Auf Kreuzfahrt durch Asien mit der „Europa 2“ entdecken Passagiere pulsierende Städte wie Ho-Chi-Minh-Stadt. Im ehemaligen Saigon finden sich Spuren der französischen Kolonialzeit und Wunden aus dem Vietnamkrieg.
Die Straßen von Ho-Chi-Minh-Stadt sind verstopft. Tag und Nacht. Auf rund zehn Millionen Einwohner kommen sechs Millionen motorisierte Zweiräder. Und alle scheinen gleichzeitig unterwegs zu sein. Brummende Schwärme aus Vespas, Mofas, Rollern, Motorrädern fahren wild durcheinander. Die Stadt gibt ein Konzert aus quietschenden Bremsen, knatternden Motoren und dröhnenden Hupen. Im Moped-Meer schwimmen ein paar Busse, Autos und Taxis wie Fettaugen auf der Pho-Suppe. Besonders spannend wird das an Kreisverkehren oder dann, wenn an mehrspurigen Straßen links abgebogen werden soll. Seltsamerweise sieht man keine Unfälle. Eine unsichtbare Macht bringt Ordnung ins Chaos.
Der Einfachheit halber nennt man die Stadt noch „Saigon“
Seit 1976, als Nord- und Südvietnam wiedervereinigt wurden, heißt die Stadt offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt. Saigon bezeichnet nur noch die Innenstadt, den Distrikt 1. Doch das schert die Bewohner nicht. Man spricht der Einfachheit halber von „Saigon“, der Flughafencode lautet „SGN“, auf den Kühlschrankmagneten, die Touristen als Mitbringsel kaufen, steht „Sai Gon“. „Nur Nordvietnamesen sagen, sie fahren nach Ho-Chi-Minh-Stadt“, erklärt Duy Phan Kim Khánh (40), der als Fremdenführer beim Saigon Tourist Office arbeitet.
Beim Spaziergang durch die Innenstadt zeigt er den Touristen, deren Kreuzfahrtschiff über Nacht im Hafen liegt, historische Häuser aus der Kolonialzeit. Oper, Postamt, Verwaltungsgebäude – die Franzosen haben architektonische Spuren hinterlassen. Das Rathaus heißt „Hôtel de Ville“, die Kathedrale trägt den Namen „Notre Dame“. Seit 2017 ist das Gotteshaus mit den Zwillingstürmen hinter einem Gerüst versteckt. „Alle Baustoffe wurden damals aus Europa herangeschafft. Für die Renovierung braucht man jetzt wieder französische Ziegel – und das dauert“, sagt Stadtführer Duy.
Der Charme des untergegangenen Indochina
Auch das Hotel Continental am Lam Son Square atmet noch immer den Charme des untergegangenen Indochina. Schriftsteller Graham Greene verfasste hier den legendären Roman „Der stille Amerikaner“. Fast wie auf dem aussichtsreichen Achterdeck der „Europa 2“ fühlt man sich hoch oben auf der Dachterrasse des Rex. Das Haus wurde in den 1930er Jahren als Citroën-Autohaus gebaut und später zum Hotel. Ab 1965 informierten die US-amerikanischen Streitkräfte im fünften Stock über die Neuigkeiten des Vietnamkriegs, immer nachmittags um 17 Uhr. Weil dabei Nachrichten geschönt wurden, was das Zeug hielt, tauften die internationalen Reporter die Veranstaltungen „Five O’Clock Follies“. Heute gibt es noch immer „Unsinn um fünf Uhr“ – in Form eines Cocktails. Die Mischung aus Rum, Wodka, Gurkensaft, Minze und Limone erinnert an Caipirinha. Mutige bestellen einen Drink namens „B 52“, die Abkürzung steht für einen Langstreckenbomber der US-Luftwaffe.
Welche schrecklichen Folgen diese Flugzeuge vor mehr als 50 Jahren angerichtet haben, zeigt das War Remnants Museum, das Museum für Kriegsrelikte. Bis in die 1990er Jahre trug die Ausstellung den propagandistischen Namen „Haus der Verbrechen des Amerikanischen Imperialismus und dessen Marionettenregimes“. Die Exponate, obgleich ebenfalls im Zuge des politischen Tauwetters abgemildert, sind nichts für schwache Nerven: Fotos von gefallenen Soldaten, verletzten Zivilisten, durch die Folgen von Entlaubungsmitteln missgebildeten Kindern, Waffen, Panzer, Gasmasken. „Die USA griffen in den Konflikt zwischen Süden und Norden ein, weil sie den Kommunismus aufhalten wollten“, sagt Duy.
