der Gesamtumfang des derzeit verhandelten Pakets liegt sicherlich im zweistelligen Milliardenbereich.

Wann folgen die Verträge dazu?

Erste Verträge sind schon unterschrieben – durchaus essenzielle Verträge zwischen 200 und 300 Millionen Euro. Wir gehen auch davon aus, dass es in diesem Jahr eine Entscheidung für das zweite Los und die Digitalisierung des Schützenpanzers Puma gibt – in den nächsten Wochen sollten wir mit den endgültigen Verhandlungen durch sein. Ebenso erwarten wir eine Entscheidung für das Soldatensystem Gladius.

Der Puma war ja aufgrund von Mängeln ins Zwielicht geraten – die neue Version erfüllt nun alle Anforderungen?

Der Puma hat eine sehr hohe Einsatzfähigkeit: Woche für Woche liegen wir zwischen 65 und 70 Prozent der Einsatzbereitschaft – was sehr gut ist, wenn man überlegt, dass es Instandsetzung und Ähnliches geben muss. Die Truppe ist sehr zufrieden mit dem Gerät.

Beim zweiten Los des Pumas geht es Berichten zufolge um 111 Stück?

Die 111 ist eine Zielrichtung gewesen. Es wird eine Budgetvorgabe geben. Was genau herauskommt, kann ich noch nicht sagen.

Welche Rolle spielt der neue Kampfpanzer Panther als Leopard-2-Nachfolger in Ihren strategischen Überlegungen?

Wir stehen zum Main Ground Combat System (MGCS) ...

... den Kampfpanzer der Zukunft im hochtechnologischen Verbundsystem – ein deutsch- französisches Rüstungsprojekt...

... das aber ein sehr langfristiges Technologieprogramm ist. Es soll ja irgendwann zwischen 2035 und 2040 in Serie gehen. Aber wir als Rheinmetall haben gesagt: Das dauert zu lange, wir brauchen eine gute technologische Interimslösung, die 70 bis 80 Prozent des MGCS schon abdeckt. Deswegen haben wir den Panther entwickelt, und wir glauben, dass wir damit gut unterwegs sind. Wenn wir in zwei Jahren die Serienproduktion starten, gibt es auch Interessenten, die den Panther dann kaufen würden.

Die Akzeptanz für Rüstungspolitik wächst in der Bevölkerung, weil die Bedrohungen plötzlich andere sind als vor dem 24. Februar – zu Ihrer Genugtuung?

Die Bevölkerung, aber auch die Politik in Deutschland haben sehr gut gelernt, dass Sicherheit, Freiheit und Demokratie nicht nur mit Diskussionen herstellbar sind, sondern dass man beides braucht: Man muss einerseits Stärke zeigen können und andererseits eine Dialogbereitschaft haben, damit Länder vernünftig miteinander auskommen. Den Punkt der Stärke hat man in Deutschland über Jahrzehnte eigentlich vergessen. Ich bin wirklich froh darüber, dass der Kanzler eine Entscheidung getroffen hat, wonach die Sicherheit unseres Landes wieder im Zentrum steht, sodass die Bundeswehr, wie er es gesagt hat, als modernste Landstreitkraft ausgerüstet werden soll. Da ist allerdings noch viel zu tun.

Zum Beispiel?

Die Vollausstattung der Bundeswehr ist noch lange nicht gegeben. Es fehlt uns an Logistik: etwa an 20 000 bis 30 000 Lkw, die nachbeschafft werden müssen. Es fehlt auch in erheblichem Maße an Munition, erst recht nachdem wir Munition an die Ukraine abgegeben haben. Wahrscheinlich werden für bis zu 40 Milliarden Euro Munition gebraucht. Und wenn Sie überlegen, dass diese nicht Teil des 100-Milliarden-Sondervermögens ist, sondern aus dem normalen Einzelplan bewirtschaftet werden muss, dann sehen Sie, dass wir gar nicht so viel aufholen können. Jetzt sollen aus dem Einzelplan 14 zwischen 1,0 und 1,5 Milliarden Euro für Munition ausgegeben werden – ich glaube, das ist zu wenig.

Was bedeutet das für die 100 Milliarden Euro?

Sie reichen leider nicht aus, um die Bundeswehr vernünftig auszustatten und um wieder wehrfähig zu sein. All die Geräte nützen nichts ohne Munition. Die fehlt ganz einfach in allen Bereichen – ob bei Lenkflugkörpern oder konventioneller Munition. Wir haben so gut wie keine Artillerie- und Panzermunition – es fehlt an allem.

