Gotland ist ein schwedisches Sonnenziel, ein strategischer Stützpunkt, eine Schatzkiste der Wikinger und die Heimat der Hanse: Die Insel zwischen West und Ost gleicht einer Wundertüte. Und die Villa Kunterbunt steht auch dort.
Visby - Es gibt viele gute Gründe, Schwedens südlichen Außenposten aufzusuchen. Hier kommen Mittelalterfans ebenso auf ihre Kosten, wie die Freunde von Pippi Langstrumpf. Und Naturliebhaber können sich an endlosen Stränden, in lichten Wäldern und zwischen markanten Kalksteinfelsen austoben.
1. Zwischen den Welten
120 Kilometer sind es zum schwedischen Festland, ebenso viele bis Litauen. Dieser Lage verdankt Gotland alles – im Guten wie im Bösen. Als Stützpunkt der deutschen Hanse für ihren Handel mit dem russischen Norograd brachte sie Wohlstand, bei den Dänen weckte sie Eroberungsgelüste und in Zeiten des Kalten Krieges diente sie als Außenposten.
2004 zogen die letzten Soldaten ab, jetzt sind sie wieder da, denn die Nato will Putin im Auge behalten. Gotland ist etwa so groß wie Mallorca und die sonnenreichste Ecke von Schweden. Die Universität in Visby, bekannt für Computerspielentwicklung, beschert der Insel rund 2000 Studenten und echte Perspektiven.
„Die Mutter-Universität Uppsala hilft auch bei der Ausbildung von Berufen, die die Insel braucht, und das beschert uns Bevölkerungswachstum statt Abwanderung und Überalterung“, erzählt Adam Jacobsson von der Destination Gotland. Zwar gingen die Jungen noch immer nach der Schule aufs Festland zu Ausbildung, Studium und Job, doch um Familie zu gründen, kehrten sie dann nach Hause zurück.
2. Reif für die Insel
Nicht nur Stockholmer Ferienhauseigner lieben die Insel, deren Bewohner ebenso weltoffen wie selbstbewusst gegenüber Bevormundung vom Festland sind. Auch Experimentierfreudige lockt die Atmosphäre.
Den ersten Wein auf Gotland pflanzte vor 15 Jahren der Computerspezialist Lauri Pappinen auf Gotland an – mit Erfolg und seit Kurzem mit kollegialer Konkurrenz aus Italien. Auf Gotland ist die Film-Pippi-Langstrumpf zu Hause, ihre Villa Kunterbunt findet man in Kneippby, einem Familienpark mit Reminiszenz an den deutschen Pfarrer Sebastian Kneipp.
Krimiautor Håkan Nesser spinnt hier seine finsteren Verbrechen und die Urvariante von „Sing My Song“ stammt ebenfalls aus Gotland. Das Musikertreffen, das zu Schwedens beliebtesten Fernsehserien zählt, bekam 2020 neue Eltern. Cecilia und Björn Westerholm, ein Aktienhändler und eine Personalchefin aus Stockholm, übernahmen das Kulthotel in Südgotland und erweckten es, unbeleckt von Fachkenntnis und mitleidig beäugt vom Umfeld, zu neuem Leben.
3. Zurück ins Mittelalter
War der Durchleuchter im Flughafen in Wahrheit eine Zeitmaschine? In Visby, Gotlands Hauptstadt, gerät man ins Zweifeln. Mittelalterlich gekleidete Menschen streben durch die gepflasterten Gassen, zwischen Meer und Stadtmauer campieren ganze Clans, auf dem Markt gehen Schmied, Weber und Steinmetz ihrem Handwerk nach, Musiker unterhalten mit Harfe und Schalmei.
Nur: Was hält der Mönch mit der tiefgezogenen Kapuze da in der Hand – ein Smartphone? Einmal im Jahr feiert Visby Mittelalterwoche – stilvoll in der Unesco-geadelten Altstadt, deren meiste Bauten tatsächlich aus dem 11. bis 15. Jahrhundert stammen. Bei Turnierspielen messen sich einheimische Reiter als Ritter. Eine moderne Theaterinszenierung interpretiert Gotlands Vergangenheit überraschend neu. Markt, Kinderprogramm und Konzerte beleben die ganze Stadt.
„Wer die Mittelalterwoche nicht mag, flüchtet, und wer dableibt, lebt sie“, sagt Inger Harlevi, Präsidentin der Bürgschaft Region Gotland. So wie die 89-jährige Viveka Schwarz, die 1984 das Spektakel erfand, weil sie ihre Mitbürger die eigene Geschichte lehren wollte, und die Mittelalterfans, die aus der ganzen Welt anreisen.