Duft von Jasmin und Fettgeruch aus Garküchen
Am Ende setzte sich Nordvietnam durch, geschätzt vier Millionen Vietnamesen und knapp 60 000 Amerikaner starben. Ho Chi Minh – der Vorzeigekommunist, Guerillakämpfer, Übervater der Nation und Namensgeber der Stadt – grüßt als Denkmal an der für Aufmärsche bestens geeigneten Nguyen-Hue-Straße. Direkt neben „Onkel Ho“ hat sich der Kapitalismus durch die Hintertür eingeschlichen. Auf der Duong Dong Khoi („Straße der Volkserhebung“), der ehemaligen Rue Catinat, bieten westliche Edelmarken in klimatisierten Boutiquen ihre luxuriösen Produkte an: Tiffany, Dior, Chanel, Louis Vuitton und wie sie alle heißen. Das mit der Planwirtschaft hat nämlich nicht so ganz geklappt, daher schwenkte die kommunistische Partei Vietnams in den 1980er Jahren auf sozialistische Marktwirtschaft um.
Eine Stadt der Kontraste: Aus sorgsam polierten Maybach-Limousinen entsteigen frisch gestrichene Damen in Louboutin-Schuhen, ein paar Meter weiter schläft ein Mann auf einem Stück Pappe im Staub, das Gesicht mit einem typischen spitzen Hut bedeckt. Der Duft von Jasmin mischt sich mit Fettgeruch aus Garküchen und Abgasen.
Zu den Hauptsehenswürdigkeiten zählt der kommunistische Prachtbau des Wiedervereinigungspalasts, aber auch die dank Instagram weltweit gültige Optik des Hipster-Lifestyles hat steingewordenen Niederschlag gefunden: Im Coffee-Apartment-Haus gibt es Dutzende kleiner Cafés. Das neunstöckige Wohnhaus ist eine vertikale Food-Meile, durch die man bequem spazieren kann.
Die Straßenseite wechseln wird zur Mutprobe
Ansonsten leben Flaneure in Ho-Chi-Minh-Stadt gefährlich. Selbst ein Wechsel der Straßenseite wird zur Mutprobe, sogar am Zebrastreifen oder einer Ampel. Duy gibt Profi-Tipps: „Einfach gehen. Langsam, aber bestimmt. Nicht stehen bleiben und vor allem nicht rückwärts laufen.“ Tatsächlich werden auf zwei Beinen laufende Hindernisse kunstvoll umkurvt. „Ab 16 Jahren darf man den Mofa-Führerschein machen. Aber viele fahren einfach ohne Fahrerlaubnis. Die Lizenz ist teuer, da lässt man sich lieber mal von der Polizei erwischen und zahlt die Strafe“, erzählt der Fremdenführer.
Definitiv im Besitz eines Führerscheins sind die Fahrer der Firma Vespa Adventures. Für umgerechnet knapp 90 Euro nimmt der Touranbieter Touristen mit auf Erkundungstour und kurvt auch mal in entlegene Gegenden jenseits des Saigon River. Auf dem Sozius sich mutig ins wilde Leben stürzen ist für manchen Europäer das bisher größte Abenteuer seines Lebens. Am Ende gibt es ein Erinnerungsfoto mit dem Fahrer. Es wird mit Stolz nach Hause getragen, als sei es das Zertifikat eines Survival-Kurses.
Info
Asien-Kreuzfahrt
Hapag-Lloyd Cruises ist mit verschiedenen Schiffen in Südostasien unterwegs. Bei der 16-tägigen Tour von Bangkok nach Bali liegt die „Europa“ zwei Tage in Ho-Chi-Minh-Stadt. Termin: 2. 12. 2024 bis 18. 12. 2024, Preis ab 8990 Euro pro Person. 2025 kann man das alte Saigon ebenfalls über Nacht als Gast auf der „Europa 2“ erleben. Die Reise führt von Hongkong nach Schanghai, Termin: 8. 2. 2025 bis 22. 2. 2025, Preis ab 8990 Euro pro Person, weitere Infos unter www.hl-cruises.com. Auch die „Mein Schiff 5“ steuert die Stadt an. Es gibt elf Termine im kommenden Winter, z. B. 20. 12. 2023 bis 3. 1. 2024, ab 1399 Euro pro Person in der Innenkabine, www.meinschiff.com. Aktivitäten
Auf dem Sozius einer Vespa erlebt man die Stadt hautnah. Vespa Adventures bietet verschiedene Touren, Preis: ca. 90 Euro, www.vespaadventures.com.
Allgemeine Informationen
https://vietnam.travel