Es lässt sich nicht mal von Corona unterkriegen: Das Stuttgarter Renitenztheater feiert seinen Sechzigsten mit einer großen Sause.
Stuttgart - Es gibt durchaus Regisseure, die insgeheim glauben: Theater muss wehtun. Im Renitenztheater Stuttgart konnte man das lange auf besondere Weise erfahren. Es kam vor, dass die Bäuche vor Lachen schmerzten. Aber meistens waren es die Knochen. Das Kreuz ächzte auf den unbequemen Stühlen, die Beine schliefen unter den Tischen ein, denn im Renitenz war Platz Mangelware.
Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass sich das Publikum solchen Strapazen sogar gern aussetzte. Aber auf der Kabarettbühne konnte man all die scharfzüngigen Zeitgenossen und frivolen Nachtgestalten erleben, die man andernorts für Igitt-und-pfui-Teufel hielt. Hier wurden Talente gefördert, bevor sie berühmt wurden. Alle waren im Renitenz – Gert Fröbe, Helmut Qualtinger und Maria Schell, Dieter Hildebrandt, Robert Kreis und Zarah Leander. Als Leander in Stuttgart gastierte, betreute sie Sebastian Weingarten, der heutige Intendant. Er erinnert sich noch gut, wie die Diva sagte: „Junger Mann, seien Sie nicht so nervös – oder bin ich wirklich so schlimm, wie die Leute meinen?“
Großes Spektakel – digital und live
Nun wird das Renitenztheater sechzig Jahre alt und feiert an diesem Montag Geburtstag – aber nicht in braver Corona-Manier. Um 19 Uhr startet ein „virales Spektakel“, eine Mischung aus Live-Event und zugeschalteten Beiträgen von den Künstlerinnen, Kabarettisten und Comedians, die dem Theater verbunden sind. An dem Programm habe man vier Wochen gearbeitet, erzählt Weingarten, „das hat Spaß gemacht, weil es mal wieder etwas Kreatives war und nichts mit Absagen zu tun hatte“.
Angefangen hat alles am 19. April 1961 in der Königstraße 17. Die Räume lagen über einem China-Restaurant, dessen Düfte manche Vorstellung begleiteten. Gerhard Woyda hat das Theater aufgebaut. Und da es in Deutschland zu dieser Zeit nur wenige feste Kabarettbühnen gab, schrieb er bald Kleinkunstgeschichte. Otto Waalkes und Margot Werner, Tim Fischer und Harald Juhnke, Konstantin Wecker und Jürgen von Manger, alle kamen ins Renitenz. „Es war klein, eng und unbequem“, erinnert sich Sebastian Weingarten, „aber es hatte Atmosphäre.“
Die Politik streitet über Subventionen
Die ersten Jahre lebte das Theater von dem, was in die Kasse kam. Das ging nicht lange gut, also klopfte Woyda bei der Politik an, die nicht begeistert war. Sogar im Landtag wurde diskutiert, ob man ein Theater unterstützen darf, in dem Politiker lächerlich gemacht werden. Letztlich siegte die Großmut. Trotzdem reichte das Geld nicht, als der Vermieter die Miete um 150 Prozent erhöhen wollte, so dass man 1991 in die Eberhardstraße zog. Statt ins Obergeschoss ging es nun in den Keller. Bequemer wurde es nicht. Erst nach dem erneuten Umzug 2010 in den ehemaligen Schalterraum einer Bank im Hospitalviertel ist der Komfort für das Publikum deutlich gestiegen.
Das Kabarett wurde schon häufiger totgesagt
Vor vier Jahren starb Gerhard Woyda. Der feine alte Herr war fast jeden Abend im Renitenztheater, auch wenn er die Verantwortung schon lange an Sebastian Weingarten übergeben hatte. Dass eine Pandemie seine Bühne ruhigstellen könnte, hätte er sich vermutlich auch nicht vorstellen können. Aber ein Theater, das die Renitenz im Namen führt, lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Deshalb ist Sebastian Weingarten auch nicht bang um die Zukunft: „Das Kabarett sollte schon Ende der Siebzigerjahre tot sein.“