Zugleich nehmen die Proteste wieder zu – auch gegen Ihr Unternehmen. Grund zur Besorgnis?

Ich kenne das gar nicht anders als mit Demos bis fast vor die Tür. Ich bin froh darüber, dass wir in einem Land mit Meinungsfreiheit leben. Wenn einer demonstrieren möchte, dann soll er demonstrieren. Ich habe vollstes Verständnis dafür – ich habe nur kein Verständnis, wenn diese Menschen zerstörerisch werden.

Auch die Finanzwelt steht der Rüstungsproduktion wieder positiver gegenüber. Wird es damit leichter, Investitionen zu tätigen und Exporte zu finanzieren?

Es ist tatsächlich so, dass viele Investoren mittlerweile wieder Sicherheitsaktien in ihr Depot nehmen. Wir als Rheinmetall sind international aufgestellt und hatten bei der Finanzierung nie Probleme. Die Banken, mit denen wir zusammenarbeiten, haben immer zu uns gestanden. Allerdings hatte der Mittelstand Probleme – es gab den einen oder anderen Mittelständler, dem man die Kreditlinien nicht mehr einräumen wollte, was ziemlich schlimm sein kann für die Betriebe.

Im Januar haben Sie da Kritik an den Landesbanken geübt – machen Sie wieder Geschäfte mit ihnen?

Nein, die beiden Landesbanken, die mit uns keine Geschäfte gemacht haben – mit denen machen wir im Augenblick auch keine Geschäfte. Wir sind aber gut aufgestellt und haben unsere langfristigen Partner.

Welchen Gewinn peilen Sie für 2022 an?

So viel kann man sagen: Wir hatten die vergangenen Jahre immer Rekordjahre – auch das Geschäftsjahr 2022 wird ein Rekordjahr sein. Wir werden natürlich ausschütten – die Ausschüttung wird zwischen 35 und 40 Prozent des Nettogewinns betragen. Ich denke, dabei wird eine sehr vernünftige Dividendenzahl herauskommen.

Kommt der Aufstieg in den Dax somit noch mehr in Sichtweite?

Der Aufstieg in den Dax ist natürlich stark von der weiteren Entwicklung der Börse abhängig. Wenn wir beim Allzeithoch von über 220 Euro geblieben wären, dann wären wir heute sicher da drin. Langfristig ist die Rheinmetall-Aktie ein sehr gutes Investment. Ich gehe davon aus, dass zumindest über die nächsten fünf bis sieben Jahre die Performance Jahr für Jahr gesteigert wird.

Was bedeutet die günstige Geschäftsentwicklung für die Arbeitsplätze?

Wir stellen im Augenblick jede Menge Leute ein – zwischen 700 und 800 seit Jahresbeginn. Ich gehe davon aus, dass wir in Summe weltweit 3000 neu einstellen müssen, um das, was im Moment nachgefragt wird, auch bedienen zu können. Es wird sicher noch zwölf Monate dauern, bis wir die Leute alle an Bord haben. Aber es müssen ja auch erst die Aufträge gezeichnet sein.

Inwieweit profitieren davon die deutschen Standorte?

Wenn ich alle Mitarbeitenden zähle, dann haben wir in der Rheinmetall-Gruppe etwas über 30 000, davon etwa 15 000 in Deutschland. Dies wird sich über die nächsten Jahre eher zugunsten der deutschen Standorte verändern.

Leiden Sie nicht unter Fachkräftemangel?

Wir haben da ehrlich gesagt nie ein Problem gehabt. Wir bekommen immer sehr viele Bewerbungen – im vorigen Jahr gab es 64 000 Initiativbewerbungen in Deutschland. Unter ihnen sind nicht alle geeignet, aber da kann man sich schon 2000 bis 3000 pro Jahr ganz gut heraussuchen. Natürlich wird der Kampf um die Talente immer größer, aber da sind wir wirklich in einer glücklichen Lage.

Der Rüstungsmanager

Erfolg
 Seit Januar 2013 führt Armin Papperger (Jahrgang 1963) als Vorstandsvorsitzender den Rüstungskonzern Rheinmetall. Trotz verschärfter Ausfuhrrichtlinien agiert er wirtschaftlich erfolgreich, aber der Rüstungsindustrie angemessen auch eher unauffällig.

Aufstieg
 Papperger stammt aus Mainburg in Niederbayern. Nach dem Studium begann der diplomierte Ingenieur seinen beruflichen Werdegang 1990 im Qualitätsmanagement der Defence-Sparte des Konzerns.