Hunderte Menschen versammeln sich in der Nähe eines US-Transportflugzeugs. Foto: dpa/Shekib Rahmani

Im Auswärtigen Amt werden derzeit die Listen mit den Namen der Ortskräfte zusammengeführt, um möglichst viele Menschen vor den Taliban zu retten.

Berlin - Es sind viele Listen, die zurzeit im Auswärtigen Amt zusammengeführt und vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr abtelefoniert werden. Listen, die über Leben und Tod entscheiden. Auf ihnen stehen die Namen jener Afghaninnen und Afghanen, die aus dem von den Taliban eroberten Land noch evakuiert werden sollen. Es sind frühere Mitarbeiter der Bundeswehr und deutscher Ministerien, die als Übersetzer, Reinigungskräfte, Fahrer oder Köche im Dienst der Deutschen standen. Gefährdete Frauenrechtlerinnen finden sich darunter. Es sind sogenannte Fixer und Übersetzer, die Journalisten ermöglichten, aus dem Land zu berichten. Und es sind Mitarbeiter kleiner Hilfsorganisationen, die die Bundesregierung bisher weitgehend ausgeblendet hat.

 

Im wesentlichen vier Bundesministerien haben Afghanen beschäftigt. Das Verteidigungsministerium natürlich, das für die Hilfskräfte der Bundeswehr zuständig ist. Zuletzt waren es noch rund 300, auf dem Höhepunkt des größten Militäreinsatzes der bundesrepublikanischen Geschichte sogar etwa 1300.

Auch für die Polizeiausbildung waren Ortskräfte tätig

Im niedrigen zweistelligen Bereich war das Innenministerium involviert – das Personal wurde für die Unterstützung der Polizeiausbildungsmission gebraucht. Für afghanische Mitarbeiter im Umfeld der deutschen Botschaft, zuletzt ebenfalls nur noch im zweistelligen Bereich, war das Auswärtige Amt zuständig. Das am Schluss mit Abstand größte Kontingent stand in Verbindung mit dem Entwicklungsministerium. Ende 2020 hatte die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, die im Auftrag des Ministeriums Entwicklungsprojekte durchführt, 1031 afghanische Arbeitskräfte angestellt.

Vor der Machtübernahme durch die Taliban spielte diese Unterscheidung bei der Ausreise eine große Rolle. Weil der Bundeswehreinsatz schon im Frühsommer endete, stand das Gros der bis dato rund 1800 nach Deutschland gekommenen Ortskräfte in Diensten des Verteidigungsministeriums. Die Botschaft war noch bis Sonntag aktiv. Entwicklungsorganisationen wiederum rechneten damit, noch länger in Afghanistan tätig sein zu können, und hatten demnach kein Interesse daran, ihre nationalen Mitarbeiter zu verlieren. Dasselbe galt für die Medien, die rund um den Abzug wieder mehr Berichterstattungsinteresse hatten und auf Unterstützung vor Ort angewiesen waren.

Kritik vom Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte

„Viel zu spät wurde gehandelt, viel zu langsam und viel zu bürokratisch“ – das ist trotzdem das Zeugnis, das Lucas Wehner vom Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte, der Bundesregierung ausstellt. Schließlich war auch früheren Mitarbeitern, die aktuell nicht mehr angestellt, aber dennoch bedroht gewesen sind, eine Einreisemöglichkeit nach Deutschland in Aussicht gestellt – zusammen mit ihren Kernfamilien. So kommt die Größenordnung der Liste von „rund 10 000 Personen“ zusammen, die nun aus Afghanistan evakuiert werden könnten. Damit hätte früher begonnen werden können, aber bürokratisches Gerangel um Pässe und Sicherheitsüberprüfungen sowie Rücksichtnahme auf die damalige Regierung in Kabul, die das Bild eines Massenexodus vermeiden wollte, verhinderten das.

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Nun regiert dafür das Chaos. Es sei völlig offen, wer auf der Ausreiseliste lande. „Die Menschen vor Ort sind verzweifelt, sie haben Todesängste“, sagt Wehner, der Regionalbeauftragte Schwarzwald des Vereins. Insgesamt 2851 Visa seien schon für Ortskräfte erteilt und der Großteil der Menschen auch schon ausgeflogen worden, aber wesentlich mehr kämen für ein Visum infrage. Da seien 2000 Menschen, deren Verfahren noch nicht eingeleitet worden sei, da gebe es rund 4000 Personen, die bei afghanischen Subunternehmen oder bei NGOs beschäftigt waren. Die habe die Bundesregierung viel zu lange gar nicht auf dem Schirm gehabt.

Kaum eine Chance für Helfer, die sich in der Provinz aufhalten

Wer sich in der Provinz aufhält, hat ohnehin kaum eine Chance, einen rettenden Flieger zu erreichen. Selbst in Kabul ist es für Afghanen schwierig, die Checkpoints der Taliban in den Straßen zum Flughafen zu passieren. „Da werden Dokumente zu Todesfallen“, sagt Wehner und rät den Ortskräften, Arbeitsverträge mit der Bundeswehr oder ähnliche Papiere zu vernichten. „Wir sagen den Leuten, sie sollen die Unterlagen vorher abfotografieren und alles zu uns schicken.“