Hurra, bald darf man wieder reisen. Berührungsängste mit Menschenmassen sind vielen aber geblieben aus der Pandemie. Deshalb stellen wir Reisebücher vor, die Abenteuer abseits der Touristenströme versprechen.
Stuttgart - Wo gibt es noch Abenteuer? Warum suchen wir sie? Und was lernen wir daraus? Diesen drei Fragen widmet sich Erik Lorenz’ Buch mit dem Untertitel „mit offenen Augen ins Abenteuer“.
Die Lust am Abenteuer
Gleich zum Einstieg serviert der Autor freilich ein Erlebnis, bei dem man sich unwillkürlich fragt, wie man sich so blind ins Abenteuer stürzen kann: Lorenz startet mit zwei Freunden zu einer Motorradtour durch den Himalaja, ungeübt, auf alten indischen Maschinen über ungesicherte Schotterstrecken. Doch das Trio überlebt nicht nur, sondern erlebt und lernt fürs (Abenteurer-)Leben.
Eine ganze Reihe solcher Erlebnisse verarbeitet Lorenz, die dazu passenden Lektionen liefern ihm Interviewpartner seines Podcasts Weltwach: Reinhold Messner, Andreas Altmann, Christine Thürmer, Jochen Schweizer, Carmen Rohrbach: Bekannte Abenteurer, die wissen, wovon sie reden beim Thema innere Grenzen überwinden, Angst wagen oder Scheitern lernen.
Ein spannendes Plädoyer für echte Abenteuer – auch und gerade im Zeitalter von detailgenauen Google-Maps und Pauschalreisen zum Everest. (Bettina Bernhard)
Erik Lorenz: Weltwach, Malik Verlag, 288 Seiten, 20 Euro.
So viele Menschen hier
Wir alle sind urlaubsreif. Und so werden sich mit dem Ende der Reisebeschränkungen die Top-Destinationen wieder mit so vielen Touristen füllen, dass jeder Gang zum Strand einer Fahrt in der Tokioter U-Bahn gleicht. Dicht an dicht eine ruhige Minute? Fehlanzeige! Da wird die zweite Reihe plötzlich zur ersten Wahl.
An lohnenden Zielen mangelt es nicht, wie der Bildband „Secret Places Europa“ zeigt, der „70 unbekannte Traumreiseziele abseits des Trubels“ verspricht und das vollmundige Versprechen auch tatsächlich hält.
Oder hatten Sie die Jugendstilperle Darmstadt, das mittelalterliche Castelo Rodrigo oder die Palmenpracht Elches auf ihrer Liste? Oder die Franciacorta, jene Region in der Lombardei, die sich gerade zur Champagne Italiens entwickelt? Alles Ziele mit touristischer Infrastruktur, aber ohne Tourismusindustrie.
Jochen Müssig lässt die Bewohner zu Wort kommen, macht mit kurzen Skizzen Lust auf die Nebendarsteller, die oft mehr Charme haben als die Superstars unter den Reisezielen, verschweigt aber auch nicht, wenn es außer gutem Wein und Mortadella wenig zu erleben gibt – außer Ruhe und ein Italien wie anno dunnemals. (Simon Rilling)
Jochen Müssig (Hrsg.): Secret Places Europa Bruckmann Verlag, 240 Seiten, 29,99 Euro.
Urlaub auf Adrenalin
Die Welt ist viel zu spannend, um den Urlaub Jahr für Jahr am gleichen Ort zu verbringen. Was die Erde so alles zu bieten hat, zeigt der Reisejournalist Martin Kohn in seinem Buch „99 Lebensträume für Abenteuerhungrige“, in dem der Adrenalin-Spiegel selten auf Normalnull sinkt.
Mit Orang-Utans frühstücken in Afrika, Korallen pflanzen auf Bora Bora, Koalas knuddeln in den australischen Blue Mountains, Kung-Fu lernen bei den Shaolin-Mönchen oder Nordlichter jagen in Skandinavien: Die 99 Trips sind mehr als nur Anregungen, sie sind ein kräftiger Tritt in den Hintern aller Pauschalurlauber und Malle-Liebhaber.
Denn Lachsfischen mit Bären oder eine Reise ins Auge des Hurrikans sind Erlebnisse, von denen der Reisende deutlich länger zehrt als von einem verschnarchten Tag am Meer. Und dabei sind sie nicht zwingend teurer als zwei Wochen Vollpension samt Animation im Club Med. (Simon Rilling)
Martin Kohn: Gönn dir! 99 Lebensträume, Conbook Verlag, 240 Seiten, 19,95 Euro.
Wo ist Europa noch wild?
In Zeiten, in denen Abenteuer in der Natur plötzlich zum Massentrend geworden sind, helfen die Autoren auf der Suche nach wild gebliebenen Orten in Europa – dort, wo man keine Angst haben muss vor Menschenstaus auf Wanderwegen. Orte für die wahren Abenteurer.
An die Ich-Perspektive muss man sich zwar erst gewöhnen – die Texte erinnern eher an einen Wanderblog –, aber der teils sarkastische Schreibstil hat Witz und Charme – und die Dialoge zwischen den beiden Abenteurern bringen einen immer wieder zum Schmunzeln.
Konkrete Wandertouren mit Ortsangaben werden in eine Geschichte gepackt, so dass man erstens immer wieder unbedingt erfahren will, was die zwei als Nächstes erleben. Und zweitens, mit ein bisschen weiterer Recherche, diese Touren dann auch selbst planen kann. Zudem gibt der Band Tipps zur Wanderausrüstung oder zur günstigen Verpflegung für unterwegs. Die zahlreichen Bilder machen Lust darauf, sofort den Rucksack zu packen und loszuziehen – in die „echte“ Wildnis. (Florian Dürr)
Winkelmann, Knöfken: Wilder wird’s nicht, Rowohlt Taschenbuch, 191 Seiten, 14 Euro.
Das Herz des Balkans
Urlaub in Serbien? Noch zieht es nicht allzu viele in das gefühlt ewige EU-Beitrittsland. Andere Teilrepubliken des einstigen Jugoslawiens, allen voran Kroatien, sind längst beliebte Touristenziele. Serbien jedoch gilt als Geheimtipp.
Der perfekte Begleiter bei einer Tour durch das Herz des Balkans ist der sehr persönlich gehaltene Reiseführer von Matthias Pasler. Der Berliner gibt nicht nur praktische Tipps zu Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants, Stadtrundgängen sowie Wanderungen durch die Natur. Er verschafft mit kleinen Reportagen und Interviews auch Zugang zu Land und Leuten – und weckt Neugier auf, ja sogar Begeisterung für Serbien. Am liebsten würde man sofort aufbrechen. Selten so einen vielseitigen, spannenden und zugleich übersichtlichen, nützlichen Reiseführer in den Händen gehabt. (Bettina Hartmann)
Matthias Pasler: Serbien, Dumont, 308 Seiten, 18,95 Euro.