Wie wichtig ehrenamtliche Helfer sind, hat die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gezeigt. Foto: imago images/Bonnfilm/Klaus W. Schmidt via www.imago-images.de

Das Hochwasser hat gezeigt, wie wichtig die Organisationen des Bevölkerungsschutzes sind. Viele Aktive schwärmen von diesem besonderen Ehrenamt – dennoch müssen sie um die Jungen kämpfen.

Stuttgart - Yvonne Wiedl steckt in einer Online-Besprechung, als eine E-Mail vom Innenministerium aufploppt. Die junge Frau weiß in diesem Moment, dass ihr regulärer Arbeitstag beendet ist – und eine viel größere Aufgabe wartet. Eineinhalb Stunden später steht sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom DRK-Kreisverband Rhein-Neckar/Heidelberg vor den Rettungsfahrzeugen und tritt den Weg in die Hochwassergebiete im Westen Deutschlands an.

 

Ehrenamtlich, wie so viele gut ausgebildete Helfer im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, die in den vergangenen Wochen größten Einsatz gezeigt haben. „Es war Wahnsinn. Brücken zerstört, die Infrastruktur total kaputt“, erzählt Yvonne Wiedl. Zweimal wird sie eingesetzt, koordiniert fünf Tage lang in Ahrweiler und dem durch seine Zerstörungen bekannt gewordenen Ort Schuld die Rettungskräfte. „Zum Glück hat uns ein Ortsansässiger unterstützt, denn viele Anfahrtswege waren dicht“, sagt sie. Und schwärmt: „Die Leute waren sehr dankbar, haben applaudiert. Die haben sich gefreut, dass da Menschen kommen, die ihnen wirklich helfen können.“

Das gilt freilich nicht für jeden, der sich ins Krisengebiet aufgemacht hat. „Es reicht nicht, mit einer Schaufel loszufahren. Solche Einsätze müssen koordiniert werden“, weiß die Helferin. Und erzählt, wie auch Unmengen von Hilfsgütern angekommen seien, die vor Ort niemand gebraucht habe und die irgendwo gelagert werden mussten.

Spontanhelfer stören oft nur

Umso besser, wenn in solchen Katastrophenlagen gut geschulte Helfer des Bevölkerungsschutzes da sind. Doch das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, denn der Nachwuchs kommt nicht von alleine. „Man muss in die Offensive gehen, um junge Leute zu begeistern“, sagt Edmund Baur, Landesbeauftragter des Malteser-Hilfsdiensts. Die Hilfsbereitschaft generell sei in der Bevölkerung da, man müsse sie aber kanalisieren. „Spontanhelfer stören oft nur. Wir müssen jetzt die Gunst der Stunde nutzen, um solche Leute zu gewinnen und auszubilden.“

Die große Nachwuchsnot herrscht noch bei keiner der vielen Organisationen im Land, die Hunderte Helfer in die Krisenregion geschickt haben. Doch sie alle müssen um die nächste Generation kämpfen. „Gerade während Corona besteht die Gefahr, dass die sich andere Hobbys sucht“, weiß auch Georgia Pfleiderer vom Technischen Hilfswerk Baden-Württemberg. Eine intensive und gute Jugendarbeit seit deshalb wesentlich: „Von alleine geht nichts mehr.“

Jugend sucht andere Freizeitbeschäftigung

Beim Innenministerium kennt man das Problem. „Wir sehen den Trend, dass es für die Organisationen im Bevölkerungsschutz zusehends schwieriger wird, Nachwuchs zu gewinnen – wenn auch zum Glück noch nicht dramatisch“, sagt ein Sprecher. Gründe dafür seien etwa die Aussetzung der Wehrpflicht oder das veränderte Freizeitverhalten. Das Land plant deshalb gemeinsam mit den Organisationen eine breit angelegte Kampagne, um für Nachwuchs zu sorgen. Sie soll an diesem Freitag vorgestellt werden.

Wie es funktionieren kann, zeigt etwa die Feuerwehr. Dort kommen die Nachwuchskräfte zum Großteil aus den Jugendfeuerwehren. Davon gibt es 1026 in Baden-Württemberg. „Damit sind die Jugendfeuerwehren einer der ganz wenigen Jugendverbände, die flächendeckend Angebote der Kinder- und Jugendarbeit machen“, heißt es im Ministerium. Knapp 32 000 Kinder und Jugendliche seien dort aktiv. Ein Fünftel sind Mädchen. Zum Vergleich: Insgesamt engagieren sich bei den Feuerwehren 112 000 Menschen – zum Großteil im Ehrenamt. Durch die aktive Jugendarbeit stünden derzeit noch ausreichend Nachwuchsretter zur Verfügung, heißt es aus dem Innenministerium: „Die Konkurrenz zwischen den Jugendorganisationen bei der Gewinnung von Kindern und Jugendlichen nimmt aber spürbar zu.“

Wenn Yvonne Wiedl von ihrem Einsatz spricht, geht es nicht nur um Zerstörung und Erschöpfung. „Es gibt einen wahnsinnigen Zusammenhalt. Wir haben Hand in Hand gearbeitet“, sagt sie. Es sei ein gutes Gefühl, „für die Sache da zu sein“. Die Helfer hoffen, dass in Zukunft noch viele andere dieses Gefühl kennenlernen wollen.

Bevölkerungsschutz

Struktur
Der Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Deutschland ist Ländersache. Beteiligt sind sowohl staatliche Stellen als auch private Organisationen. Aufseiten der Behörden sind das Innenministerium, die Regierungspräsidien sowie die einzelnen Stadt- und Landkreise zuständig. Auch die Bundeswehr gehört dazu.

Helfer
Viele der Helfer sind ehrenamtlich im Einsatz. Wichtige Organisationen im Ernstfall sind im Land Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz, Bergwacht, Arbeiter-Samariter-Bund, Malteser, Johanniter oder die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft.