Bietet dieser Kraftstoff eine Alternative zu E-Autos? Das Rottweiler Unternehmen Oel Heimburger testet HVO 100 ab Oktober an seinem Heizölfahrzeug und sieht in dem synthetischen Diesel das Potenzial, den Verbrenner zu optimieren und damit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Kann man bald an der Zapfsäule neben Benzin und Diesel auch HVO 100 tanken? Ganz soweit ist man noch nicht, erklären Ralf Robotka (Verkaufsleiter) und Michael Dittert (Geschäftsführer) vom Unternehmen Oel Heimburger. Sie hoffen aber, mit ihrem Vorstoß Interesse an dem Kraftstoff zu wecken. Denn dieser könnte eine gute Alternative zum bisherigen Diesel darstellen.
Was ist HVO 100?
HVO steht für „Hydrotreated Vegetable Oil“ („hydriertes Pflanzenöl“). Für die Art Diesel werden Reststoffe, wie gebrauchtes Speiseöl, oder tierische Fette in der Produktion eingesetzt. Die Zahl steht dabei für den Anteil an HVO im Kraftstoff, bei 100 also für die Reinform.
Ursprünglich sei für HVO Palmöl verwendet worden, erklärt Robotka. In der EU sei es allerdings inzwischen verboten, HVO auf Basis von Palmöl herzustellen oder zu importieren. Sinnvoll, wenn man bedenke, dass dafür beispielsweise Wälder in Indonesien gerodet würden, so „Oel Heimburger“-Geschäftsführer Dittert. Wenn man Diesel mit HVO aus Palmöl ersetze, „würde man einfach nur Pest gegen Cholera tauschen“. Glücklicherweise würden nun andere Ausgangsstoffe genutzt.
Noch stecke HVO in den Kinderschuhen. Trotzdem gebe es schon mehrere Anbieter, die ihren Vertrieb des aus Reststoffen wie Ölen und Fetten produzierten HVO starten. Bei Oel Heimburger habe man sich für einen Importeur aus Hamburg mit ISCC-Zertifizierung (für die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien) entschieden.
Was sind die Vorteile?
„Wir testen diese Diesel-Alternative nun im Kleinen“, erklärt Dittert. Ab Oktober wird ein Heizölfahrzeug des Unternehmens ausschließlich mit HVO betankt werden und somit klimaneutral fahren. „HVO ist im Prinzip dasselbe wie Diesel, nur besser“, erklärt Dittert die Vorzüge. Durch die synthetische Herstellung würden negative Eigenschaften des Kraftstoffs ausgeblendet. So werde deutlich weniger Schwefeldioxid, Stickoxid und Feinstaub ausgestoßen bei der Verbrennung, sagen die Vertreter des Ölunternehmens. CO2-Emissionen sollen im Vergleich zu herkömmlichem Diesel um bis zu 90 Prozent reduziert werden können.
Verträgt das Auto HVO überhaupt?
Bedenken bezüglich der Verträglichkeit für die Motoren haben Dittert und Robotka keine. Im EU-Ausland sei HVO 100 in vielen Ländern bereits an den Tankstellen erhältlich.
Das erste Mal auf HVO aufmerksam geworden sei er vor zwei Jahren, sagt Ralf Robotka. Damals sei es jedoch für einen Versuch zu früh gewesen. Mittlerweile stehe HVO kurz vor der Zulassung. „Diese könnte im Frühjahr 2024 erfolgen“, schätzt der Verkaufsleiter. Bisher scheitert es daran, dass der Kraftstoff noch nicht in die Bundesimmissionsschutzverordnung aufgenommen wurde. Somit darf er noch nicht frei verkauft werden, sondern bislang nur an geschlossene Benutzergruppen, also die Fahrzeugflotte von Unternehmen beispielsweise. Das habe mit potenziellen Regressansprüchen zu tun, so Robotka.
In Rottweil wurden bereits Fahrzeuge des Betriebshofs mit HVO 100 betankt, wie die Vertreter von Oel Heimburger berichten. Bis zu 26 Prozent dürfe man HVO übrigens schon jetzt dem Diesel beimischen. Oftmals werde der Kraftstoff dann als Premium-Diesel verkauft. Denn HVO verfüge über eine hohe Cetanzahl, was bedeute, dass die Verbrennung und damit der Verbrauch deutlich effizienter sei als bei herkömmlichem Diesel.
Nicht zu verwechseln ist HVO übrigens mit Biodiesel. Letzterer wurde meist aus Rapsöl produziert, ist laut Robotka im Vergleich zu HVO deutlich anfälliger für Kälte und qualitativ nicht so hochwertig.
Wie teuer wäre HVO an der Tankstelle?
Den Vertretern von Oel Heimburger zufolge wäre HVO an der Tankstelle etwa 20 Cent pro Liter teurer als herkömmlicher Diesel. Werde der Kraftstoff aber als klimaneutral anerkannt, müsste die CO2-Steuer, die bis 2035 stetig steigen soll, abgezogen werden. Dann sinke auch der Preis für den Verbraucher, sagt Dittert. Vorstellbar wäre auch, eine Quote für die Beimischung von HVO zu „normalem“ Diesel festzulegen, wie es sie schon für die Beimischung von Biodiesel gebe.
Wie geht es nun für Oel Heimburger weiter?
Zielgruppe für den HVO-Verkauf seien zunächst öffentliche Auftraggeber. So könnten Buslinien, Feuerwehrfahrzeuge und städtische Fuhrparks beispielsweise damit betankt werden. Mit der Zulassung für den freien Verkauf werde der Nutzerkreis größer. Dann wolle man zweigleisig fahren und an der Tankstelle Diesel und HVO anbieten, kündigt Dittert an. „Dann müssten wir aber erst einmal Platz schaffen, denn unsere vier unterirdischen Tanks sind alle belegt.“
Eine Entlastung wäre es, E5 wegfallen lassen zu können. „So gut wie alle Motoren vertragen E10, die Autowerkstätten bestellen nur noch das, und es wird auch immer häufiger getankt“, beobachtet der Geschäftsführer.
Wie steht das Unternehmen zu E-Autos, Wasserstoff und E-Fuels?
Zum Thema Wasserstoff habe ihnen bereits ein Förderangebot vorgelegen, erzählen Robotka und Dittert. Doch die jährlichen Betriebskosten und die potenzielle Nachfrage passten bei Weitem nicht zusammen.
Vielversprechender, wenn auch erst in ferner Zukunft, seien hingegen E-Fuels, meint Dittert. In naher Zukunft könnte HVO seiner Ansicht nach eine schnelle Verbesserung herbeiführen.
Problematisch findet er, dass der politische Fokus auf E-Autos liege. Bei Oel Heimburger in der Schramberger Straße in Rottweil gibt es zwar seit April eine E-Ladesäule. Diese ist jedoch nur mit zwei 22-kW-Ladepunkten ausgestattet und wird entsprechend selten genutzt. „Mehr haben wir vom Versorger leider nicht bekommen“, sagt Dittert. Natürlich sei der Standort auch nicht gerade günstig. Niemand würde hierherkommen, um sein Auto für drei Stunden zum Laden abzustellen.
Interessant würde eine Ladesäule bei 300 Kilowatt Leistung, so Dittert. Um diese Leistung zu erhalten, müsste man dann aber erst einmal in eine Trafostation investieren. Die Kosten im Vorfeld zur Ertüchtigung des Netzes wären so hoch, dass der Strom unbezahlbar würde, sagt der Geschäftsführer.
Was nun den Absatz von Benzin und Diesel angeht, so sei dieser 2020 stark eingebrochen und noch immer nicht auf Vorjahresniveau. Eine steigende Anzahl an E-Autos sehen die „Oel Heimburger“-Vertreter dabei aber nicht als ursächlich. Vielmehr gebe es einfach wegen der Nutzung von Homeoffice immer noch weniger Pendler als vor der Pandemie. Generell sei die Nachfrage zudem stark vom Preisniveau abhängig.