Einen ungewöhnlichen Einsatz hatte die Hausacher Feuerwehr: Ein Küken hing in einem der Schneegitter auf der Dorfkirche fest. Seine Eltern hatten es aus dem Nest geworfen.
Auf beiden Kirchen in Hausach nisten immer mehr Störche. Vor allem die Hausacher Dorfkirche entwickelt sich immer mehr zu einer regelrechten Kolonie (wir haben berichtet). Insgesamt fünf Paare brüten und nisten dort mittlerweile, wie viele Jungstörche sie dort groß ziehen, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Einige sind noch nicht geschlüpft, andere sind noch so jung, dass sie noch nicht den Kopf aus dem Nest heben. Fest steht aber, dass es seit der vergangenen Woche eines weniger ist.
Viele Hausacher beobachten das Geschehen auf dem Dach der Kirche interessiert und so konnte ein Nachbar eines Morgens gegen 9 Uhr sehen, wie ein Junges das Dach herunterpurzelte bis ein Schneegitter es auffing. Mit dem Kopf voran blieb es hängen. Der Mann verständigte die Gemeindeverwaltung, die sich an den Nabu wandte. Dieser wiederum rief den Storchenbeauftragten Rudi Allgaier an, der nach Absprache mit Hausachs Bürgermeister Wolfgang Hermann beschloss, alle Maßnahmen zu ergreifen, die nötig sind, „damit das Tier nicht unnötig leiden muss“, wie Allgaier im Gespräch mit unserer Redaktion zusammenfasst.
Nachbar bemerkt Küken im Schneegitter
Allgaier fuhr nach Hausach und nachdem er die Situation in Augenschein genommen hatte, wurde ihm klar, dass das Storchenjunge nicht mit einfachen Mitteln vom Dach zu holen war. Also nahm er Kontakt zur Hausacher Feuerwehr auf. „Wir arbeiten bei der Beringung von Störchen mit den örtlichen Wehren und ihren Drehleitern zusammen, da lag das nahe“, erklärt Allgaier. Ein Feuerwehrmann sei sogleich vorbeikommen und auch er teilte die Meinung Allgaiers, dass das Tier nur mit der Drehleiter zu retten sei. Diese holte er mit einem weiteren Kollegen aus dem Feuerwehrgerätehaus. Nachdem der beste Standort für die Leiter gefunden worden war und alle Sicherungsmaßnahmen getroffen waren, wurde die Drehleiter ausgefahren und es gelang, an das Küken heranzukommen. Unter den Augen eines erwachsenen Storches, der direkt neben dem Jungen saß, aber keinerlei Anstalten machte, die Rettungsaktion zu stören, befreite ein Feuerwehrmann das Junge aus dem Gitter und brachte es nach unten.
Um 10.30 Uhr, etwa eineinhalb Stunden nach dem der aufmerksame Nachbar den verunglückten Storch bemerkt hatte, war er in sicherer Obhut angelangt. Zwar wirkte das etwa 3,5 Wochen alte Küken auf den ersten Blick unverletzt, aber Blut, das ihm aus dem Schnabel tropfte, bereitete Allgaier Sorge. Immerhin hatte er eine längere Zeit fast kopfüber im Gitter gehangen.
Allgaier brachte ihn zunächst zu sich nach Hause nach Haslach, wo er den Storch fütterte und sich dann mit der Pflegestation SOS Weißstorch in Freiburg in Verbindung setzte. Die sicherten zu, den Unglücksstorch aufzunehmen, so dass Allgaier ihn sogleich vorbeibrachte.
Der Haslacher Storchenexperte vermutet, dass die Elterntiere ihr Junges aus dem Nest geworfen haben. „Das kommt öfter vor, vor allem, wenn die Kleinen krank sind oder wenn das Nahrungsangebot nicht ausreicht“, erklärt Allgaier.
Trockenheit macht Vögeln das Leben schwer
Letzteres hält er für die wahrscheinlichste Erklärung, denn die anhaltende Trockenheit mache den Störchen gerade das Leben schwer. Sie finden deswegen gerade kaum Nahrung, vor allem keine, die für die noch sehr kleinen Störchen fressbar ist, wie zum Beispiel Regenwürmer. „Es gibt außerdem insgesamt immer weniger Insekten, vor allem große wie Heuschrecken“, führt Allgaier aus. Er hält die Nahrungsknappheit auch für den Grund, warum er in den Kinzigtäler Nestern bisher nicht mehr als zwei Jungen zählen konnte. Der gerettete Storch war das jüngste Küken von drei Geschwistern, weswegen seine Eltern ihn wohl verstießen. Im Zweifelsfall würden sie immer das schwächste und kleinste Junge aus dem Nest werfen.
Dass ein junger Storch verunglückt, komme zwar öfter vor, aber meistens handele es sich dabei um gerade flügge werdende Tiere, die bei ihren ersten Flugversuchen einen Fehler machen. Der Hausacher Jungstorch war noch lange nicht in dem Alter, ans Fliegen zu denken.
Trotz der anfänglichen Sorge um seinen Gesundheitszustand konnte Allgaier den Hausacher Storch lebendig in der Pflegestation abgeben. Wie gut seine Überlebenschancen sind und ob er innere Blutungen hatte, sei zu dem Zeitpunkt aber nicht zu sagen gewesen. „Wenn sie sich bewegen und fressen, ist das aber immer ein gutes Zeichen“, weiß der Storchenbeauftragte.
Tierschutz
Wer einen verunglückten Jungstorch bemerkt, sollte sich laut Allgaier an die Storchenfreunde oder den Nabu wenden. Die Rettung eines Storches sei immer eine Gratwanderung. „Nach dem Tierschutzgesetz darf man kein Tier leiden lassen“, erklärt er. Der Storch sei jedoch ein Wildtier, genau gesagt ein Kulturfolger und bei ihm müsse von Fall zu Fall entschieden werden, ob er geborgen werden könne und ob eingegriffen werden soll. „Und wenn es keine Möglichkeit gibt, muss man auch den Mut aufbringen, nur zuzusehen, wie die Natur arbeitet“, so Allgaier.