Hauptsache kalt: Es muss nicht immer das Tretbecken sein, auch im Fluss kann man kneippen. Foto: imago/viennaslide

Vor 200 Jahren wurde Sebastian Kneipp geboren. In Bad Wörishofen schwört man heute mehr denn je auf die Therapie des legendären „Wasserdoktors“.

Bad Wörishofen - Abgespannt? Geschlaucht? Hundemüde? Wer im Bad Wörishofener Kneipp-Museum auf eine Dame namens Ines Wurm-Fenkl trifft und gerade nicht zu hundert Prozent in Form ist, wird von ihr zwar charmant, aber bestimmt zu einem Experiment genötigt. Das Aufwecken der Lebensgeister durch einen Kältereiz ist ihr Spezialgebiet. Deswegen schleppt sie einen zum Waschbecken und man soll die Unterarme für 20 Sekunden eintauchen. Das kurze Armbad gilt als „Kneippscher Espresso“, der schnell fit macht, ganz ohne Koffein. „Na?“, fragt sie dann, „tut das nicht gut?“

 

Viele Menschen im Allgäu integrieren die fünf Säulen der Kneipp-Therapie – die berühmten Wasseranwendungen, aber auch gesunde Ernährung, viel Bewegung, die Nutzung von Heilpflanzen sowie eine bewusste Lebensführung – in ihren Alltag. Doch nur wenige haben sich den Ideen des vor 200 Jahren geborenen „Wasserdoktors“ so verschrieben wie ein Paar aus Bad Wörishofen. „Die Leute nennen mich eine Kneipp-Jüngerin“, sagt Ines Wurm-Fenkl schmunzelnd. Ihr Mann Toni Fenkl bläst ins gleiche Horn: „Für mich ist Kneipp eine Art Messias. Das Kneippen ist unser Lebenselixier.“

In Bad Wörishofen huldigt man Kneipp inbrünstig

Sein Geist ist also nicht nur noch da, sondern begleitet einen sogar auf Schritt und Tritt. Kneipp-Apotheke, Kneipp-Bäckerei, Kneipp-Museum, Kneipp-Straße, drei Kneipp-Denkmäler: In Bad Wörishofen huldigt man dem Mann inbrünstig. Denn der „Weberbaschtl“, aufgewachsen in einer armen Weberfamilie, begann hier seine Karriere als Beichtvater im Kloster der Dominikanerinnen.

Wer in der Pfarrkirche St. Justina den Kopf in den Nacken legt und nach oben schaut, sieht auf dem Fresko an der Decke einen gütigen Mann, der vor Gesunden und Kranken predigt, als sei er ein Heiliger. Kneipp hat seine Gemeinde also noch immer im Blick. In der Waschküche des Pfarrhofs praktizierte er – ein hölzerner Zuber, eine Schöpfkelle und eine Gießkanne waren alles, was er brauchte.

Heute gibt es in Bad Wörishofen 24 öffentliche Kneipp-Anlagen. Und Menschen wie Marcus Müller vom Kurhaus St. Josef, der Kneipps Küchenphilosophie ins 21. Jahrhundert übersetzt. „Der Mann war seiner Zeit voraus. Aber statt Brei aus gequollenem Getreide kann man Dinkelflocken ausprobieren, Amarant und Mandeln“, gibt er Tipps für ein Kneipp-Frühstück. Regional, saisonal, keine industriell verarbeiteten Lebensmittel: „Nur wenn man gerne isst, was gesund ist, tut das Leib und Seele gut. Das hat Kneipp schon damals erkannt.“

Kneipp-Anwendungen sind keine Folter, sondern Zuwendung

In der Fußgängerzone liegt das von Kneipp gegründete Sebastianeum, wo man bis heute auf die fünf Elemente des Naturheilverfahrens setzt. Auch in der Kuroase des Klosters, wo Kneipp einst den Nonnen seine Anwendungen verschrieben hat, kann man dessen Konzept ausprobieren. Es gibt etwa 120 Wasseranwendungen für fast jeden Teil des Körpers. Dazu noch Wickel und Massagen – Kneipp-Anwendungen sind keine Folter, sondern Zuwendung. Das wohligste Erlebnis ist der Heusack. Da huscht morgens in aller Herrgottsfrühe jemand ins Zimmer, schiebt dem Gast eine warme Packung hinter den Rücken, ein kaltes Tuch aufs Herz und wickelt den Körper ein wie eine Mumie – das perfekte Rezept für erholsamen Schlaf.

