Für Gisela Mohrlock im Hechinger Reiselädle bringt das 49-Euro-Ticket weniger Umsatz. Sie hofft auf einen Ausgleich und hat den Ministerpräsident und den Bundesverkehrsminister um Unterstützung gebeten. Foto: SB/Klaus Stopper

Wird das 49-Euro-Ticket zum Todesurteil für das Hechinger Reiselädle? Gisela Mohrlock hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann um Rat gebeten. Und der Hechinger Gemeinderat spricht am Donnerstag über das Thema.

Der kleine Reiseladen am Hechinger Bahnhof ist beliebt und für viele unverzichtbar. Eine Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter steht an der Theke. Ob sie für ihr Kind zahlen muss? Für den Buggy extra? „Wissen Sie, ich bin gefühlt schon 100 Jahre nicht mehr Zug gefahren“, sagt die Frau und freut sich sichtlich über den geduldigen und kompetenten Service der Reiselädle-Betreiberin, die ihr dann gleich auch noch die genaue Abfahrtszeit und den Bahnsteig nennt. Der Kartenautomat am Bahnsteig macht so etwas nicht.

Und durch das neu eingeführte 49-Euro-Ticket ist all das in Gefahr. Denn viele Fahrkartenverkäufe, die sie gegen eine kleine Provision bisher erledigt hat, fallen weg. Das 49-Euro-Ticket wird nur direkt über die Bahn-App verkauft. Wer es hat, braucht im Nahverkehr nicht mehr ins Hechinger Reiselädle gehen, in dem es auch Getränke und kleine Snacks gibt. Sie rechnet mit einem gravierenden Umsatzeinbruch. “Und wenn ich hier nichts mehr verdiene, kann ich natürlich auch nicht weitermachen“, sagt sie.

Deshalb hat sie mit Stefan Blum, der in Mössingen auch einen DB-Reiseservice-Laden betreibt, eine Briefaktion gestartet. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Bundesverkehrsminister Volker Wissing, viele weitere bekannte Politiker erhielten von ihr einen Brief, in dem sie die Misere schilderte. „Kretschmann hat als Erster geantwortet“, erzählt sie. Er habe erklärt, dass er die Sache an Landesverkehrsminister Winfried Herrmann weitergegeben habe. Auch der antwortete schnell. Er will sich um die Sache kümmern. Bundesverkehrsminister Volker Wissmann brauchte etwas länger für die Antwort, aber „irgendwann“ sei auch die eingetrudelt. Es sei ja eine Ausgleichszahlung für die Bahn vereinbart worden, nun sei zu klären, wie davon auch die DB-Agenturen profitieren, meinte er.

Hechinger Gemeinderat will Unterstützungsbrief beschließen

Auch in der Hechinger Lokalpolitik ist das Thema aufgegriffen worden. Jürgen Detel, für die Grünen im Kreistag und „einer meiner Stammkunden“ habe sofort reagiert, als er von den Reiselädle-Sorgen erfahren habe. Schnell habe sich dann auch Bürgermeister Philipp Hahn bei ihr gemeldet und Unterstützung zugesagt. In der Gemeinderatssitzung am Donnerstag soll eine gemeinsame Erklärung verfasst werden, die an die zuständigen Politiker gehen soll. „Ich bin für jede Unterstützung dankbar, noch ist es nicht zu spät“, so Gisela Mohrlock.

Durch gute Beratung VfB-Fans viel Geld gespart

Von ihren Kunden hat sie auch schon viel Zuspruch erhalten. Der Beratungsservice, den sie bietet, wird hoch geschätzt. Sie hat Tickets für eine Albstädter Schulklasse verkauft, die nach Frankfurt reist, VfB-Fans Geld gespart, „weil die natürlich nicht wussten, dass im Stadion-Ticket bereits Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr in Stuttgart drin sind. Die müssen also nur bis zum Stadtrand zahlen“. Und das 49-Euro-Ticket lohne sich längst nicht für jeden. „Wenn jemand zweimal pro Monat nach Tübingen in die Klinik muss, würden normale Fahrscheine

Und dann gibt es Kunden, die Smartphone oder Computer nicht bedienen können oder die solche Geräte nicht haben. Andere stecken finanziell so in der Klemme, dass sie kein Bankkonto mehr haben können. Das wäre aber notwendig für verschiedene Karten-Angebote der Bahn. „Ohne Reiselädle wären die aufgeschmissen“, sagt Gisela Mohrlock. Und da spricht sie für insgesamt etwa 600 DB-Reiseagenturen in Deutschland. Jetzt hofft sie, dass die Politiker, die sie angeschrieben hat, ihr und den anderen Kollegen und Kolleginnen auch wirklich beistehen.