Was für den Menschen gilt, gilt auch für die Top-Pferde, die derzeit beim German Master in Stuttgart zu sehen sind. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter. Wie erkennt man den?
Eigentlich, findet Hans-Dieter Dreher, ist es „ganz einfach“. Nämlich: „So wie bei den Menschen auch.“ Da gibt es die Ruhigen und die Lauten. Die Draufgänger und die Zurückhaltenden. Die Fleißigen und die Faulen. Das Gute: Man muss sich bei der Kategorisierung des Menschenschlags nicht auf Beobachtungen und Gefühle verlassen. Das Urteil bildet oder festigt sich im Gespräch. Das bei Pferden halt nicht möglich ist. Oder doch?
Hans-Dieter Dreher, der erfahrene Springreiter, sitzt in der Schleyerhalle beim alljährlichen German Master, schmunzelt freundlich, widerspricht aber bestimmt. „Die Pferde reden auch mit uns. Aber eben auf ihre Weise.“ Und sagen somit viel über sich und ihren Charakter. Finden zumindest diejenigen, die es so richtig gut können mit den edlen Tieren.
Und so bewerten die Reiterinnen und Reiter ihre Pferde eben nicht nur danach, ob sie den Oxer fehlerfrei meistern oder eine traumhaft sichere Lektion wie Piaffe oder Passage zeigen können. Es geht auch, oder besser: zuvorderst um den Charakter der Tiere.
Jana Lang, die am Mittwoch und Donnerstag die Dressurprüfungen in Stuttgart gewonnen hat, sagt über ihren bereits 19-jährigen Baron: „Er ist ein kleiner Performer, er will sich immer präsentieren.“ Der Wallach sei ein wahrer „Showman“. Michael Jung, der Mehrfach-Olympiasieger in der Vielseitigkeit, nennt sein Superpferd Chipmunk ein „Herzenspferd“. Dressurreiterin Carina Harmnisch muss ihrem Sheldon Cooper immer erst „sagen: Du kannst das“, wenn der das dann wisse, „gibt er 120 Prozent“. Der Springreit-Europameister Richard Vogel sagt über seinen United Touch: „Er ist ein ganz außergewöhnlicher Charakter.“ Pferde würden „merken, wenn sie etwas Sensationelles geleistet haben“, und „erkennen, auf welchem Level sie performt haben“. Und die Dressur-Queen Isabell Werth (in Stuttgart dieses Jahr nicht am Start) fasste ihre Begeisterung über ihren legendären Gigolo einst so zusammen: „Er hatte immer Charakter.“
Wie also erkennen die Reiterinnen und Reiter, was so ein Tier verkörpert? Gut, bei Chipmunk scheint es einfach, seine Anhänglichkeit zu bemerken. Michael Jung sagt über den 2008 geborenen Wallach: „Der schmust immer beim Führen. Er ist wie ein kleiner Hund, der immer schmusen will, die Nähe sucht und sich seine Streicheleinheiten abholt.“ Sein früheres Erfolgspferd Sam sei dagegen eher ein „Einzelkämpfer“. In einer Gruppe von Pferden stelle der sich eher „ein bisschen abseits“.
Das Verhalten der Tiere beobachtet man nicht im Turnier-Parcours oder im Dressur-Viereck. „Für mich“, sagt Dreher, „ist es auch immer wichtig, dass das Pferd auch Pferd sein kann, also viel Zeit auf der Weide verbringt.“ Dann setzt sich der Reiter aus Rheinfelden, der 2013 das Stuttgarter Weltcup-Springen gewonnen hat, auch mal an den Rand der Koppel und studiert einfach die natürlichen Verhaltensweisen der Tiere.
Blicke, Worte, Körpersprache
Dann geht es um Bewegungsabläufe, um den Gemütszustand („Ist er relaxed oder rennt er nervös hin und her?“) und den Kontakt zu den anderen Tieren. „Ich gebe mich natürlich viel mit meinen Pferden ab“, sagt Dreher und betont: „Jedes Pferd hat seinen Charakter – mit Stärken und Schwächen.“
Weil das auch für die Reiterinnen und Reiter gilt, ist es immer ein gegenseitiges Herantasten an eine lange und erfolgreiche sportliche Partnerschaft. Über Blicke, Worte, Körpersprache oder einfach das Bauchgefühl. Man schaue sich das Tier erst einmal an, beschreibt Hans-Dieter Dreher diesen Prozess. Dann kommt der erste Ritt, „nach ein paar Wochen kennt man sich besser“, und nach rund einem Jahr, erklärt der 53-Jährige, bilde man dann eine echte Einheit. Wenn es denn passt.
Es gibt schließlich auch Top-Reiter und Superpferde, die trotz beidseitiger Klasse und Talent fremdeln. Man spüre das entweder schnell oder erkennt im Lauf der ersten Wochen und Monate, „dass das Pferd im Parcours nicht für einen kämpft“, beschreibt es Dreher. Dann, sagt der Springreiter, der im Laufe seiner Karriere schon mit über zwölf Pferden erfolgreich große Turniere bestritten hat, sei Ehrlichkeit wichtig. „Dann darf man keinen falschen Stolz zeigen“, sagt er, „sondern muss erkennen, dass ein anderer Reiter oder eine Reiterin vielleicht besser zu diesem Pferd passt.“ Oder man versucht das, was das Credo von Isabell Werth ist: „Ich habe mich den Pferden angepasst und von ihnen gelernt, nicht umgekehrt.“
Es gibt jedoch auch Pferde, die anatomisch viel mitbringen für den Wettkampfsport, deren Wesen aber nicht für die großen Prüfungen im Scheinwerferlicht gemacht ist. Auch dann gilt: Erzwingen lässt sich nichts. Was manchmal auch gar nicht sein muss.
Denn, wie eingangs erwähnt, ist es ja dann doch ganz ähnlich wie beim Menschen. Für manch innige Partnerschaft brauchte es Jahre, ehe der Funken glühte. Es gibt aber auch: „Diese Sekundenmomente“, wie sie Isabell Werth in Bezug auf Gigolo einmal nannte: „Da reichte der erste Trabritt, und ich wusste: Das ist mein Pferd.“ Oder um es mit den Worten von Hans-Dieter Dreher zu sagen: „Auch bei Reiter und Pferd gibt es die Liebe auf den ersten Blick.“