Wer sich auf die Suche nach dem echten Winter begibt, der wird in Estland fündig. Denn dort gibt es noch Schnee und Kälte in der langen dunklen Jahreszeit und hin und wieder auch ein kleines Licht.
Ein Lichtstrahl genügt, um in Estland für winterliches Leuchten zu sorgen – auch jenseits kerzenbeschienener Festtage. Wenn Weihnachtsbaum und Wichtel wieder weggepackt sind, tauchen auf den Straßen und Gassen noch immer kleine Lichtpunkte auf. Irrlichtern gleich huschen sie durch die Dunkelheit. Zumindest, wenn in der Nähe eine Lichtquelle ist, ein Autoscheinwerfer oder eine Straßenlaterne. Denn aus wenig Licht wird in Estland gleich ganz viel.
Wintersonnenwende in Estland
Im nördlichsten der drei baltischen Staaten ganz am östlichen Rand der Europäischen Union leuchtet es auch in der langen Dunkelheit. Gerade einmal sechs Stunden dauert hier der Tag, wenn die dunkle Zeit zur Wintersonnenwende ihren Höhepunkt erreicht. Ab dann wird es langsam wieder heller. Das zusätzliche Leuchten braucht man aber lange noch.
Das Tragen von Reflektoren ist für Fußgänger Pflicht. In den engen Gassen der alten Hansestadt Tallinn wippen kleine Tannenbäume, Smileys, Teddybären, Elche und Geister an Kapuze oder Knopfloch. Manch eine Schneeflocke baumelt vom Handtaschengriff.
„Falls nicht, kann eine Strafe fällig werden“, kommentiert Tourguide und Sprachdozentin Eva-Maria Egipt-Peenmaa eine unreflektierte Fußgängerin. Touristen seien davon allerdings nicht betroffen. Doch wer greift nicht gerne zu solch Reflektoren-Gebaumel, wenn es doch in allen Geschäften in der Auslage liegt, von modisch bis kindlich und als Mitbringsel gut geeignet.
Hochmoore – estnische Naturwunder
Hier im alten Reval, wie Tallinn früher hieß, gibt es ihn noch, den weißen Winter. Noch dicker liegt der Schnee außerhalb der Stadt im Kakerdaja-Moor, das zum drittgrößten Naturreservat Estlands gehört – weiße Winterlandschaft, in der glitzernder Schnee unzählige Tümpelchen und Mooradern bedeckt.
Die feuchten Landschaften mit ihren Hochmooren gelten als kleine estnische Naturwunder. Wer das Moor betritt, muss auf die Wege achten, die man nicht verlassen soll! Selbst wenn die Landschaft mit ihrer dichten Schneedecke begehbar erscheint – sie ist es nicht. Also Augen auf und im Gänsemarsch hinein ins Moor. Wer daneben tritt, riskiert nasse Füße. Das ist kein Spaß bei minus zehn Grad. Lieber aufpassen und die Landschaft genießen mit ihren weiß eingedeckten kleinen Bäumen. Deren Größe täuscht, auch sie können schon Jahrzehnte alt sein, doch der Boden ist zu nährstoffarm, als dass er für hohes Wachstum sorgen könnte.
„Jõudu tarvis“ – „Kraft braucht man“
Reflektoren braucht man in der Einsamkeit keine, doch vielleicht eine Taschenlampe für den Fall, dass bei einem wärmenden Vana Tallinn, einem estnischen Kräuterlikör, die Zeit zu schnell verflogen ist. Meist bleibt es einsam im Moor. Wenn doch ein Este des Weges kommt, wird nicht gleich zum Small Talk angesetzt. Ausfallschritt auf den Querbalken des Steges, ein wenig Platz machen. Dann: „Jõudu“, auf das ein „Jõudu tarvis“ folgt. „Kraft“ – „Kraft braucht man.“ Das war auch schon der Gruß.
