Der Ludwigsburger Fotograf Reiner Pfisterer porträtiert eine Branche während der Coronazeit: Die Fotoserie „Die Rückkehr der Musik“ ist eine Hommage an alle Kulturschaffenden auf und hinter den Bühnen.
Stuttgart/Ludwigsburg - Reiner Pfisterers Fotos sind bei Instagram zu sehen, liegen als Postkartensets an ausgewählten Orten aus und werden in einer Pop-up-Galerie im Stuttgarter Club White Noise gezeigt.
Herr Pfisterer, wie haben Sie den Beginn der Coronakrise erlebt?
Das Jahr 2020 begann für mich verheißungsvoll. Ich kam gerade von einer Produktion in Bilbao, und ein anderer schöner Job in Kopenhagen stand bevor. Dann wurde alles abgesagt. Mich hat das beruflich voll getroffen, ich habe zwei Monate lang kein Geld verdient. Das Thema meiner Arbeit sind Menschen, und plötzlich waren Menschen gefährlich.
Wie haben Sie die Situation bewältigt?
In den ersten fünf Wochen nach dem Lockdown habe ich wie die meisten Betroffenen nicht viel getan. Ich habe mich den Umständen erst einmal ergeben. Im Mai dann habe ich mit meinem Projekt begonnen. Ich hatte ein Jahr lang das Stuttgarter Kammerorchester begleitet, um ein Buchprojekt zu machen. Nach dem Lockdown riefen mich zwei Musiker des Orchesters an und sagten, sie würden ein Ständchen spielen für eine Dame, die im Altenheim ihren 106. Geburtstag feierte. Das war ein ganz besonderer Moment in einer Zeit, in der man viel Abstand voneinander halten musste.
Und so entstand die Idee zum Projekt?
In den ersten beiden Wochen dachte ich noch gar nicht an eine Serie. Aber ich merkte: Ein bisschen was geht da doch. Schließlich bin ich auf das Pop-Büro zugegangen und habe mit seinem Leiter, Walter Ercolino, über eine Kooperation gesprochen.
Gemeinsam mit dem Pop-Büro geht es Ihnen auch darum, Solidarität mit Künstlern, Technikern, Veranstaltern zu zeigen . . .
Mein Ansatz war von Anfang an solidarisch. Ich war so betroffen wie alle und sagte mir: Nun geht es darum, trotzdem da zu sein. Ich hatte immer schon großen Respekt vor den Veranstaltern, die den Mut haben, Konzerte auf die Beine zu stellen, und ich sagte mir, nun sei die Zeit, etwas davon zurückzugeben. Deshalb stelle ich den Künstlern und Veranstaltern meine Fotos kostenlos für Social Media zur Verfügung. Es geht darum, eine Sichtbarkeit zu schaffen.
Das Projekt ist dann ständig gewachsen und hat sich ausgeweitet.
Anfangs wollte ich nicht durch Deutschland reisen. Unter den ersten zehn Bildern, die ich gemacht habe, ist keines, das mehr als 20 Kilometer von Stuttgart entstanden ist. Später dann habe ich meinen Radius ausgeweitet auf Baden-Württemberg. Im Dezember habe ich beschlossen, darüber hinauszugehen. Mir war klar, dass das noch eine Weile laufen würde.
Sie bevorzugen es, Räume abbilden, Situationen bei Konzerten, gelegentlich auch im Publikumsraum oder hinter der Bühne.
Vor einigen Jahren schon habe ich eine Serie gemacht, die ich „Poparchitektur“ nannte, habe bei Festivals mit einer Panoramakamera fotografiert. Ich wollte zeigen, wie sich eine Szene in einer solchen Situation verändert, zum Beispiel beim Rock am Ring, oder bei den Jazz Open. Heute empfinde ich das nicht viel anders. Es geht darum, unter welchen Bedingungen Konzerte stattfinden können. Ich will so vielfältig, wie es ein Einzelner halt schaffen kann, die deutsche Kulturlandschaft in der Coronazeit abbilden.
Sie haben professionelle Musiker aus dem Pop- und Jazzbereich und der Klassik fotografiert, aber auch Amateure.
Im vergangenen Juli bin ich zufällig an einer Probe der Bissinger Blaskapelle vorbeigekommen, auf einer grünen Wiese. Ich habe kurz mit dem Dirigenten gesprochen und habe meine Kamera geholt. Eines meiner liebsten Bilder entstand bei der Probe eines Amateurmusicals in Neckarsulm auf einem Parkplatz, bei der jeder in seinem Auto saß, alle Autos miteinander verbunden waren und jeder seinen Text sprach.
Wie steht es denn nun aktuell um die „Rückkehr der Musik“?
Ich habe bis jetzt 248 Motive fotografiert, Konzerte und Proben. Die Postkartensets liegen an ausgewählten Orten in den großen Städten kostenfrei aus. Es ist schön, dass sich in der Ausstellung im White Noise nun auch einige große Formate finden. Ich denke an eine große Abschlussausstellung, bei der Bands spielen könnten. Geplant ist bislang aber noch nichts.
Wann wollen Sie Ihr Projekt beenden?
Ich hatte mir vorgenommen, so lange zu fotografieren, bis wieder 15 000 Menschen in die Schleyerhalle dürfen. Letzten Endes geht es darum, dass Normalität zurückkehrt. Dann ist auch die Musik zurückgekehrt. Ich rechne damit, dass es im nächsten Sommer so weit sein wird. Dann drehe ich noch eine Runde, um zu sehen, wie die neue alte Normalität aussieht.
Reiner Pfisterer „Die Rückkehr der Musik“
Beruf
Reiner Pfisterer wurde 1967 in Bietigheim geboren und fotografiert Musik seit mehr als 30 Jahren. Seit Mai 2020 dokumentiert er die Situation von Musikern, Technikern, Veranstaltern unter den Bedingungen der Pandemie. Unter dem Titel „Die Rückkehr der Musik“ hat er bisher vier Postkartensets veröffentlicht.
Online
Der Instagram-Kanal rueckkehrdermusik wird von Reiner Pfisterer regelmäßig mit neuen Aufnahmen bestückt. In Stuttgart im White Noise (Eberhardtstraße 35) ist die Ausstellung „Die Rückkehr der Musik“ noch bis zum 28. Oktober zu sehen sein.