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Reportage Auf Drückjagd in Epfendorfs Wäldern

Von
Als Jäger braucht man viel Geduld. Foto: Cools

Samstagmorgen, 10.30 Uhr, irgendwo zwischen Epfendorf und Talhausen fällt ein Schuss. Ob das ein Wildschwein war? Wie eine Drückjagd abläuft, ob die Jäger getroffen haben und wie es ist, im Selbstversuch als Treiber mit dabei zu sein, das können Sie in unserem SB+-Artikel lesen.

Epfendorf-Talhausen. Samstagmorgen, 10.30 Uhr: Irgendwo zwischen Epfendorf und Talhausen, zwischen Neckar und Hangtrauf, umgeben von Bäumen, jeder Menge Ästen und Gestrüpp, kämpfe ich mich Stück für Stück Richtung Talhausen voran. Es ist beißend kalt. Der Untergrund ist noch feucht vom Morgentau, ich rutsche immer wieder aus.

Dass es kein Spaziergang werden würde, hatte mir Volker Schäfer schon angekündigt, aber voller Übermut hatte ich gedacht, er übertreibt. Schäfer hat die Jagdpacht in diesem Gebiet. Er und mehr als zehn Jäger aus Epfendorf, Villingendorf, Rottweil und Umgebung führen einen "öffentlichen Auftrag zur Gefahrenabwehr", wie die Drückjagd beim Regierungspräsidium heißt, aus. Sie findet heute revierübergreifend mit Irslingen und Hohenstein statt – und ich bin ein Teil von ihr.

Schweinepest eindämmen

Ich gehöre zu Schäfers Treibergruppe, die das Gebiet vom Epfendorfer Sportplatz bis zur Neckarbrücke in Talhausen übernimmt. Die anderen sind am Hang Richtung Tierstein unterwegs. Bevor es losging, hat er alle auf die Jagd eingeschworen. In Zeiten von Corona müsse man die Tradition leider hintanstellen. Dennoch sind Drückjagden erwünscht, um den Bestand zu regulieren, den Wald vor Verbiss zu schützen und die Afrikanische Schweinepest einzudämmen.

Schäfer weiß, dass nicht alle den Jägern wohlgesonnen sind. Sie werden von einigen als Barbaren mit Freude am sinnlosen Töten gesehen. Wie so eine Drückjagd abläuft, davon wollte ich mich selbst überzeugen. Mit all den Vorurteilen im Kopf und der Frage "Was sind diese Jäger wohl für Menschen?" trat ich also den Selbstversuch an – und merkte sofort: Jäger sind Menschen, die Regeln und Traditionen haben, und ihre Tätigkeit mit viel Hochachtung vor den Tieren ausführen. Sicherheit geht vor Jagderfolg. Geschossen wird bis 12.30 Uhr. Dann ist "Hahn in Ruh", wie der Jäger sagt.

Ein tückisches Gebiet

Nachdem Schäfer die Jäger auf die Hochstände verteilt hat, fahren wir zum Ausgangspunkt oberhalb des Epfendorfer Sportplatzes, wo wir uns aufteilen. Ich übernehme den Bereich unterhalb des Waldwegs, die anderen oberhalb. So schreitet man Stück für Stück auf einer Linie den Hang ab und macht Lärm, um das Wild aufzuscheuchen.

"Das Gebiet ist für Treiber ziemlich tückisch", hat mich einer der Jäger im Vorfeld gewarnt. Nun weiß ich, was er meint. Wir kämpfen uns durch Gestrüpp, von dem ich vorher gesagt hätte, dass es nicht passierbar ist. Ich mache es den Mittreibern nach und schnappe mir einen Stock, um am steilen Hang ein bisschen Halt zu bekommen.

Gejagt werden darf heute primär Schwarzwild, aber auch Rehe und Raubwild wie Füchse. Das hat Volker Schäfer als Jagdpächter festgelegt. Generell steht die Waidgerechtigkeit im Vordergrund. "Man schießt nur auf das Reh, wenn es steht, nicht, wenn es flüchtet", hat mir einer der Jäger erzählt. Das gehört, ebenso wie der saubere Schuss, zum Ethos der Jäger. Das Tier soll nicht gequält werden.

Schäfer ist einer von wenigen Durchgehschützen, die die Treiber begleiten und schießen dürfen. Wer bei einer Drückjagd dabei sein will, der muss jährlich einen Schießnachweis auf ein bewegtes Ziel erbringen, um zu zeigen, dass er qualifiziert ist.

Während ich einen besonders großen Ast beiseite drücke, fällt mein Blick auf eine Mulde am Hang, und ich muss an die Worte eines anderen Treibers denken: "Da, wo du nicht rein willst, sitzen die Wildschweine." Bislang ist mir noch kein Tier über den Weg gelaufen. Während ich weiterstolpere, rufe ich laut "Hopp, hopp", um die Tiere aufzuscheuchen. Was man ruft, ist egal, Hauptsache laut.

Zum Geräusch meines eigenen Atems mischen sich die Glockentöne der Jagdhunde, die das Wild aufzustöbern versuchen. In ihrer Ausbildung lernen sie die Nachsuche von krankem Wild sowie das Apportieren und das Stöbern, hat mir Moritz Koch erklärt. Der Rottweiler hat die Jagd gemeinsam mit Schäfer geplant.

