Das „Blaue Wunder“ gehört schon lange zu den Publikumslieblingen im Mercedes-Benz-Museum. Was bisher keiner geahnt hat: Der 1955 in Betrieb genommene Transporter für Rennwagen ist kein typischer Mercedes-Eigenbau .
Wenn Marcus Breitschwerdt eine Geschichte erzählt, dann blüht er auf. Dazu passt, dass die neueste des Heritage-Chefs von Mercedes-Benz in seinem Garten im Stuttgarter Süden beginnt. Dort schneidet vor etwa einem Jahr ein Nachbar Breitschwerdts die Hecke. Und mit ihm kommt der kommunikative oberste Nachlassverwalter der Mercedes-Historie auch schnell ins Gespräch. Was er auf diesem Weg von Werner Friess, so heißt der Gartennachbar, erfährt, hört sich für Breitschwerdt von Anfang an glaubhaft an. „Wenn jemand seine Hecke akkurat schneidet, greift bei mir die Rechtschaffenheitsvermutung“, sagt Breitschwerdt. Und er liegt richtig.
Die Stuttgarter Spur für zur Firma Friess in Malmsheim
Es ist eine Zufallsbegegnung, nach der die Mercedes-Geschichte neu geschrieben werden muss. Zumindest was den Rennwagen-Schnelltransporter mit dem griffigeren Spitznamen „Blaues Wunder“ betrifft. Den der stammt nicht wie automatisch angenommen aus der Hausproduktion, sondern wurde einst von der Firma Friess mit ihren Standorten in Stuttgart und Malmsheim im Auftrag von Daimler-Benz hergestellt. Und genau dies erfuhr Mercedes-Heritage-Leiter von seinem Hecke schneidenden Nachbar. Schließlich handelt es sich bei ihm um dem Sohn des damals in Malmsheim ansässigen Karosseriebauers Robert Friess. Die Unterlagen von Werner Friess ließen dann auch keinerlei Zweifel mehr daran, dass es sich beim „Blauen Wunder“ um ein Produkt handelt, das bei der heute nicht mehr existierenden Friess KG gefertigt wurde .
Das 1954 entstandene Fahrzeug beförderte die Rennwagen in der Saison 1955 zu den Strecken und brachte sie auch wieder zurück ins Stammwerk Untertürkheim. Auch ganz kurzfristig um auch aufwendigere Reparaturen dort schnell durchführen zu können.
Auf diesem Weg hatte das in der Spitze 170 Stundenkilometer schnelle „Blaue Wunder“ aus dem Hause Friess auch seinen Anteil daran, dass aus 1955 das erfolgreichste Jahr in der Mercedes-Benz-Motorsportgeschichte geworden ist – mit dem Gewinn der Formel-1- und der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Die Fahrer Juan Manuel Fangio und Sterling Moss am Steuer des W 196 beziehungsweise des 300 SLR waren unschlagbare Kombinationen.
Aber auch dieses „Königssaison“, wie sie Marcus Breitschwerdt nennt , ändert nichts daran, den schon zuvor von Mercedes-Benz beschlossenen Rennsportausstieg Ende 1955 zu vollziehen. Und damit verliert auch das „Blaue Wunder“ an Bedeutung. Dies geht soweit, dass am Ende die Entscheidung fällt, den legendären Transporter 1967 zu verschrotten. In Auftrag gegeben vom legendären Mercedes-Entwickler Rudolf Uhlenhaut (Uhlenhaut-Coupé), was aus entsprechenden Unterlagen hervorgeht. Darin heißt es: „Anlass zu dieser Anweisung sind wiederholte Anfragen – vor allem aus England – wegen eines Kaufs des Wagens gewesen. Es sollte vermieden werden, dass das Fahrzeug in fremde Hände kommt.“
Seit 2006 hat die Rekonstruktion einen festen Platz im Mercedes-Museum
Dass die Verschrottung vielleicht keine so gute Idee gewesen ist, wurde spätestens 1993 deutlich, als man sich bei Mercedes dazu entschloss, einen Nachbau dieses in seiner Form einzigartigen Nutzfahrzeugs anzufertigen. 2001 wurde die Rekonstruktion fertig gestellt, und hat seit Eröffnung des Mercedes-Benz-Museum im Jahr 2006 dort einen festen Ausstellungsplatz.
Und im Museum hat man die Geschichte jetzt umgeschrieben. Deutlich sichtbar auf einer den neuen Erkenntnissen entsprechenden Informationstafel, die im Beisein von Heritage-Chef Marcus Breitschwerdt und der Mercedes-Historikerin Frieda Da Silva Senogo standesgemäß enthüllt wurde. Und natürlich durfte Werner Friess nicht fehlen, der lange in München als Diplomingenieur tätig war, aber jetzt wieder in der Heimat lebt.
Der Sohn von Karroseriebauer Robert Friess hatte zuletzt dem Konzernarchiv seine Unterlagen und Fotoalben zum „Blauen Wunder“ zur eingehenden Recherche zur Verfügung gestellt. Der Schlusspunkt unter die Geschichte konnte so gesetzt werden, indem die Nachbildung der ursprünglichen Plakette neben der Beifahrertür angebracht wurde, die den Bezug „Blaue Wunder“ zur Firma Friess hat. „Damit kommen wir unserem Anspruch auf Authentizität nach“, sagt Marcus Breitschwerdt