Der Este schweigt, nicht unfreundlich, aber ein wenig distanziert – hier wird nicht palavert. Und das Hupen, das auf der Ausfallstraße hinein in die weiße Winterwelt hin und wieder zu hören war? Waren einige Esten da doch etwas lauter? Eva-Maria Egipt-Peenmaa korrigiert ganz schnell: „Das waren keine Esten. Wenn es laut wird, dann sind es die Russen.“ Das Verhältnis ist geschichtsbedingt und aktuell distanziert.
Sprache und Geschichte verbinden Esten und Finnen
Auch die direkten Nachbarn, die Letten, sind noch nicht allzu eng mit den Esten verbunden. Die gemeinsame Sprache fehlt, doch daran wird gearbeitet. Die Esten verbindet mehr mit Finnland. Das liegt gerade einmal 85 Kilometer gegenüber auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens. „Soome laht“ nennen die Esten die östliche Meeresbucht der Ostsee. Von dort haben sie jahrzehntelang ihre im eigenen Land verbotene Nationalhymne im Radio gehört. Zwar mit anderem Text, doch die Melodie beider Lieder stimmt überein – und das verbindet. Genauso wie die gemeinsame Sprachfamilie.
„Estnisch gehört zum finno-ugrischen Sprachstamm, genauso wie Finnisch, Ungarisch und die Sprache einzelner ethnischer Gruppen weiter östlich im Gebiet des Ural und Ob“, erklärt Lili Kängsepp-Puun, Führerin im Nationalmuseum in Tartu. Sie weiß, wie es früher in estnischen Wohnzimmern aussah, welche Kleidung getragen und auf welchem Stuhl Skype entwickelt wurde oder welche Rituale es gab, wenn sich die dichte weiße Decke übers Land legte und die Esten mit ihren Tretschlitten über Eis und Schnee zogen. Das machen sie auch heute noch, genau wie die Finnen.
Saunieren geht über alles
Genau wie diese lieben sie ihre Sauna, ob rauchig oder mit Aufguss. „Manche Leute sammeln Autos, wir sammeln Saunen“, fasst Saunaexpertin Elin Priks die Begeisterung fürs Schwitzen zusammen. Das wird in diesem Jahr besonders zelebriert. Estland hat 2023 zum Jahr der Sauna ausgerufen, da wird sauniert sobald die Helligkeit das Dunkel verjagt und keine Reflektoren mehr am Gürtel baumeln, allerdings ganz ohne die winterliche Abkühlung mit Schnee und Eis.
Info: Estland
Anreise
Mit der Bahn nach Frankfurt oder München und dann weiter nach Tallinn, zum Beispiel mit Lufthansa, www.lufthansa.com. Mit Air Baltic fliegt man über Amsterdam oder Riga nach Tallinn; www.airbaltic.com.
Unterkunft
Nur fünf Minuten von der Altstadt Tallinns entfernt liegt das Nordic Hotel. DZ/F ab 150 Euro; www.nordichotels.eu. Hübsch ist das Design-Hotel L’Embitu; DZ/F ab 112 Euro; lembituhotel.ee. In der Altstadt von Tartu liegt das Hotel Soho. Empfehlenswert ist hier die Suite mit eigener Sauna, Preis ab 140 Euro pro Nacht mit Frühstück; www.hotellsoho.ee.
Essen und Trinken
38 Restaurant in Tallinn: Moderne Kunst in alten Mauern; www.38restoran.com. Im ehemaligen Industrieviertel und aktuellen Künstlertreff Telliskivi liegt das Restaurant F-Hoone; www.fhoone.ee. Im Restaurant des Fotografie-Museums Fotografiska gilt das Motto „Alles wird verwendet“ mit kulinarischen Highlights aus lokalen Produkten; www.fotografiska.com/tallinn/sook-jook/restoran.
Sehenswertes
Estnisches Nationalmuseum in Tartu; www.erm.ee. Saunapark im Igludorf in Tallinn direkt an der Ostsee; www.iglupark.com.
Allgemeine Informationen
Tourismusverband Visit Estonia, www.visitestonia.com/de.