Beim Besuch der Sowjetunion im Jahr 1970, inmitten des Kalten Krieges, machte der damalige Schiltacher Bürgermeister Martin Fritz erstaunliche Beobachtungen.

Es wächst in unserer östlichen Nachbarschaft ein „Machtblock heran, der, wollen wir nicht von ihm beherrscht werden, uns noch ungeheure Anstrengung abverlangt“. Die Worte, die mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nach der Gegenwart klingen, entstammen in Wirklichkeit einem Urlaubsbericht.

 

1970 besuchte der damalige Schiltacher Bürgermeister Martin Fritz mit seiner Ehefrau Lydia die Supermacht Sowjetunion. Es war eine Zeit zaghafter Annäherung. Die neugebildete sozialliberale Bundesregierung von Kanzler Willy Brandt streckte ihre Fühler für eine Neue Ostpolitik aus.

Ziele als „russisch“ erklärt

Im Mai 1970 reiste Martin Fritz nach Moskau und Leningrad (heute wieder Sankt Petersburg) sowie nach Taschkent, Buchara und Samarkand (alle in Usbekistan). Der ausführliche Reisebericht, von seiner Frau Lydia ein wenig im Stile historisierender Reiseführer-Prosa mit dem Fokus auf den Glanz des alten Zarentums verfasst, wird durch einen „Kommentar“ ergänzt. Der stammt, wenn auch nicht unterzeichnet, wohl vom Bürgermeister selbst. Zeittypisch werden die Ziele alle als „russisch“ erklärt. Dabei seien die 15 Unionsrepubliken „gleichberechtigt“.

Schiltachs damaliger Bürgermeister Martin Fritz im Jahr 1962 Foto: Stadtarchiv Schiltach

Fritz beschreibt ehrgeizige Menschen „unbeugsamen Willens“. Während er hier aber eine große Ähnlichkeit zur Heimat sieht, hebt er einen begrenzten Vorbildcharakter der Sowjetmenschen heraus. Industrie und Wirtschaft würden „auf Hochtouren“ laufen.

Dennoch riesiger Nachholbedarf

Ein riesiger Nachholbedarf könne dennoch nicht gesättigt werden. Immerhin zeigte sich eine besichtigte Textilfabrik in Buchara „hell, luftig und sauber“. Die Arbeiterinnen machten einen „zufriedenen Eindruck“. Die Verteilung von Ausbildungsplätzen erfolge nach Plan: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“. Das Zitat, Friedrich Engels schrieb es einst Georg Wilhelm Hegel zu, zeugt vom marxistischen Weltbild des vor 1933 in der Sozialdemokratie geprägten Mannes. Zeittypisch dagegen Fritz’ Lob, in der Sowjetunion seien „Langhaarige und Schnauzbärtige ebenso verpönt“ wie „halbnackte Damen“.

Bürgermeister fallen Mängel auf

Dem kritischen Blick eines Bürgermeisters fallen aber auch die zahlreichen Mängel auf. Typisch für seine lange Liste beklagten Vorrangs von Quantität vor Qualität sind die bloßliegende Eisenarmierung von Gehwegplatten. Wie hier im Kleinen stimme der Anspruch mit der trüben Realität auch im Großen selten überein. Trotz des Besuchs des berühmten, riesigen Moskauer GUM-Kaufhauses gebe es auch „kaum ein Warenangebot“.

Fritz spricht schließlich auch die Angst vieler Menschen vor Gästen aus dem Westen an. In Leningrad hatten zwar mitgebrachte Kugelschreiber und Zigaretten (Kaugummi hatte man vergessen) sich als „Türöffner“ für Gespräche mit Einheimischen erwiesen. Doch zumeist wendeten sich die Menschen wohl aus Angst ab. Übernachtet wird in Hotels für Ausländer. Die Angst vor dem übermächtigen Überwachungsapparat ist groß.

Alles in allem vermitteln die Reiseeindrücke ein ambivalentes Bild. Glanz steht neben Verfall und gescheiterten Ansprüchen. Die Menschen sind freundlich, doch behindert die Überwachung einen Kontakt zwischen Deutschen und Russen. Dass der aber jenseits aller Unterschiede wichtig ist, daran lassen die Reiseerzählungen von Fritz keinen Zweifel.