Auf den ersten Blick wirkt Fuerteventura lebensfeindlich. Schwarz, Grau und Braun dominieren die Kanareninsel, verwitterte Lavafelder wechseln mit Schutthügeln. Steine und Sand, mehr scheint da nicht zu sein. Oder doch?
Wenn der gebürtige Rottweiler Andreas Caliman erzählt, dass er seit mehr als 20 Jahren auf Fuerteventura lebt, erntet er ungläubiges Staunen. „Aber da ist doch nix“, sagen die meisten, nachdem sie auf baumlosen Straßen durch trostlose Geröllwüsten vom Flughafen zum Feriendomizil an der Küste gefahren sind. Auch hier dominiert eher Naturgewalt: kilometerlange Sandstrände unter gnadenloser afrikanischer Sonne und ein faszinierendes Meer mit tosenden Brechern und gewaltigen Strömungen. Der 322 Kilometer langen Küstenlinie, von der etwa 55 Kilometer Sandstrände sind, verdankt die zweitgrößte Kanareninsel das Gros ihrer Gäste: Sonnenanbeter und Strandliebhaber, Windsurfer und Wellenreiter.
Verborgene Schätze
Auch Caliman kam wegen des Wassersports auf die Insel. Doch er blieb wegen der kargen Schönheit und der verborgenen Schätze. Zu denen führt er auf Wanderungen wie jener nach Los Molinos. Beim Freilichtmuseum La Alcogida, dessen Natursteinbauten daran erinnern, dass Fuerteventura einst eine Kornkammer war, liegt der Einstieg in die Barranco de los Molinos. Der Wanderführer zupft an einem Johannisbrotbaum und reicht die schokoladig schmeckenden Schoten weiter. „Mit diesen Samen, die alle gleich groß und schwer sind, bestimmte man einst das Gewicht von Diamanten“, erzählt er.
Schon nach wenigen Metern schmücken erste bunte Tupfen die steinige Schlucht: zartrosa Salzkraut hier, die lila Blüten des Bocksdorns dort, dann ein grüner Teppich aus strauchiger Sode, einer Salzwiesenpflanze. Immer tiefer gräbt sich die Schlucht ins Gelände, immer höher ragen die steilen Wände neben den Wanderern auf. Zeitgleich mit dem ersten Wasser, einem grünlichen Rinnsal, tauchen erste Vögel auf. Falken und Bussarde ziehen ihre Kreise. An den von wildem Tabak gerahmten Tümpeln tummeln sich Seidenreiher, Regenpfeifer und Kanarenpieper. Eine weiße Krawatte aus Vogeldung verrät ein Geiernest hoch oben im Fels.
Leider zeigt sich keiner der weißen Riesenvögel. Dafür sieht man immer wieder Ziegen, die sich geländegängig durch die Felswelt futtern. Es sind Trockenziegen, die wegen ihres Fleisches gehalten werden und durchs Gelände stromern dürfen, während ihre Kollegen Milchziegen eingezäunt leben fürs regelmäßige Melken. 120 000 Ziegen zählt Fuerteventura – so viele wie zweibeinige Einwohner. Einmal im Jahr werden die frei lebenden Ziegen in Steinkreisen zusammengetrieben, durchgezählt und markiert. „Dabei hilft die halbe Insel mit, und zum Schluss gibt’s Ziege vom Grill“, erzählt Caliman.
Ein Gedicht aus Ziege und Exotik
Auf den Geschmack kommt man bei Ismael Bouattou Ouattouch. Der 31-jährige Marokkaner kam als jugendlicher Bootsflüchtling auf die Kanaren, lernte im Restaurant eines Deutschen und wagte 2021 den Sprung in die Selbstständigkeit. Jetzt bekocht er seine Gäste im Restaurant Unamano im Valle de Santa Inés. Zum Beispiel mit Zicklein arabisch, einem Gedicht aus zartem Fleisch, frischem Gemüse und exotischen Gewürzen. „Ich bringe gerne die Küchen von Europa und Afrika zusammen und freue mich, wenn das ankommt“, sagt er.
Eher das Handwerk als die Kunst des guten Geschmacks dominiert bei Pepe: Auf der Ziegenfarm der Familie Hernandez nördlich von Betancuria produzieren Pepe und Isabel mit ihren Töchtern Rita und Zenaida rund 1000 Kilo Käse im Monat. Aus der Milch ihrer 600 Ziegen werden ein Frischkäse, ein halb- und ein vollreifer Käse gemacht. „Der besondere Geschmack kommt von der mineralischen Erde, von der die Ziegen das Futter nehmen, und vom salzhaltigen Wasser auf der Insel“, verrät Isabel Hernandez.
Das Grundwasser taugt nur zum Tomaten gießen
Auch die Tomaten der Insel gewinnen Geschmack durchs salzige Grundwasser, das nur zum Gießen taugt. „Trinkwasser wird meist importiert, weil das Wasser aus den Entsalzungsanlagen über marode Leitungen verloren geht und nicht besonders gut schmeckt“, sagt Inselkenner Caliman. Es regne nur selten auf der Insel, aber dann heftig: „Die Schluchten laufen schnell voll, und dann gilt die alte Weisheit, dass in der Wüste mehr Menschen ertrinken als verdursten.“
Doch dort, wo Wasser ist, explodiert die Natur. Rund um eine kanarische Windmühle wachsen Kräuter und Wandelröschen, Quitten leuchten im Blattwerk, und Aloe-Pflanzen entfalten gelbe Blüten über fleischig grünen Blättern. Dieser Garten Eden gehört zu einer Farm in Agua de Bueyes, die sich auf den Anbau von Bio-Aloe-vera spezialisiert hat. „Aloe kann sehr lange ohne Wasser auskommen“, erklärt Mitarbeiterin Gisella Caschino. Die Pflanzen würden bei Wassermangel erst rötlich, dann braun, erholten sich aber, sobald man sie wässert. Auch ihnen „schmeckt“ sowohl das leicht salzige Wasser als auch der nahrhafte Saharastaub vom Festland – bis zu zwei Kilo pro Quadratmeter bläst der Wüstenwind Calima herüber.
Wie die Aloe zu Lebensmitteln, Kosmetik und Medizin verarbeitet wird, zeigt Caschino mit geübten Handgriffen: Blätter waschen, wässern, ringsum dick abschneiden und die farblose Gelschicht herausholen. Die soll Wunder wirken: als Detox, Wasserspeicher, Multivitamin, Antioxidans, Immunstärkung . . . Ganz schön üppig für eine Insel, auf der doch nix ist.
Info
Anreise
Von Stuttgart mit Eurowings, www.eurowings.com
Unterkunft
Üppig am Strand: Costa Calma Palace, DZ/F ab 169 Euro, www.sbhfue.com/de Hübsch in einer Bucht: Las Playitas Resort, DZ/F ab 115 Euro, www.playitas.net Nett auf dem Land: Hotel Rural Era de la Corte in Antigua, DZ/F ab 60 Euro, www.eradelacorte.com
Essen
Experimentelles serviert das Unamano in Valle de Santa Inés, https://unamano.bar Frischer Fisch kommt in der Casa Pon in Puertito de los Molinos auf den Tisch.
Aktivitäten
Inseltouren mit Andreas Caliman, www.fuertescout.info Buchtipp
Sabine May: Fuerteventura, ADAC-Reiseführer, 144 Seiten, 11,99 Euro