Das Restless-Legs-Syndrom ist eine zermürbende Erkrankung mit diversen Gesichtern. Eine stufenweise Therapie kann Betroffenen helfen, wie der Neurologe Jan Kassubek erklärt.
Ausgeschlafen zu sein ist für Menschen, die am Restless-Legs-Syndrom (RLS) leiden, nur ein Traum. Ihr nächtlicher Schlaf ist zerstückelt, da es in ihren unruhigen Beinen kribbelt. Mitunter tritt auch ein ziehender Schmerz auf. Deshalb müssen die Betroffenen immer wieder aufstehen und sich bewegen, denn nur dann bessern sich die Beschwerden. „Die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen ist wegen der auftretenden Schlafstörungen erheblich beeinträchtigt“, sagt der Neurologe Jan Kassubek, Leitender Oberarzt an der Neurologischen Universitätsklinik Ulm und Leiter der Ambulanz für Bewegungsstörungen.
Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen
Es ist also nicht verwunderlich, wenn Betroffene gereizt und oft auch verzweifelt, möglicherweise nicht so belastbar und weniger leistungsfähig sind. RLS ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen in Westeuropa und den USA. Geschätzte fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung leiden hierzulande an den „kribbelnden Beinen“ – von nur leicht bis schwer.
Herr Kassubek, welche Ursachen kann das Restless-Legs-Syndrom haben?
RLS tritt oft familiär gehäuft auf, hat folglich genetische Faktoren als wichtige Ursache. Vermutlich sind diese Faktoren daran beteiligt, dass die Funktion des Dopaminsystems gestört ist. Weiterhin wurde Eisenmangel als Ursache oder relevanter Begleiter von RLS identifiziert. Eisen ist bei der Bildung von Dopamin beteiligt.
Gibt es nicht auch ein sekundäres RLS?
Ja, es gibt einige Erkrankungen, die ebenfalls ein Restless-Legs-Syndrom verursachen können. Man spricht dann von sekundärem RLS. Ganz häufig ist das bei einer Polyneuropathie der Fall. Dann funktionieren gleichzeitig mehrere periphere Nerven im Körper nicht richtig, oft infolge eines Diabetes mellitus. Die Reizweiterleitung der Nerven ist gestört. Darüber hinaus kann RLS auch im Verlauf einer Schwangerschaft auftreten oder durch Antidepressiva und diverse andere Medikamente ausgelöst oder verstärkt werden. In diesen Fällen gilt: Wenn die Ursachen beseitigt werden beziehungsweise nach Schwangerschaftsende, verschwinden meist auch die RLS-Beschwerden.
Wie und in welchem Alter äußert sich RLS?
Der Bewegungsdrang verursacht typischerweise Bewegungen hauptsächlich der Beine, selten der Arme. Sie verhindern die Tiefschlafphasen, weshalb der Schlaf insgesamt nicht erholsam ist. Da nur Bewegung gegen die Unruhe und das Kribbeln oder einen ziehenden Schmerz in den Beinen hilft, stehen viele Betroffene nachts wiederholt auf und laufen herum. Während die Beschwerden bei Erkrankungsbeginn vor allem nachts auftreten, sind sie mit fortschreitender Erkrankung auch tagsüber präsent; oft triggert längeres Sitzen die Beschwerden. Erste Symptome treten häufig Anfang 20 auf. Es gibt aber auch Kinder unter zehn Jahren und Jugendliche, die daran leiden. Bei ihnen besteht das Risiko, dass RLS wegen des übersteigerten Bewegungsdrangs mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS verwechselt wird.
Wie behandeln Sie eine RLS-Erkrankung?
Zunächst ist es wichtig festzustellen, ob ein Mangel an für den Körper verfügbarem Eisen vorliegt. Hierfür messen wir den Wert für Ferritin im Blut. Ist der Wert zu niedrig, dann empfehlen wir die Einnahme eines Eisenpräparates (plus Vitamin C) und geben Ernährungsempfehlungen. Wir überprüfen aber auch, ob der Patient/die Patientin Medikamente einnimmt, die ein Restless-Legs-Syndrom triggern können. Ist der Ferritinwert normal, beginnen wir mit einer medikamentösen Therapie – aber in enger Absprache mit der Patientin oder dem Patienten erst dann, wenn das Restless-Legs-Syndrom die Lebensqualität des Patienten so beeinträchtigt, dass dies nötig ist. Die Basistherapie besteht in der Regel aus Dopaminagonisten in der niedrigsten Dosierung. Das sind Wirkstoffe, die die Wirkung von Dopamin an den Nervenzellen im Gehirn nachahmen. Leider helfen Dopaminagonisten nicht allen Patienten mit RLS, oder es treten zu starke Nebenwirkungen auf. Hierzu muss man wissen, dass es durch die RLS-Medikamente zu einer Verstärkung der Beschwerden, also einer sogenannten Augmentation, kommen kann. Diesen Patienten können zum Beispiel Opioide wie Oxycodon in Kombination mit Naloxon helfen. Gegebenenfalls kann man auch noch Gapapentinoide verwenden, die aber hierzulande nicht zugelassen sind.
Wird das Medikament L-Dopa gar nicht mehr eingesetzt?
L-Dopa ist eine Vorstufe von Dopamin und kann über den Blutkreislauf direkt ins Gehirn gelangen. Für eine kontinuierliche Einnahme ist es nicht gut geeignet, weil es zu einer Verschlechterung der Beschwerden führen kann. Aber kurzzeitig eingesetzt ist es hilfreich – beispielsweise für bestimmte, nur wenige Stunden dauernde Situationen wie einen Kurzflug oder Theaterbesuch.
Der RLS-Experte
Mediziner
Jan Kassubek hat seit 2016 die oberärztliche Leitung der Notaufnahme der Neurologischen Klinik der Universität Ulm inne. Seit 2004 ist er Leiter der Spezialsprechstunde für Bewegungsstörungen und Restless-Legs-Syndrom der Hochschulambulanz Ulm.
Auszeichnung
Vom Magazin „Focus“ hat er 2022 die Urkunde als Topmediziner bei Parkinsonsyndromen erhalten