VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle bezieht klar Stellung. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Anhänger des VfB Stuttgart werden auf vielen internationalen Auswärtsspielen drangsaliert. Nun wird die Kritik seitens des Vereins Richtung Uefa schärfer. Doch was passiert?

Die Vorfreude war riesig, als es der VfB Stuttgart 2024 erstmals nach 14 Jahren wieder in den internationalen Wettbewerb schaffte. Champions League. Vor allem für die Fans ein Happening. „Nach all der Scheiße, geht’s auf die Reise...“ Auswärtsfahrten an südeuropäische Hotspots, zu Stimmungstempeln auf der Insel oder Abenteuerreisen nach Osteuropa – was ein Fest!

 

Nun, nach einem Jahr in der Königsklasse sowie dem Ende der Ligaphase in der Europa League und vor dem Aufeinandertreffen in den Play-offs mit Celtic Glasgow an diesem Donnerstag (21 Uhr) ist die Euphorie anderen Merkmalen gewichen: Ernüchterung, Wut und Enttäuschung. Nicht wenige Anhänger sagen: Das tue ich mir nicht mehr an! Wenngleich die Ticket-Nachfrage für den Celtic-Park noch einmal riesig war, was sich aber allein auf die Besonderheit des Gegners und des Standorts zurückführen lässt.

Polizeiknüppel und Nacktkontrollen

Ansonsten herrscht viel Frust. Zur Erinnerung: In Madrid begleitete die Polizei die vielen tausend VfB-Fans wie einen Vieh-Transport zum Stadion. In Turin wurde deutschen Anhängern der Kauf von Tickets außerhalb des klassischen Gegner-Kontingents praktisch unmöglich gemacht. Negativer Höhepunkt der Champions-League-Saison waren die Nacktkontrollen an der serbischen Grenzen auf dem Weg zum Spiel nach Belgrad. 

Diese Saison in der Europa League wurde es nicht besser. Vor allem die Ereignisse von Deventer bleiben in schlechter Erinnerung. Erst erließ der Bürgermeister der niederländischen Kommune ein Betretungsverbot für die Innenstadt, dann wurden die Stuttgarter Anhänger beim Ausstieg mit Polizeiknüppeln empfangen. Welkom in Nederland!

In Deventer gewann der VfB um Bilal El Khannouss (rechts) und Jamie Leweling klar mit 4:0 – abseits des Rasens gab es weniger Grund zur Freude. Foto: Baumann / Michael Treutner

Beim VfB herrschte blankes Entsetzen. Die Ultras gingen gar so weit, ihr gewiss nicht einfaches Verhältnis zur deutschen Polizei als im europaweiten Vergleich als positiv hervorzuheben. „Grenzkontrollen, Meeting-Points, Shuttle-Busse. Und dann wirst du am Stadion noch fünfmal kontrolliert. Das gab es früher alles nicht“, beklagt sich auch der oberste VfB-Boss, Alexander Wehrle, über die allgemeinen Zustände dieser Tage. Er war schon Ende der Nuller-Jahre dabei, als der VfB europäisch spielte, später in den Zehner-Jahren dann mit dem 1. FC Köln. Damals sei alles noch vergleichsweise unkompliziert gewesen, allerdings auch mit geringeren Fanströmen als heute. Doch das, was er aktuell mit dem VfB Stuttgart vielerorts erlebt, sagt er, „hat ja nichts mehr mit einer Fanreise zu tun.“

Der Vorstandsvorsitzende gibt sich gerne hemdsärmelig und mischt sich auf Auswärtsreisen mit einem Bier unter die Fans. In Deventer war er hautnah dabei, als sich die Anhänger völlig unverhältnismäßigen Kontrollen ausgesetzt sahen. Was auch in unserem Nachbarland selbst teilweise so empfunden wurde. Gewiss: Nicht alle VfB-Fans sind in der Fremde wie Schäfchen unterwegs und begrüßen jeden Einheimischen mit einer Umarmung. Aber in Summe erwiesen sie sich seit der Rückkehr auf die europäische Bühne doch als größtenteils friedlich und stimmungsvoll.

Wehrle fordert Ausschluss aus europäischen Wettbewerben

Also verschärfte der VfB-Chef seinen bereits nach dem Belgrad-Spiel im November 2024 eingeschlagenen Protest-Ton in Richtung des europäischen Fußballverbands noch einmal. Alexander Wehrles Vorschlag: „Durch Uefa-seitige Sanktionen, etwa einen Einbehalt der Prämien, den Entzug von Spielen in gewissen Ländern oder gar einem Ausschluss aus dem Wettbewerb gäbe es verbandsseitig schon Möglichkeiten“, formuliert er in Richtung des Verbands Uefa. Die sich – wie im Fall der serbischen Grenzkontrollen – gerne das Feigenblatt „nationales Recht“ vorhält. Und sich selbst auf Anfrage unserer Redaktion zum Thema Fanrechte nicht äußerte.

Wehrle selbst spricht von „guten Gesprächen“ mit dem Verband und einigen vielversprechenden Absichtserklärungen. Dabei ging es um mögliche Verbesserungen, was die Kommunikation zwischen Vereinen, Fanbeauftragten und der örtlichen Polizei angeht. Es ist ja nicht so, dass die deutschen Clubs auf europäischer Bühne ganz unbedeutend wären. Und in Bernd Neuendorf, Hans-Joachim Watzke, Fernando Carro oder Axel Hellmann hat Wehrle einige gewichtige Mitstreiter an seiner Seite. Andererseits: Papier ist geduldig – und das Bohren dicker Bretter erfordert viel Geduld und Willenskraft. Gerade beim Thema Fan-Interessen, das bei Uefa-Boss Aleksander Čeferin – aller gegenläufigen Beteuerungen zum Trotz – nicht ganz oben auf der Prioritätenliste steht.

Rückbesinnung auf europäische Fußballkultur

Wehrles Sorge: „Die ständige Zunahme an Restriktionen führt zu einer Abwertung der europäischen Wettbewerbe in den Augen der Fans.“ Dabei geht es doch bei all dem Zirkus vor allem um sie: die Fans. „Wir sprechen in Deutschland immer über die Probleme mit Fußballfans, aber zu selten über die Probleme von Fußballfans“, bezieht der 51-Jährige klar Stellung. Vor der Reise mit dem VfB auf die Insel empfiehlt der Stuttgarter Funktionär „im Sinne des Fußballs und der Fankultur eine Besinnung auf europäische Werte und Grundlagen“.

Klingt gut. Doch was in der großen Politik nur mehr schlecht als recht funktioniert, wird eben auch im Sport immer komplizierter. Der Fußball macht da keine Ausnahme.