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Nur der Lebensmittelhandel nutzt noch dauerhaft die neue Freiheit beim Ladenschluss. Doch der einzige Supermarkt in Baden-Württemberg, der rund um die Uhr geöffnet hatte, ist in der Eberhardstraße wieder dicht.

Stuttgart - Nur der Lebensmittelhandel nutzt noch dauerhaft die neue Freiheit beim Ladenschluss. Doch der einzige Supermarkt in Baden-Württemberg, der rund um die Uhr geöffnet hatte, ist in der Eberhardstraße wieder dicht. Dafür wagt die Kette Rewe ein neues Experiment und öffnet nun auch in Stuttgart mehrere ihrer Märkte bis Mitternacht.

[image]Anfang 2008 sind Asif Mohammad und Javed Tariq zu unverhoffter Prominenz gekommen. In der Eberhardstraße, gegenüber von Tagblatt-Turm und Hegelhaus, eröffneten sie einen kleinen Supermarkt. Everytime lautete sein Name - und der war Programm. Rund um die Uhr waren die Türen geöffnet. Nach Meinung aller Experten waren die beiden Betreiber mit diesem Projekt in ganz Baden-Württemberg allein.

Der Schriftzug leuchtet heute noch immer an der Fassade, doch das Geschäft ist seit Wochen verrammelt und wird für eine neue Nutzung renoviert. Das 24-Stunden-Experiment ist gescheitert. "Finanziell wurde es immer schwieriger, bis wir schließlich aufgeben mussten", sagt Tariq. Er kommt wie sein Partner aus der Taxibranche, in die er jetzt wieder zurückgekehrt ist. "Es ist sehr schade, dass das Konzept nicht funktioniert hat", bedauert Tariq, "Kunden gab es genug, am Ende war jeder da." Nachtschwärmer, Berufstätige, sogar Polizisten auf Streife schauten herein. Doch die Einkaufstaschen füllten sich nicht prall genug. Die Kosten für Personal und Miete wurden letztendlich zu hoch.

Den Einzelhandelsverband Baden-Württemberg wundert das nicht. "Selbst in der Lebensmittelbranche klappt das nicht", sagt die Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Nur auf der Hamburger Reeperbahn und an wenigen Stellen in Berlin funktioniere ein 24-Stunden-Konzept. "Das müssen Punkte mit einer außergewöhnlich hohen Frequenz sein", sagt Hagmann. Sonst lohne sich das wegen des harten Preiskampfes in der Branche und des Sicherheitspersonals, das man nachts oft brauche, nicht.

Allerdings gibt es große Ketten, die sich derzeit wieder in Richtung längere Öffnungszeiten vortasten. "Rewe hat rund 30 Pilotmärkte in Baden-Württemberg, die bis Mitternacht geöffnet sind", so Hagmann. Seit kurzem gibt es den Versuch auch in Stuttgart. Dort habe man die Filialen betriebswirtschaftlich genau unter die Lupe genommen und teste jetzt, wo das Konzept dauerhaft funktioniere.

In Stuttgart gehören vier Supermärkte zum Programm, nämlich die Rewe-Filialen am Marienplatz, in der Olgastraße, in der Breitscheidstraße und in der Ostendstraße. Die ersten Erfahrungen dort sind durchaus positiv. "Das Konzept ist erfolgreich, besonders freitags und samstags", heißt es am Marienplatz. Das liege auch daran, dass an diesen Abenden viel Alkohol über die Ladentheke gehe. Auch das Everytime hatte zum Schluss Alkohol ins Programm genommen, um die Umsätze zu erhöhen.

Mit dieser Ertragsquelle ist aber bald Schluss. "Das Alkohol-Verkaufsverbot zwischen 22 und 5 Uhr tritt am 1. März in Kraft", sagt Alice Loyson-Siemering, die Sprecherin des Innenministeriums. Man habe Tankstellen und Supermärkten die Möglichkeit geben wollen, sich baulich darauf einzustellen, und deshalb etwas zugewartet. In manchen Supermärkten könnte damit ein guter Teil der Umsätze zwischen 22 und 24 Uhr wegbrechen.

Deshalb halten sich alle anderen Ketten mit langen Öffnungszeiten zurück. Einzig Kaufland öffnet die Filiale in Mühlhausen bis Mitternacht. "Die erweiterten Öffnungszeiten bis 22 Uhr haben sich inzwischen vielerorts etabliert", sagt Konzernsprecherin Christine Axtmann, "das Kundeninteresse an den späten Abendstunden hat sich ständig gesteigert." Man reagiere deshalb mit der Ausweitung.

An eine 24-Stunden-Öffnung allerdings denkt auch Kaufland nicht. Ein entsprechender Versuch in Ravensburg war Anfang 2008 abgebrochen worden. Ein Nachfolger für das Everytime dürfte sich deshalb so bald nicht finden. Aber vielleicht ändert sich das Kaufverhalten über die Jahre ja doch noch. "Wer weiß schon", sagt Hagmann, "was in zehn Jahren ist."

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