4. Die Kirche bleibt im Dorf
Gefühlt ist Gotland voller Kirchen – und die Zahlen bestätigen es: 92 Kirchen stehen den etwa 60 000 Gotländern offen, allesamt uralte, teils bildschöne katholische Bauten, in denen heute ausschließlich Protestanten feiern. Dazu kommt eine Vielzahl stattlicher Kirchenruinen wie das ehemalige Franziskanerkloster St. Karin am Marktplatz von Visby.
Die ersten Kirchen bauten die Wikinger, die neben Reichtum auch das Christentum mit nach Hause auf die Insel brachten. Nachdem ihre Holzkirchen von radikalen Heiden angezündet wurden, bauten sie die heidnischen Götter in die neue Religion ein – und die neuen Gotteshäuser aus Stein.
Später investierten die reichen Kaufmannsgilden der Hansestadt Visby in das Seelenheil der Städter (und das eigene) und bauten prächtige Kirchen. Doch als 1361 der dänische Eroberer Waldemar die Insel einnahm, ging es bergab mit Handelsplatz und Hafen und die Stadt verarmte. Niemand hatte mehr die Mittel, alle Kirchen zu unterhalten, und so verfielen viele.
Die verbliebenen werden aus einem gemeinsamen Fonds der 92 Kirchengemeinden, deren kleinste nur 28 Mitglieder hat, in Schuss gehalten oder restauriert. Und obwohl sie auch auf Gotland nicht jeden Sonntag voll sind, ist die Kirche auf der Insel doch im Dorf und im Leben geblieben, als Ort der Gemeinschaft und Treffpunkt für Jung und Alt.
5. Hüter des Schatzes
Der Widder im Wappen verrät es schon: Gotland lebt in erster Linie von der Landwirtschaft, vor allem von der Schafzucht. Weil auch Schweine und Rinder gehalten und Obst und Gemüse, Getreide, selbst Wein angebaut werden, könnte sich die Insel komplett selbst versorgen.
Ansonsten ist die Insel steinreich – die Rauken, Felsformationen aus Kalkstein, sind allgegenwärtig. Auch einen Silberschatz beherbergt das Eiland: Die Wikinger hinterließen eine Sammlung historischer Münzen, darunter mehr aus Afghanistan, als das Land selbst besitzt. Noch viel mehr Wikingerschätze von Gotland „wohnen“ in Stockholmer Museen.
Reich bestattet wurden Seeleute und Schiffseigner: Man beerdigte sie in Schiffssetzungen, die den Umriss eines Schiffes aus Steinen nachbilden, samt Verpflegung, Schmuck und Waffen. Noch ganz lebendig dagegen sind die Russ, eine Gotländer Rasse von Wildpferden, die im Wald bei Hemse lebt.
Gotland
Anreise
Ab Frankfurt fliegen SAS oder Lufthansa direkt nach Stockholm, www.sas.com, www.lufthansa.com. Vom Flughafen Bromma, www.svedavia.com/bromma/, fliegen mehrere kleine Fluggesellschaften Visby auf Gotland an, vom Flughafen Arlanda kann man mit SAS nach Visby fliegen. Fähren verkehren von Oskarshamn und Nynäshamn nach Visby, ab 2022 gibt es eine neue Direktverbindung von Rostock, www.destinationgotland.se/de
Unterkunft
Geschichtsträchtig: Aus dem 13. Jahrhundert stammt das liebevoll restaurierte Hotel Clarion in der Altstadt von Visby. DZ/F ab 173 Euro, www.nordicchoicehotels.se/hotell/sverige/visbyVoller Musik: Im historischen Boutique-Hotel Gra Gasen in Burgsvik spielt die Musik nicht nur beim Kultfestival, DZ/F ab 217 Euro, https://gragrasen.se
Essen und Trinken
Das Café im Kirschgarten in Burgsvik ist seit 1947 ein Treffpunkt für Künstler und längst auch für Gäste des zugehörigen Skulpturenparks, www.korsbarsgarden.seIn einem alten Atelier residiert das Restaurant Var Fru in Visby, www.vaarfru.seUnter den Linden kredenzt das Värdshuset Lindgarden in Visby Gotländer Spezialitäten, www.lindgarden.com
Allgemeine Informationen
Gotland Tourismus, www.destinationgotland.se/de/ Schwedisches Fremdenverkehrsamt, www.visitsweden.de