Rotte läuft über den Weg

Als es rechts von mir raschelt, zucke ich zusammen. Was tue ich eigentlich, wenn ich auf ein Wildschwein treffe? Ich erinnere mich an das, was Koch gesagt hat: Lediglich verletzte Tiere wehren sich. Mancher Treiber hat deshalb eine stichfeste Hose an, um sich vor den Hauern eines Keilers zu schützen. In meiner Jeans komme ich mir ziemlich schutzlos vor.

Nach einer halben Stunde bin ich fix und fertig und stolpere nur noch. Ich beschließe, den Rest der Strecke auf dem Waldweg zu bestreiten, auch wenn dann die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein Tier sehen werde, sehr gering ist. Was das für ein Irrtum ist, merke ich eine halbe Stunde später. Ich höre das Bellen der Hunde und ein lautes Rascheln. Plötzlich brechen sie zehn Meter hinter mir aus dem Unterholz und rennen über den Waldweg Richtung Neckar: vier Wildschweine. Eines starrt mich kurz an und nimmt Reißaus. Erst jetzt merke ich die Anspannung. Unfähig, etwas zu tun, habe ich die großen Tiere angestarrt.

Erst nach einigen Sekunden gehe ich weiter – fasziniert und erschrocken. Ich habe noch nie Wildschweine in freier Wildbahn gesehen. Dass 2019 in Talhausen elf Stück geschossen wurden, erschien mir vorher noch unrealistisch – nun nicht mehr.

Wenig später springt ein Hase vor mir über den Weg. Verrückt, denke ich, biege um eine Kurve und sehe es reglos mitten auf dem Weg liegen: ein riesiges Wildschwein. Erschrocken verharre ich und warte einige Sekunden, ob es sich rührt, ehe ich wage näherzutreten. Es ist tot, aber ich habe keinen Schuss gehört und kann auf den ersten Blick auch kein Einschussloch entdecken.

Ich betrachte das Tier interessiert, aber auch ein wenig traurig. Mit gemischten Gefühlen, zwischen Neugier und Beklommenheit, treffe ich auf dem Sammelplatz ein. Einige Treiber sind schon da und erzählen mir enttäuscht, dass sie kein Tier gesehen haben. Ich berichte von meiner Wildschwein-Sichtung. "Das gibt’s doch nicht. Wir sagen immer, dass man die auf den normalen Wegen nie sieht", meint einer lachend. Ich hatte wohl Glück. Dafür haben die anderen Dinge gesehen, die ich nicht bemerkt habe: Wechsel (Wege, die das Wild nimmt), Abdrücke, Suhlen (Drecklöcher, in denen sie sich wälzen, um Ungeziefer fernzuhalten) und Mahlbäume, an denen sich das Wild schrubbt.

Gemischte Gefühle

Es ist 12.40 Uhr. "Da kommen die Jäger", ruft ein Treiber. "Was liegt?", fragt einer der Jäger. "Eine Wildsau und ein Reh", gibt Moritz Koch Auskunft. "Und, hattest du Anblick?", fragt er zurück und meint, ob der andere ein Tier gesehen hat. Der Jägerjargon ist etwas gewöhnungsbedürftig, hat aber seinen Charme.

Die anderen Jäger bringen einen Keiler, eine Bache und ein Reh zum Sammelplatz. Dort ist alles vorbereitet, um die Tiere "aufzubrechen" und auszuweiden. Obwohl ich einen nervösen Magen habe, schaue ich zu. Es gehört dazu. "Auch wenn es nicht jedermanns Sache ist", wie ein Jäger sagt.

Schließlich wird "die Strecke gelegt", also die Jagdbeute aufgereiht. Dann ertönt das Jagdleitsignal – coronabedingt vom Handy abgespielt. Damit ehre man das Tier, erklärt man mir. Die Übergabe des "Schützenbruchs", eines Zweiges mit dem "Schweiß" des erlegten Tiers, muss ebenfalls wegen Corona entfallen, genauso wie das "Schüsseltreiben", das Essen nach der Jagd.

Dennoch ist die Stimmung gelöst. Das Primärziel, Schwarzwild zu schießen, wurde erreicht. Anekdoten werden ausgetauscht. Irgendwie herrscht eine feierliche Atmosphäre – vielleicht wegen des Lieds, das das Ende des offiziellen Teils verkündet, ganz sicher aber auch, weil es eine Ablenkung zum Alltag in der Krise bietet. "Ich mag es, im Wald zu sein. Es ist der perfekte Ausgleich", sagt ein Jäger.

Ich verstehe, was er meint. Am Ende des Morgens habe ich sechs Kilometer zurückgelegt, viel erlebt und eine Menge gelernt. Auch wenn das Jagen wohl nichts für mich ist, verstehe ich die Faszination und habe die Jäger als sehr offene und bedachte Menschen erlebt. Sie nehmen ihre Tätigkeit ernst und wissen, was sie tun. Sie töten Tiere, wollen aber nicht, dass diese leiden. Ob es mich irgendwann wieder zu einer Drückjagd ziehen wird? Warum nicht – auch wenn es eine schweißtreibende Angelegenheit ist, die eine Menge Geduld, Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen erfordert.

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