Hans Miklautz aus Lörrach hat viel zu erzählen. Zum Beispiel über sein Buch der Erinnerungen. Oder über seinen Aufenthalt im Kloster – mit 90 Jahren.
„Ich bin der Geschichtenerzähler der Familie“, lacht Hans Miklautz herzlich. Und dabei durften es damals bei seiner Tochter auch gerne selbsterfundene Gutenachtgeschichten sein. Auch sonst wusste er im Familienkreis, bei Freunden stets gut zu unterhalten. „Opa, erzähl doch“, wurde und wird er oft gefragt.
„Internet brauch ich nicht.“
Auch Gedichte und Sinnsprüche sind seine Leidenschaft, neben dem Gitarrenspiel, das der 92-Jährige inzwischen aufgeben musste. Und er schreibt gerne Briefe. E-Mail und Internet? „Brauch ich nicht.“
Noch mehr zu erzählen hat der Senior, seit er vier Wochen in einem Kloster in Bayern lebte. Von dieser Zeit schwärmte er derart, dass seine Familie meinte: „Opa, das musst du aufschreiben.“
Wir sitzen an seinem gemütlichen Tisch, die Sonne scheint in die Wohnung, Beethoven erklingt von CD, der Blick fällt auf eine Marienfigur in einer Nische. „Das habe ich damals alles so selbst gestaltet“, sagt der Senior, und seine Arme beschreiben einen großen Kreis durch die Eigentumswohnung, in der er seit Jahren lebt. Geistig ist er top fit, nur die Beine machen es nicht mehr so gut. Und beim Lesen und Schreiben hilft ihm eine spezielle Lupe.
Ein reiches Leben
Kein Zweifel, mit 92 Jahren hat der Mensch ein reiches Reservoir an Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen. Im Sommer 2023 lag dann ein Buch vor ihm. Ein Geschenk seiner Familie. Auf dem Buchdeckel steht geschrieben: „Opa, wie war’s bei Dir damals?“ Ein Buch, das Fragen stellt und Antworten sucht, als zur Aufbewahrung der Erinnerungen, die sonst irgendwann verloren gingen.
Begeistert setzte sich Hans Miklautz ans Werk. „Jeden Tag habe ich da rein geschrieben“, erzählt er. 130 Stunden insgesamt. „Ich habe meine Gedanken laufen lassen.“
In dem Buch gibt es Kapitel wie „Was ist Dir im Leben am meisten gelungen?“ Oder „Was war am Anstrengendsten?“ Oder „Welche historischen Ereignisse hast Du erlebt?“ In ordentlicher Schrift reiht sich Antwort an Antwort.
Trauer um seine Frau
Erinnern, das bedeutet indes manchmal auch traurig zu sein. Täglich noch vermisst Hans Miklautz seine geliebte Frau, mit der er 68 Jahre lang glücklich verheiratet war. 2021 sei „die Mama“, so nennt er sie immer noch liebevoll, plötzlich verstorben, einfach nicht mehr aufgewacht, als er sie zum Frühstück holen wollte. Tränen glitzern da in seinen Augen. Im Schlafzimmer zeigt er auf ein Foto seiner Frau mit Dackel Quitte auf dem Arm. „Da rede ich jeden Abend mit ihr.“
Gemeinsam waren die beiden, die ganz jung geheiratet haben, 1957 aus dem Rheinland nach Lörrach gezogen. Aus beruflichen Gründen. „Wir waren ein Herz und eine Seele, hatten eine so schöne Zeit.“
Er will nicht jammern
Darum will er auch nicht jammern und verzagen. Täglich sitzt er auf seinem Heimtrainer-Rad, den Haushalt schmeißt er weitgehend selbst, Hilfe, besonders beim Putzen und Einkaufen, hat er in seiner Tochter, die jeden Tag vorbeikommt. Und die ihm auch seinen großen Herzenswunsch erfüllte: einmal im Kloster leben. Sie fuhr mit ihm zum Kloster Ettal bei Garmisch, das ihn schon lange fasziniert. „Da wollte ich unbedingt hin.“
Bei den Mönchen
Mit 90 war es dann so weit. „Ich war der Älteste der Gäste“, lächelt er. Daher hätten sich die Mönche auch besonders zuvorkommend um ihn gekümmert. Miklautz lebte vier Wochen in einer schlichten Zelle, um 4.30 Uhr habe es „gerappelt“, aufstehen.
Besonders gläubig ist Hans Miklautz nicht. „Aber das Leben in einem Kloster kennenzulernen, kann ich jedem empfehlen. Eine wunderbare Sache. Man kommt dort zur Ruhe, kann etwas für die Seele tun.“
Gedicht übers Mönchsein
So wandelte er durch lange Korridore, schloss mit Mönchen eine Art Freundschaft, schlüpfte gar kurz in eine Kutte und „stellte auch sonst so allerhand an“. Er las und schrieb. Darunter auch ein etwas spitzbübisches Gedicht übers Mönchsleben. („Das frühe Aufstehen kannste vergessen...“), das unter den Mönchen für einiges Amüsement sorgte. Am liebsten würde er noch mal hin. Vielleicht...
Schaut er auf das mit seinen Erinnerungen angefüllte Buch auf dem Tisch, sagt er: „Aber auch ohne das bin ich sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich nehme es, wie es kommt.“ Und er hat vorgesorgt. „Es ist alles geregelt.“
Das schönste Kapitel
Hans Miklautz unternahm keine weiten Reisen, ist nie geflogen, Verona mit seiner Frau war ein Höhepunkt, sonst sind sie viel gewandert. „Wir hatten ja uns“. Und das ist wohl das schönste Kapitel in seinem Erinnerungsbuch.