Nick Woltemade kickt künftig auf der Insel für Newcastle United. Foto: Pressefoto Baumann/Oliver Behren

Nun also doch: Nick Woltemade verlässt den VfB Stuttgart. Das schmerzt sportlich. Dennoch hat der Club vieles richtig gemacht, kommentiert unser Autor Dirk Preiß.

Benjamin Pavard wird immer einen Platz in der Geschichte des VfB Stuttgart haben. Wegen seines Traumpasses auf Carlos Mané zu Beginn seiner ersten Saison im Brustring-Trikot. Weil er als Stuttgarter Spieler mit Frankreich Weltmeister geworden ist (2018). Und weil der Abwehrspieler jahrelang der Rekordtransfer des VfB war. Für 35 Millionen Euro wechselte er 2019 zum FC Bayern. Diese Bestmarke ist Pavard nun allerdings los.

 

Dank eines Spielers, über den man ebenfalls noch lange reden wird – und über den in den vergangenen Wochen viel gesprochen wurde. Der Transferpoker um Nick Woltemade zog sich wie Kaugummi durch die Sommerpause. Der Wechsel zum FC Bayern platzte, zuletzt schien es, als könne der VfB endgültig weiter mit dem Schlaks planen – zumal die Ansagen aus der Stuttgarter Chefetage an Eindeutigkeit kaum zu überbieten waren. Muss man den VfB-Granden nun Wortbruch vorwerfen?

Kann man machen, denn nun verabschiedet sich der Angreifer doch noch kurz vor dem Ende der Transferperiode (vorbehaltlich der sportmedizinischen Untersuchung). Es wäre aber geradezu töricht. Denn der VfB Stuttgart kassiert nun sage und schreibe 85 Millionen Euro für einen Spieler, den der Club vor einem Jahr noch ablösefrei und zu günstigen laufenden Konditionen verpflichtet hat. Nick Woltemade geht zu Newcastle United in die Premier League – samt Boni kann der VfB sogar 90 Millionen kassieren.

Diese Sphären sind gigantisch. Und auch, wenn die Stuttgarter ihren Senkrechtstarter nach dem holprigen Saisonstart weiter gut hätten gebrauchen können – ein solches Angebot kann man nicht ablehnen. Daher gilt: Der VfB verliert Nick Woltemade. Ist nach Ende dieses Transferpokers aber auch ein Gewinner.

Dem FC Bayern erfolgreich die Stirn geboten

Erfolgreich haben die Stuttgarter Macher dem FC Bayern die Stirn geboten. 40, 50, 60 Millionen Euro als Ablösesumme? Im Clubhaus an der Mercedesstraße schüttelte man stets mit dem Kopf nach den Offerten aus München. Zu Recht, da Nick Woltemades Vertrag noch bis 2028 lief und sich sein sportlicher Wert als noch junger deutscher Nationalspieler gerade erst so richtig entfaltet hatte. Mit Potenzial für mehr.

Der VfB, gestärkt durch sportlich gute Jahre und ein neu errichtetes solides wirtschaftliches Fundament, verkaufte sich nicht unter Wert, war nicht auf diese Einnahmen angewiesen. Die Münchner gaben daher am Ende entnervt auf – doch dann machten die Engländer ernst.

Dass der Markt dort anders funktioniert – viel hochpreisiger –, ist keine neue Erkenntnis. Sie macht den VfB nun aber zum wirtschaftlichen Profiteur des hoch kapitalistischen Systems auf der Insel. Und in Stuttgart darf man sich doppelt freuen, dass man bei einem der Bayern-Angebote nicht eingeschlagen hat. Nun ist Woltemade nicht mal Konkurrent in einem Bundesligaspiel.

Von null auf 85 Millionen Euro – selten hat ein Spieler eine solche Wertsteigerung in so kurzer Zeit erfahren. Dafür gebührt der sportlichen Abteilung des VfB ein Lob. Der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth hatte mit der Verpflichtung von Nick Woltemade von Werder Bremen das richtige Näschen. Der Trainer Sebastian Hoeneß hat am Rohdiamanten mit seinem Team erfolgreich gefeilt. Weshalb nun eben diese mindestens 85 Millionen Euro beim noch vor wenigen Jahren deutlich angeschlagenen Pokalsieger für noch mehr wirtschaftliche Sicherheit und Stärke sorgen.

Das birgt Perspektiven, das bringt weitere Sicherheit und macht den VfB noch unabhängiger. Einen Teil dieses Geldes sollten die Granden der VfB AG aber auch schnell wieder einsetzen. Für einen Nachfolger des Nachfolgers von Benjamin Pavard.