Der Aktivist Ruben Neugebauer ist auch in der Luft im Einsatz. Er ist Mitgründer der „Luftbrücke Kabul“ und der Hilfsorganisation Sea-Watch. Foto: imago stock &people

Das Bündnis „Luftbrücke Kabul“ hat Hunderte Menschen aus Afghanistan gerettet und macht unbeirrt damit weiter. Der Reutlinger Aktivist Ruben Neugebauer erklärt, wie hilfreich dabei eine georgische Aluklappleiter sein kann und warum er sauer auf die Bundesregierung ist.

Berlin - Auf eigene Faust hat die zivilgesellschaftliche Initiative „Luftbrücke KabulAfghanen evakuiert. Einer der Initiatoren ist Ruben Neugebauer. Der Sea-Watch-Mitgründer weiß, was es heißt, scheinbar aussichtslose Pläne umzusetzen.

 

Herr Neugebauer, wie kamen Sie auf die Idee, eine Evakuierung zu starten?

Wir wollten Freunde in Afghanistan retten, wir waren alle schon dort gewesen. Anfangs buchten wir Linienflüge, aber die wurden storniert. Unser Vertrauen in die Luftbrücke der Regierung war nicht groß, wir dachten: Wir machen das besser selbst.

Und wie mietet man mal eben ein Rettungsflugzeug?

Das ist komplex, von einem Privatkonto aus eine Linienmaschine zu buchen, geht nicht. Wir hatten aber aus der zivilen Seenotrettung heraus die Infrastruktur. Als klar war, dass eine ägyptische Fluglinie mitmacht, haben wir mit dem Spendensammeln begonnen. Unser Team hockte in einer WG in Berlin. Die Filmemacherin Theresa Breuer, der Grünen-EU-Politiker Erik Marquardt, Leute von Sea-Watch, dem Chaos Computer Club, alle an einem Tisch mit jeder Menge Monitoren, vernetzt mit Kontaktpersonen in vier Zeitzonen. Wir haben zehn Tage lang viel telefoniert und kaum geschlafen.

Ihre Mission war stets kurz vor dem Scheitern – hätten Sie fast aufgegeben?

Auf keinen Fall. Ich habe in der Seenotrettung gelernt, dass man Dinge, die unmöglich erscheinen, trotzdem probieren muss. Klar, es klingt abwegig, einen Linienflieger in ein gerade von den Taliban erobertes Land schicken zu wollen, an einen Flughafen, den so ziemlich keine Versicherung der Welt mehr versichern will. Es war aber auch Wahnsinn, mit einem 20 Meter langen Sea-Watch-Fischkutter aufs Mittelmeer rauszufahren, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Da haben auch alle gesagt: Ihr seid verrückt.

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Was war die größte Hürde?

Wir dachten, das Schwierigste ist es, den Flieger zu buchen. Dann fehlte das Nato-„Signal Call“, ein Code, der es erlaubt, mit einem Touristenflieger auf einem Militärflughafen zu landen. Schließlich bremste uns etwas Banales aus, wir hatten keine Gangway.

Was war passiert?

In Kabul war Ausnahmezustand. Die Amis sagten, ihr könnt kommen, aber es gibt keine Dienstleister am Boden, also auch keine Gangway. Wir haben in Georgien, wo wir gestartet sind, schnell eine Leiter gekauft und lange mit dem Versicherer debattiert. Letztlich hatten wir eine Versicherung, die es uns gestattete, mit einer georgischen Aluklappleiter aus einem Airbus A320 auszusteigen.

Wurde die Leiter eingesetzt?

Nein, das mussten wir nicht. Die Amerikaner rollten doch eine Treppe ran.

Da sitzen ein paar Aktivisten in einer WG in Berlin und glauben, es besser machen zu können als die deutsche Regierung. Ist das nicht vermessen?

Es geht nicht ums Können, es geht ums Wollen. Die Bundesregierung war zu spät dran und schlecht organisiert. Es hätten wesentlich mehr Menschen evakuiert werden können, wäre der politische Wille da gewesen.

Die für 350 000 Euro gecharterte Maschine konnte in Kabul landen, beim Rückflug blieben aber die meisten Sitze leer. Nur 18 Afghanen aus dem Evakuierungskontingent Portugals durften mit. Sind da nicht viele Spendengelder in den Sand gesetzt worden?

Wir sind ins volle Risiko gegangen und waren so naiv, auf die Bundesregierung als Kontakt vor Ort zu setzen. Es gab nur vier Botschaftsmitarbeiter am Flughafen. Wir hatten 50 Afghaninnen und Afghanen direkt vor den Toren, die es nicht reinschafften. Die britische Soldaten sagten, es müsse jemand von der deutschen Botschaft ans Tor kommen und bestätigten, dass die Leute ausgeflogen werden dürfen. Dafür fehlte das Personal. Warum wurden nicht auf die Schnelle die Prozesse vereinfacht? Warum konnte man nicht bei den Briten anrufen? In Deutschland pochte das Innenministerium darauf, dass alles bis ins Detail abgeklärt wird und das mitten in einer Krise. Da hätte die Kanzlerin durchgreifen und sagen müssen: Wir prüfen später, holt die Leute erst mal raus.

Immerhin sind 189 Menschen, die es nicht in den Charterflug schafften, vom US-Militär ausgeflogen worden.

Das war eine Rettung in letzter Minute. Es war uns gelungen, einen Buskonvoi zu organisieren. Vier Tage lang saßen die Menschen wartend im Bus, während wir Strippen zogen: zu den Amerikanern, zum katarischen Außenministerium. Schließlich öffnete sich ein Tor, die Evakuierten sind jetzt in Berlin, Reutlingen und anderen deutschen Städten.

Wie kann die Hilfe weitergehen?

Wir haben diese Woche Dutzende aus Afghanistan geholt, ihnen Visa und Flugtickets organisiert. Überwiegend sind es Leute, die eine deutsche Aufnahmezusage haben. Es gibt wieder eine Kam-Air-Flugverbindung von Kabul nach Islamabad, und wir organisieren Buskonvois nach Pakistan. Ein Mitarbeiter in der deutschen Botschaft Islamabad hat seinen Sonntag geopfert, um ein Papier auszustellen, das die pakistanischen Behörden zusätzlich verlangt haben.

Angeblich laden die Taliban Ex-Ortskräfte zu Schauprozessen vor. Wie ist die aktuelle Lage in Afghanistan?

Wir haben gehört, dass die Taliban von Haus zu Haus ziehen und gezielt Einzelne töten. Es bestätigt sich, dass die Generalamnestie für Helfer westlicher Truppen nur ein Lippenbekenntnis war. Es sollen jetzt Gerichte klären, wer Verräter ist oder nicht. Deshalb ist Eile geboten, wir wollen noch viele rausholen, bisher konnten wir 411 Menschen helfen.

Das ist doch Aufgabe der Bundesregierung, die hat genau das angekündigt.

Das stimmt, dazu könnten Steuergelder statt Spenden eingesetzt werden. Mir wäre es lieber, die würden ihren Job mache. Ernsthafte Evakuierungsbemühungen sehe ich nicht.