Vor Jahren hilft er, traumatisierte Jesidinnen und ihre Kinder nach Deutschland zu holen. Nun erhält der deutsch-kurdische Psychologe Jan Ilhan Kizilhan das Bundesverdienstkreuz.
Den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg hat Jan Ilhan Kizilhan schon und einen Preis des American Jewish Committee (AJC), den Ramer Award, für seinen „Mut bei der Verteidigung der Demokratie“. Nun kommt das Bundesverdienstkreuz am Bande noch dazu: An diesem Freitag erhält der Psychologe und Psychotherapeut, der das Institut für Transkulturelle Gesundheitsforschung der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart leitet, in Berlin die hohe Auszeichnung.
„Große Ehre und Verantwortung“
Die Laudatio hält die scheidende Bundesaußenministerin Annalena Baerbock. Der Mann genießt auch im Ausland hohes Ansehen. Kizilhan bekommt den Orden für sein Engagement zugunsten der jesidischen Opfer der Terrororganisation Islamischer Staat und für seine Arbeit beim Aufbau eines – Nahost-weit einzigartigen – Instituts zur Traumabewältigung an der Universität Dohuk im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak. Zur Begründung heißt es aus dem Bundespräsidialamt, Kizilhan werde „für seine Verdienste auf dem Gebiet der Traumatologie sowie der transkulturellen Psychiatrie ausgezeichnet“. „Das ist eine große Ehre und Verantwortung, diese Arbeit fortzuführen“, sagt der 58-jährige Kizilhan am Telefon.
Anfang August 2024 jährte sich zum zehnten Mal der Überfall des sogenannten Islamischen Staats auf die Jesiden im Norden des Irak. Männer der religiösen Minderheit wurden an Ort und Stelle ermordet. Frauen und Kinder verschleppt, missbraucht, verkauft.
Kizilhan, dessen Eltern selbst Jesiden aus der Türkei sind, erhält im Sommer 2014 Anrufe verzweifelter Menschen aus dem Nordirak, die er von Forschungsreisen kennt. Diese lassen ihn nicht mehr los. Er verspricht, sich zu kümmern. Wenige Monate später richtet Baden-Württemberg als erstes Bundesland ein Flüchtlingssonderkontingent ein, um von Anfang 2015 bis Anfang 2016 rund 1100 traumatisierte Frauen und Kinder aus der Region nach Deutschland zu holen. Gemeinsam mit Michael Blume, dem heutigen Antisemitismusbeauftragten des Landes, leitet er ein kleines Team, das die Hilfsaktion organisiert. „Das war ein einschneidendes Erlebnis, das ich nie vergessen werde“, erzählt Kizilhan. Er betreut Jesidinnen bis heute psychologisch.
Außerdem gründet der Trauma-Experte nach deutschem Vorbild das Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Dohuk in der autonomen Region Kurdistan. Inzwischen haben dort 100 Master-Studenten ihre Ausbildung als Psychotherapeuten abgeschlossen. Seit Kurzem könne man dort auch promovieren, erzählt Kizilhan stolz. Sein Ziel: Einer medizinisch nachprüfbaren Psychotherapie in der gesamten Region zum Durchbruch zu verhelfen – angepasst an die Kultur.
Positives in der Psyche
Kizilhan ist ein umtriebiger, neugieriger Geist, ein Forscher, der weit über den Tellerrand seiner Kerndisziplin hinausblickt. Der Psychologe schrieb eine Doktorarbeit in Orientwissenschaften, forscht schon vor dem Genozid über die Jesiden und schreibt Bücher über den Islam. Dazu Romane und Erzählungen. „Meine Vorfahren waren jahrhundertelang auf der Flucht, bis meine Eltern vor über 50 Jahren in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben“, erzählt er. „Sie legten größten Wert auf Bildung, darüber bin ich froh“, sagt der Vater von vier Kindern.
Bei seinem Streben nach Erkenntnis über den Menschen ist er hin- und hergerissen: Als Gewaltforscher, der auch islamistische Terroristen begutachtet, findet er es „erschreckend“, dass Menschen aufgrund persönlicher Gewalterfahrungen und soziokultureller Einflüsse alle Hemmungen abstreifen und skrupellos die grausamsten Taten begehen.
Zugleich entdeckt er in der menschlichen Psyche auch viel Positives: „die große Widerstandskraft, zum Beispiel junger Frauen, die brutal vergewaltigt wurden, und trotzdem die Kraft finden weiterzuleben“, so Kizilhan. Wenn er so spricht, wird klar, was ihn antreibt: „Psychologie ist der Schlüssel zum Verständnis des Menschen“. Und: „Wir stehen immer noch erst am Anfang.“