Kälteschock für die ganz Harten

Dass mit Kneippen die Selbstheilungskräfte des Körpers gefördert werden, steht für Ines Wurm-Fenkl fest. Bei ihr steht eine Zinkbadewanne auf der Terrasse. „Ich liebe das Halbbad“, kommentiert Ines Wurm-Fenkl. „Aus dem Bett, raus ins Freie, rein ins Wasser – das mache ich auch im Winter einmal in der Woche.“

Geschadet hat der drahtigen 68-Jährigen der kurze Kälteschock bislang nicht. Wobei es für den Alltag auch bei ihr die mildere Variante tut: Beim Oberguss fließt das kalte Wasser in der Dusche über Arme, Brust, Gesicht und Rücken. Aber bitte nur ganz kurz – damit der Körper aufheizt und einem anschließend wohlig warm wird.

„Es gibt nichts Besseres, um morgens wach zu werden und fit und frisch in den Tag zu starten“, meint Toni Fenkl. Auch der Mann von Ines Wurm-Fenkl ist also kein Warmduscher. In einem früheren Leben war der ausgebildete Masseur mal Polizist. In Bad Wörishofen kennt man den 64-Jährigen als Barfußindianer – weil er sich nicht mit einengenden Schuhen abfinden will.

Barfuß über die Wiesen spazieren

Schon Toni Fenkls Idol Sebastian Kneipp hatte nichts für Schuhe übrig. Der Pfarrer sprach von „Fußverkümmerungsmaschinen“ und empfahl seinen Patienten, besser barfuß über die Wiesen zu spazieren. Heute zeigt Toni Fenkl Gästen, dass das sowohl entspannend als auch anregend sein kann: Mittwochs lädt er zur Therapiewanderung in den Kurpark. Nach dem Fußmarsch empfiehlt Toni Fenkl noch eine weitere Anwendung, die Mediziner indes eher nicht verschreiben. „Ich mag auch Kneipen, nicht nur das Kneippen“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Beim „kalten Halsguss“ nach der Barfuß-Tour ist mal kein Wasser im Spiel. Aber auch Kneipp selbst hatte gegen einen gelegentlichen Schluck Bier nichts einzuwenden: Auf historischen Bildern posiert er sogar mit Maßkrug.

Info: Anreise

Mit dem Zug via Augsburg nach Bad Wörishofen. Mit dem Auto erreicht man die Stadt über die A 8 und A 7, Ausfahrt Memmingen-Nord.

Pauschalen

Soll das Kneippen nachhaltig wirken, muss man sich Zeit nehmen. Einwöchige Kennenlern-Angebote mit Arztbesuch, diversen Anwendungen und Massagen sowie Übernachtung mit Verpflegung bieten z. B. die Kuroase im Kloster (ab 889 Euro pro Person), das Kneippkurhaus St. Josef (ab 800 Euro p. P.) und das Sebastianeum (ab 837 Euro p. P.).

Aktivitäten

Das Kneipp-Museum informiert in einer Ausstellung und mit Vorträgen über das Leben und Wirken des Wasserdoktors . Sehenswert ist auch der Kurpark mit Rosengarten, Kräutergarten und Barfußpfad. Mit der Gästekarte sind diverse geführte Wanderungen und E-Bike-Touren kostenlos, bei denen die fünf Elemente der Therapie thematisiert werden. Im Kneipp-Jubiläumsjahr 2021 sind außerdem zahlreiche Veranstaltungen geplant.