Renate Krausnick-Horst kann die aktuellen Fernsehbilder von den Kriegsschauplätzen kaum ertragen. Sie rufen traumatische Kindheitserlebnisse in ihr wach.
Täglich die Bilder von Tod und Zerstörung, gesendet von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Täglich die TV-Berichte über das Leid der Flüchtlinge und deren Kampf um das Überleben. „Ich muss dann den Fernseher ausmachen“, sagt Renate Krausnick-Horst. Die 95-Jährige hat es alles selbst erlebt. Wie Hunderttausende ihrer Generation und ihrer Herkunft.
„Krieg ist nichts für Kinder“ hat sie den ersten Teil ihrer Erinnerungen überschrieben, in denen sie jene anklagt, „die heute noch Krieg führen, aus Machthunger und religiösen Fanatismus. Sie denken nicht daran, was sie auch den Kindern antun. Diese Kinder werden ihre Erlebnisse im Krieg niemals wirklich verwinden können.“
Zwangsvertreibung und Flüchtlingsdasein
Renate Krausnick-Horst ist 1930 in Berlin geboren. Den Bombennächten in der Reichshauptstadt folgte noch einmal ruhiges Landleben in Hinterpommern, weil die Mutter mit ihren beiden Töchtern 1943 ins scheinbar ungefährdete Stolp auswich. Doch während das Haus in Berlin-Zehlendorf unversehrt blieb, brachte die Ankunft der Roten Armee in Stolp nackte Angst vor Tod und Gewalt. 1946 folgte die Zwangsvertreibung und ein Flüchtlingsdasein.
Heute lernt man in Renate Krausnick-Horst eine erfolgreiche, kluge und selbstbestimmte Frau kennen. Von preußischer Klarheit im Reden und Handeln, dabei zugewandt und schnell eine wachsende Vertrautheit zulassend. Sie ist es gewohnt, Kommunikation auch in großen Runden souverän zu führen. Als Direktorin des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg hat sie über 40 Jahre entscheidend zur Erfolgsgeschichte der Bildungseinrichtung beigetragen – herausragend, anerkannt und hochdekoriert bis hin zum Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. „Ich habe es gut versteckt vor Einbrechern, man weiß ja nie “, sagt sie lächelnd in ihrem Zuhause in Sillenbuch.
Das Trauma der frühen Jahre
Der Orden bedeutet ihr viel – als Bestätigung ihrer Lebensleistung: „Ich habe ja keinerlei Ausbildung, nicht mal einen Schulabschluss“, sagt sie. „Die einzige Prüfung, die ich absolvierte, war die Fahrprüfung. Und ich habe immer nur gearbeitet. 80 Jahre lang.“ Zuletzt ehrenamtlich 25 Jahre als Vorsitzende des Stadtseniorenrates Stuttgart – ehe sie mit 93 meinte, nun sei es wirklich genug. Ihre Stimme mit dem schönen dunklen Timbre klingt noch eine Spur trauriger, wenn sie feststellt: „Ich habe nie eine Jugend gehabt. Und nie wieder zu einer heiteren Unbeschwertheit gefunden.“
Eher beiläufig taucht diese bittere Reminiszenz im Gespräch auf. Doch zwischen den Einblicken in ein glückliches und aktives Leben, beruflich wie privat, offenbart sich in einzelnen Bemerkungen immer wieder das Trauma der frühen Jahre. Sie winkt ab und bringt zwei dickleibige Manuskripte: „Wenn es Sie interessiert . . .“ Den Kriegs-Erinnerungen ließ sie einen zweiten Band über ihre Erfahrung als Flüchtling folgen: „Ausgewiesen und unten angekommen.“ Die Lektüre geht unter die Haut. Wegen der himmelschreienden Aktualität. Wegen der Authentizität in den Schilderung aller denkbaren menschlichen Erfahrungen. Ohne bemühte Dramatik, aber so unmittelbar, dass sie keine Distanz zulässt. Minutiös erlebt man mit Renate die Ankunft der Russen in der Stadt, die Worte werden zu grauenvollen Bildern. Man fühlt die Angst, wenn das junge Mädchen die Erwachsenen von Vergewaltigung und Mord sprechen hört und starr wird vor Schrecken.
Man windet sich, wenn sie nur mit knapper Not einer Vergewaltigung entgeht. Und es wird einem flau, weil sie hungert, friert und beinahe an Typhus stirbt. Beklommen erlebt man mit, wie der polnische Miliz-Soldat seine Macht mit der auf die Mutter gerichteten Maschinenpistole unterstreicht: „Raus, zehn Minuten, Haus räumen, sonst . . .“ Auch wenn die Autorin Glück hatte und körperlich stets unversehrt blieb: „Noch einmal würde ich das nicht überstehen. Lieber bis ans Ende der Welt laufen.“
Dann kommt der Tag, den Renate Krausnick-Horst als einen der glücklichsten in ihrem Leben bezeichnet. Der 3. Mai 1946, an dem die 15-Jährige auf dem Bahnhof von Stettin in einen Zug nach Westen steigt. Die Alliierten hatten als Folge des von Hitler-Deutschland begonnenen und verlorenen Zweiten Weltkrieges die Zwangsvertreibung der Deutschen aus den Staatsgebieten im Osten beschlossen, rund 13 Millionen Deutsche verlieren ihre Heimat.
