Die Wasserkraftanlage bei der ENRW ist Geschichte. Nachdem der Pegel im Staubereich bereits abgesenkt wurde, steht das Wehr nun offen. Die Renaturierung des Neckars geht in die nächste Stufe.
Spaziergänger rümpfen etwas die Nase. Das Betonkorsett liegt offen, und es müffelt hinter dem Wehr. Das Wasser ist trüb, und an den Ufern sammelt sich der Schlamm, ein paar Enten suchen nach Würmern.
Es wird noch ein paar Tage dauern bis sich der Geruch verflüchtigt, sagt Marlene Reichegger vom Regierungspräsidium Freiburg, die maßgeblich für die Revitalisierung des Neckars verantwortlich ist. „Schon jetzt bewegt sich der Neckar wieder in seinen natürlichen Bahnen“.
Biber gefährdet Zeitplan
Der Ablass des Wassers begann um sechs Uhr morgens. Tags zuvor traf sich Michael Volk, ENRW-Teamleiter Netzleitstelle, mit den Verantwortlichen vom Landratsamt und dem Regierungspräsidium, um die Auflagen zu besprechen. Es herrschte Zeitdruck.
Noch vor der Schonzeit der Fische, also Ende September, musste der Ablass beginnen. Werde während des Prozesses ein Biberbau gefunden, müsse die Maßnahme wieder gestoppt und aufgestaut werden. Etwa um 14 Uhr, also acht Stunden nach Beginn des Ablass, begann die akribische Suche.
Nur ein kurzes Zeitfenster
Zu diesem Zeitpunkt war der ursprüngliche Pegelstand von 2,90 Metern auf etwa einen Meter beim Wehr gesunken. Richtung Primmündung war der Wasserstand noch einmal deutlich niedriger. Volk atmet auf, vom Biber keine Spur. Reichegger war nicht überrascht. Denn im Vorfeld wurden keinen Fraßspuren gefunden, erklärt sie.
Doch zu früh gefreut. Zwar wurde keine eindeutige Biberbehausung entdeckt, vorsichtshalber wurden Geröllsteine mit einer Biberrutsche überbaut. Reichegger ist froh. Es bleibe für die Maßnahme, die spätestens im Juni 2024 stattfinden müsse, nur ein Zeitraum von sechs Wochen.
Ein kleiner Wasserfall plätschert
Bis dahin müsse der Antrag für das Planfeststellungsverfahren eingereicht werden, die Anhörung der Behörden stattfinden, die Planfeststellung beschlossen werden und die Ausschreibung beginnen, zählt sie auf. Derweil wird der Spaziergang Richtung Primmündung immer schöner.
Das Wasser klärt sich, und das bisher stehende Gewässer, das jeglicher Flussdynamik beraubt war, plätschert munter vor sich hin. Mittendrin zeigt sich sogar eine Staustufe, die einen kleinen Wasserfall erzeugt. Der Neckar zwischen Primmündung und Wehr gleiche jetzt mehr einem breiteren Bach, der sich noch seinen Weg, um die Steine sucht. Dennoch werde sein Flussbett – voraussichtlich terrassenartig – bis zum Fels erweitert.
Stromgewinnung rechnet sich nicht mehr
Damit werde dem Neckar die Rückkehr in sein ursprüngliches Flussbett ermöglicht und gleichzeitig die Hochwassergefahr gebannt. Mithin entfalle auch der derzeitige Fußgängerweg, der aber auf der Bahnhofseite ersetzt werde und über das Wehr zurück zum jetzigen Weg führe.
Wie die Umgestaltung beim Wehr vonstatten geht, weiß noch niemand, auch Michael Volk nicht. Sicher werde einiges zurückgebaut, vermutet er, vor allem der große Betonklotz. Ein klein wenig Wehmut bleibt. Das Wehr habe in „guten Zeiten, im Frühjahr“ 70 Kilowatt geliefert, im Herbst hingegen höchstens 25 Kilowatt. „Es ist schade“, sagt Volk, aber wenn man ehrlich sein wolle, habe sich der Aufwand mit dem händisch betrieben Wehr nicht gelohnt.