Das Jahr 1946 ist als Beginn der Vertreibung in die Nachkriegsgeschichte eingeschrieben. Das junge Mädchen von damals fühlt sich an diesem Datum immer wie in einer Zeitschleife acht Jahrzehnte zurückversetzt: „Es ist kein 3. Mai vergangen, an dem ich mich nicht intensiv erinnert hätte.“
Sie verbindet diesen Tag mit keinem Verlustschmerz, Pommern war ihr nie Heimat, sondern immer noch mit dem gleichen Glücksgefühl, das sie auf den Stufen des Güterwagens empfand: „Es war herrliches Wetter, ein Frühlingstag mit Sonne. Auf einer Wiese spielten zwei Jungen Ball. Ich fuhr in die Freiheit und wusste, dass ich dieses herrliche Gefühl nie mehr vergessen würde. Egal, was mich auch erwarten würde.“
Wie entgeht man den Gefahren?
Es erwartet sie Lager, Hunger und Ablehnung. Sie gehört zu den ungebetenen Flüchtlingen. „Dabei waren wir doch auch Deutsche.“ Sie kommen unter bei einem reichen Bauern in einem schleswig-holsteinischen Dorf: „Seine Mutter hat uns manchmal heimlich übrig gebliebene Bratkartoffeln gebracht. Bis der Bauer es bemerkte und tobte: ,Das bringst du den Flüchtlingen?“ Dann habe er seiner Mutter die Pfanne aus der Hand genommen und die Kartoffeln dem Hund vorgeworfen. „Ja, so bösartig können Menschen sein. Damals genauso wie heute.“
Viele Jahre lang wollte sie nicht über ihre damaligen Erlebnisse sprechen. Nicht einmal daran denken: „Aus Angst vor der Rückkehr der Bilder und Gefühle.“ Dann hat sie es doch „ausgesprochen, ausgegraben und eingeordnet“, wie sie im Vorwort schreibt. „Ich war erstaunt, wie genau die Bilder noch in meiner Erinnerung waren und dass ich Gespräche teils wörtlich gespeichert hatte.“
Renate Krausnick-Horst hat sich mit dem Kunstgriff der Distanz dagegen gewappnet, beim Schreiben ganz vom Schmerz überwältigt zu werden: Nicht sie, sondern eine Anna ist es, die alles erlebt und erleidet. „Weil es dieses Mädchen Renate nicht mehr gibt und Teil der erwachsenen Frau geworden ist, die ich heute bin.“ Anna schickt sich in alles drein. Verpuppt sich, um möglichst unsichtbar zu werden und so den Gefahren zu entgehen. Das ist ihre intuitive Stärke, mit der sie den Vergewaltigungsversuch des jungen russischen Soldaten abwehren und ihren starken Überlebenswillen durchhalten kann.
Sie lehnt sich nie auf
„Heute denke ich über vieles nach und kann manches immer noch nicht begreifen“, sagt sie. Warum beschützte ihre Mutter sie nicht, als der junge Russe sie holte? „Seitdem weiß ich, dass man allein für sich kämpfen muss.“ Warum hat sie dann im Westen nicht darauf bestanden, wieder in die Schule zu gehen? Dass sie später oft wie selbstverständlich für eine Akademikerin gehalten wurde, habe ihr die eigenen Bildungsdefizite noch bewusster gemacht: „Aber ich musste ja arbeiten und Geld verdienen, alle erwarteten das von mir.“
Als Magd auf dem Hof, als Arbeiterin in der Fabrik: Sie lehnt sich nie auf, sehnt sich im Inneren aber immer nach Bildung. Und danach, jung sein zu dürfen. Erst die Berliner Großmutter leitet resolut die Wende im Leben der Enkelin ein. Sie wird Sekretärin eines Onkels, der in Inzigkofen ein Volkshochschulheim leitet. Sechs Jahre später übernimmt sie den württembergischen Volkshochschulverband, davor eine reine Männerdomäne, bleibt auch nach dem Zusammenschluss mit Baden an der Spitze. Bildung wird zu ihrem beruflichen Lebensinhalt: „Mit starkem Akzent auf politische Bildung.“ Gegen Widerstände aus Parlament, Parteien, Ministerien.
„Nach dem Krieg hat niemand hören wollen, was wir erlebt haben“, sagt Renate Krausnick-Horst. Will es heute jemand wissen? 2005 ist der erste Teil der Erinnerungen unter dem Titel „Garten der Flucht“ im Mitteldeutschen Verlag erschienen. „Kaum beworben und daher auch wenig verkauft“, hadert die Autorin. „2008 teilte man mir dann mit, so anspruchsvolle Texte könne man im Osten nicht verkaufen, ich solle mir einen anderen Verlag suchen. Weitere Versuche waren aber vergeblich.“ Der Text wartet auf seine Wiederentdeckung – und die Fortsetzung auf eine Publikation.
„Ich weiß, es nützt nichts, den Mächtigen das Führen von Kriegen vorzuwerfen. Sie werden es immer weiter tun. Sie werden junge Soldaten zu gehorsamen Maschinen machen, die auf Kommando töten und verrohen“, schreibt die Autorin im Vorwort. Und weiter: „Ob es etwas nützen würde, wenn alle Kinder, die Kriege miterlebt und erlitten haben, ihre Geschichte erzählen? Vielleicht wäre es einen Versuch wert.“